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Die Emanzipation der Perkussion

Martin Grubinger im Großen Sendesaal Die Emanzipation der Perkussion

Für Martin Grubinger sind Konzerte in Hannover fast wie ein Heimspiel. So auch das Pro-Musica-Konzert im Großen Sendesaal des NDR-Funkhauses. Das Publikum ist bereits aus dem Häuschen, bevor der österreichische Schlagzeuger überhaupt angefangen hat.

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Spitzenklöppler: Rainer Furthner und Martin Grubinger (rechts) bei der Probe für ihren Pro-Musica-Auftritt.  

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Schon der allererste Blick auf die Bühne, es sind noch gar keine Musiker da, illustriert, was Martin Grubinger gleich erläutern wird: Dass es an diesem Abend um die Emanzipation des Schlagwerks geht. Trommeln, Marimbas, Vibrafone, Pauken, Röhrenglocken, Bongos, Congas, Becken - man muss richtig suchen, bis man in der Überfülle an Perkussionsinstrumenten den Flügel entdeckt, der ja nun wirklich nicht klein ist.

Martin Grubinger hat (Achtung, Kalauer!) einen Schlag beim hannoverschen Publikum. Kein Wunder also, dass der Große Sendesaal des NDR-Funkhauses beim Pro-Musica-Konzert am Sonnabend rappelvoll ist und dass die Leute schon frenetisch klatschen, bevor der junge österreichische Schlagzeuger, 1983 geboren, auch nur einen Schlägel angefasst hat.

Er ist mit seinem Vater Martin Grubinger senior, seinem Lehrer, gekommen und mit 13 weiteren Musikern. „The Century of Percussion“ steht auf den Programmzetteln. Das beginnt da, wo die Zeiten zu Ende gingen, in denen der Mann mit der Pauke hinten rechts im Orchester vier Fünftel der Zeit stillsitzen musste. „Wir zeigen, was das Schlagzeug in den letzten hundert Jahren geleistet hat“, sagt Grubinger. „Sprache ist Rhythmus, Bewegung ist Rhythmus“, sagt sein Vater.

Tempo. Eleganz. Präzision.

Grubinger senior hat einen Paforceritt von der Klassik über die afrikanisch-lateinamerikanische Volksmusik zum Jazz zusammengestellt. Es werden verschiedene Motive angespielt, Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, mit dem der Rhythmus über die westlichen Konzertsäle hereinbrach, ebenso wie die „Peter Gunn“-Filmmusik von Henry Mancini oder „Cantaloupe Island“ von Herbie Hancock. Und von diesen Melodien ausgehend geht es dann (Kalauer!) Schlag auf Schlag weiter.

Grubinger junior bedient die Marimbas in einem Tempo, dass die Augen beim Zuschauen nicht mehr scharfstellen können. Dann wieder streichelt er die Klangstäbe nur, es entstehen schwebende Töne. Im nächsten Moment bearbeiten er und seine Kollegen Vibrafone, japanische Taiko-Drums, Snare-Drums, Bongos, Lkw-Reifen-große Pauken, Blechstücke, Holzblöcke, vor den Körper geschnallte dreistöckige Trommeln und Glöckchen. Und etwas, das aussieht wie an die Wand geschraubte Kochtöpfe.

Das Publikum sieht und hört: Tempo. Eleganz. Präzision. Und es spürt: Spaß. Selten erlebt man es in einem Konzertsaal, dass sich 15 Musiker immerzu hin und her anlächeln, und das ist ansteckend. Jeder hat sein Solo (na gut, Grubinger junior hat etliche Soli, dafür ist er der Star). Aber herausragende Könner wie der Marokkaner Rhani Krija mit seinen zwei türkischen Darbukas kassieren Szenenapplaus (auch von den Kollegen), der Brasilianer Luis Ribeiro zaubert mit kehligem Gesang und einem Berimbau (ein Holzbogen mit einer Saite und einem Kürbis als Resonanzkörper, gespielt mit einem Stöckchen) die eine oder andere Träne in die Zuschaueraugen.

Es gibt Feuilletonisten in der Republik, die das alles für eine oberflächliche Show halten, die nölen, da würden die Klassiker nur benutzt, um (Kalauer?) Tamtam zu machen, die den Ernst der Lage zu wenig beachtet finden. Würden sie im Sendesaal vorne stehen und ihre Kritik vortragen, das Publikum würde ihnen ins Gesicht grinsen und einfach weiter mit den Füßen wippen.

Direkt in die Seele

Wohl niemand im Raum wird die drei Minuten vergessen, in denen Alexander von Hagke mit dem Sopransaxofon an den Bühnenrand kommt und eine leise getragene Melodie spielt, die von Arvo Pärt stammen könnte, und drum herum hocken vier Perkussionisten (Martin Grubinger als einer von ihnen) am Boden und bearbeiten zwei stählerne Hang-Trommeln mit den Fingerspitzen.

Von wegen Show. Das geht direkt in die Seele.

Von Bert Strebe

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