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Lohnen sich fünfeinhalb Stunden Dostojewski?

Die Brüder Karamasow im Schauspielhaus Lohnen sich fünfeinhalb Stunden Dostojewski?

Nicht viereinhalb Stunden, wie es im Programmheft steht, sondern fünfeinhalb Stunden dauert Martin Laberenz' Inszenierung von Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ im hannoverschen Schauspielhaus. Ein maßloses Stück über einen maßlosen Roman.

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Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewskij Schauspiel Hannover.

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Weil Regisseur Martin Laberenz bereits vier Romane des russischen Dichters Fjodor Dostojewski auf die Bühne gebracht hat, gilt er in Theaterkreisen als Dostojewski-Fachmann. Bemerkenswert daran ist, dass das zeitgenössische Theater einen Dostojewski-Fachmann kennt, aber keinen Kleist-Fachmann und auch keinen Botho-Strauß-Fachmann. Jetzt hat Martin Laberenz seine fünfte Dostojewski-Inszenierung abgeliefert: Im großen Haus des Schauspiels Hannover hatte seine Version von „Die Brüder Karamasow“ Premiere.

Zuschauer verlassen Theater frühzeitig

Im Programmheft war die Spielzeit mit viereinhalb Stunden angegeben, in Wirklichkeit dauerte es dann aber doch noch eine Stunde länger: fünfeinhalb Stunden, von 19 Uhr (mit Bedacht hat man eine etwas früheren Anfangszeit gewählt) bis 0.30 Uhr. Einige (naja: viele) Zuschauer hielten nicht so lange durch und verließen das Theater frühzeitig. Wer bis zum Schluss blieb, applaudierte freudig bis begeistert – ein bisschen wohl auch sich selbst.

Dass „Die Brüder Karamasow“ ihre (Spiel-)Zeit brauchen, ist klar; der im Jahr 1880 veröffentlichte Roman umfasst mehr als 1200 Seiten, mit 90 Minuten Spieldauer kommt man da nicht weit. Luc Perceval, der den Roman am Hamburger Thalia Theater inszeniert hat, brauchte dreieinhalb Stunden, Frank Castorf kam an der Berliner Volksbühne auf sechs Stunden und 15 Minuten. Manchmal muss es eben ein bisschen mehr sein. Und einem Theater, das nie maßlos sein will, dürfte es wohl an Selbstbewusstsein fehlen. (Immer nur maßlos zu sein, wäre aber auch keine gute Idee).
Außerdem sind es ja große Themen, die hier verhandelt werden, da kann man schon mal weit ausholen. Glaube und Verantwortung, die Frage nach einem Leben ohne Gott, Liebe und Schuld, Geld und Gier, Leidenschaft und Weisheit, und auch der Generationenkonflikt kommen in der Geschichte vom alten Karamasow und seinen Söhnen auf die Bühne. Die wurde von Volker Hintermeier als eine Art seitlich aufgeschnittener Trichter konstruiert. Der ist gut und gerne sieben Meter hoch und ständig am Rotieren. Manchmal – besonders wenn sich mit der Spieldauer eine gewisse Müdigkeit einstellt, kann man auch einen aufgeschnittenen Kaffeefilter assoziieren, aber treffender wäre noch das Bild eines aufgeschnittenen Lautsprechers.

Scheppernde und dröhnende Klänge

Denn hier ist vieles laut. Friederike Bernhardt und Johannes Cotta begleiten die Inszenierung als Live-Musiker. Oft wirken die Klänge, die sie den Szenen unterlegen, irgendwie übersteuert. Es scheppert und dröhnt. Das wiederum entspricht durchaus dem Stilgefühl des Regisseurs. Auch er übersteuert viele Szenen und lässt die Schauspieler scheppern und dröhnen. Das ist natürlich auch Teil des Spiels mit der Maßlosigkeit. Und oft ist das sehr packend.

Großartige Schauspieler gibt es zu sehen. Henning Hartmann als Sohn Dmitrij: aufbrausend, verpeilt, gefährlich. Günther Harder als Aljoscha: sensibel, wundgelegen von Gläubigkeit, verzweifelt freundlich. Sebastian Grünewald als Iwan: stark, leise, kalt. Susana Fernandes Genebra spielt neben anderen Rollen auch den weisen Starez Sossima – erstaunlich, wie wenig Stimmverstellung sie braucht, um so eine Männerrolle zu präsentieren. Vanessa Loibl spielt die junge Lise mit veritabler Härte. Toll.

Es gibt hier viele starke Schauspielermomente. Aber auch viele schwache. Und mache Textunsicherheit deutete darauf hin, dass die Probenzeit wohl nicht ganz ausreichend war. Man hätte sich vielleicht auch Zeit für Kürzungen nehmen können. Der lange Abend ist zwar voll von starken Momenten, aber irgendwann fangen der ewig rotierende Kaffeefilter, der ewig wallende Bühnennebel und das ewige Herumgeschiebe der mannshohen Christusfigur auch zu nerven an.

Hätte der Intendant einschreiten und Kürzungen verlangen müssen? Vielleicht. Aber Lars-Ole Walburg war anderweitig beschäftigt. Er hat am Hamburger Thalia Theater Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ inszeniert. Die Premiere fiel auf den selben Tag wie die Dostojewski-Premiere in Hannover.

Nächste Vorstellung

Wieder am 23. und 30. April sowie am 6. und 8. Mai, Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.

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