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Markus & Markus gewinnen Best-off-Festival

Im Pavillon Markus & Markus gewinnen Best-off-Festival

Dürfen die das? Markus & Markus bringen mit "Ibsen: Gespenster" das Thema Sterbehilfe auf die Theaterbühne. Mit dem Stück hat das Theaterkollektiv beim Best-off-Festival für die freie Theaterszene Niedersachsens im Pavillon gewonnen.

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Streitbare Sieger: Markus Schäfer (links) und Markus Wenzel.

Quelle: Hertli

Hannover. Vermutlich geht es ohne Ablehnung gar nicht. Vermutlich ist es Teil der Inszenierung, auch Unverständnis artikulierbar zu machen. Das Theaterkollektiv Markus & Markus, vor fünf Jahren im Theaterhaus Hildesheim gegründet, verhilft in seinen Performances schließlich allen zu einer Stimme, die bereit sind, zu zweifeln. Zu hinterfragen. Nichts als gegeben hinzunehmen. Im Fall des Stückes „Ibsen: Gespenster“, mit dem die freie Gruppe jetzt das Festival Best Off der Stiftung Niedersachsen im Pavillon Hannover gewann, äußern sich einige Stimmen zudem bereits seit dessen Premiere in Zürich vor über einem Jahr ausgesprochen laut und meinungsstark. Markus & Markus nehmen sie ernst und haben einige davon deshalb im Festivalblog zusammengetragen. Die Theatermacher seien frivol, respektlos, brandgefährlich und dumm, Hallodris, Knallchargen und Brachialnaturalisten ist da zu lesen.

„Darf man das?“ sei von Anfang an eine zentrale Frage bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe gewesen, erzählt Produktionsleiterin Lara-Joy Hamann im Künstlergespräch. Darf man den Weg einer alten Dame dokumentarisch begleiten, die beschlossen hat, sich in der Schweiz beim Tod assistieren zu lassen? Darf man das als Videoerzählung auf die Theaterbühne bringen? Darf man es mit trashiger Performance verbinden? Wie weit lässt man sich ein, und wo braucht es Distanz? Dass das Ergebnis auf Empörung wie auf Begeisterung bei Zuschauern und Kritikern trifft, ist im Sinne eines Stückes, das die Selbstbestimmtheit von Leben und Sterben zwiespältig erlebbar werden lässt. Das berührt und herausfordert. Persönlich wird.

Freies Theater ist auf der Suche nach Grenzen

Damit ist es auch im Sinne eines zeitgenössischen freien Theaters, das stets auf der Suche nach Grenzen ist, kleinen wie großen, individuell menschlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen. „Inhaltlich und ästhetisch am weitesten gegangen“ seien Markus & Markus von den zum Festival eingeladenen niedersächsischen Positionen, argumentiert die Jury aus Verantwortlichen dreier großer Spielstätten für freies Theater, den Sophiensaelen in Berlin, der Schwankhalle in Bremen und dem Mousonturm in Frankfurt.

Markus & Markus erhalten ein Preisgeld von 5000 Euro. Wer als Theatergruppe zu Best Off eingeladen wurde, hatte jedoch bereits vorher gewonnen: 10 000 Euro bekommen alle sechs freien Gruppen, die im Rahmen des Festivals Produktionen aus den vergangenen zwei Jahren zeigen. Auf die Ausschreibung im Jahr 2013 hatten sich 47 Ensembles und Kollektive beworben. Eine Jury wählte jene aus, die mit Aktualität, Relevanz und Umsetzungsniveau am meisten überzeugen konnten. Damit zeigt das Festival ein beeindruckendes Panorama freien niedersächsischen Theaterschaffens. Allerdings ohne repräsentativen Anspruch.

"Richtig und Falsch immer wieder neu zu verhandeln"

Das freie Theater zeichne sich eben dadurch aus, dass es sich nicht festlegen lasse, erklärt Annemarie Matzke, Professorin an der Universität Hildesheim, in einer Diskussionrunde: „Im besten Falle kann man eben nicht sagen, wohin sich das entwickelt.“ Das Festival ist drei Tage lang auch ein Treffpunkt Theaterschaffender und ein Forum, um sich mit dem Status Quo auseinanderzusetzen. „Richtig und Falsch immer wieder neu zu verhandeln“, wie es Daniela Koß von der Stiftung Niedersachsen ausdrückt.

Franziska Werner, künstlerische Leiterin der Sophiensaele, bescheinigt allen Gruppen des Festivals Anspruch, Sinnlichkeit, Fantasie und Mut. Sie habe neugieriges Theater gesehen, das nach anderen Erfahrungen Ausschau hält, mit dem Publikum gemeinsam ein Stück Weg gehen möchte. Dabei bricht sich gesellschaftliche und politische Relevanz auf unterschiedlichste Weisen Bahn. Sei es zum Beispiel im interaktiven Umgang mit Regeln auf der Basis eigenen Alltagserlebens bei der „Konferenz der wesentlichen Dinge“ von pulk fiktion. Im Heraufbeschwören der verbindenden Kraft inszenierter Menschheitsträume bei „Im Schatten des Mondes“ vom Theater Fensterzurstadt. Oder im selbstbewussten Aufbrechen jahrhundertelang etablierter männlicher Perspektiven bei „J.U.D.I.T.H.“ vom Kollektiv Christians/Schwenk.

Nach dem Ende von „Ibsen: Gespenster“ verharrt das Publikum am Eröffnungsabend berührt in minutenlanger Stille. Erst dann scheint anhaltender Applaus möglich zu sein. Markus & Markus wollen kontrovers bleiben. In Zukunft sogar wieder öfter in Niedersachsen. Vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur werden sie in den kommenden drei Jahren eine Konzeptionsförderung erhalten, das erste Stück ihrer neuen Trilogie erarbeiten sie mit dem Oldenburgischen Staatstheater. „Es gibt viel zu tun in der hiesigen Kulturszene“, kündigt Markus Schäfer bei der Preisverleihung an, „wir legen jetzt richtig los.“

Von Thomas Kaestle

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