Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Martin Sonneborn zu Gast im Literarischen Salon
Nachrichten Kultur Martin Sonneborn zu Gast im Literarischen Salon
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 19.12.2017
Martin Sonneborn im Audimax der Leibniz Universität (die er nur „Bahlsen Universität“ nennt). Quelle: Samantha Franson
Hannover

 Schon merkwürdig: Der Literarische Salon der Leibniz Universität feiert seinen 25. Geburtstag – und zur ersten der beiden Jubiläumsveranstaltungen verzichtet man auf all das, was zwingend zur Salonkultur gehört. Es gibt keinen Moderator, keinen vorbereiteten Gesprächspartner und keinen Widerspruch. Die Bühne gehört dem Satiriker und Politiker Martin Sonneborn allein. Er macht zwei Stunden Infotainment. Und er macht das gut.

Der Auftritt von Martin Sonneborn

Sonneborn ist das Geburtstagsgeschenk, das der Salon sich selbst bereitet hat. Es ist ein schönes Geschenk, und es kommt auch sehr gut an. Der Audimax, in den der Salon des großen Andrangs wegen umgezogen war, ist ausverkauft. Das war das letzte Mal beim YouTube Star „Sick“ so, der von seinen Drogenerfahrungen berichtete. Sonneborn berichten von seinen Politikerfahrungen. Seit 2014 sitzt er für die Partei „Die Partei“ im Europäischen Parlament.

Er sagt, er würde wechselweise mit Ja und mit Nein abstimmen, es käme ja nicht so darauf an. Er kokettiert mit seinen Privilegien („Gibt es eigentlich noch Busfahrkarten? Haben Sie noch Busse in der Stadt? Ich nutze ja den Limousinenservice.“) und mit seiner Randständigkeit („Ich gehöre zu den Fraktionslosen, das ist der Abschaum des Parlaments.“). Er macht sich über die charakteristische Sprechweise eines Politikers lustig, den er konsequent nur „Chulz“ nennt („ein historicher Tag“, „zynich“, „menchenverachtend“) und er verrät, dass er plant, ein Buch über seine Zeit im Europa-Parlament zu schreiben (Arbeitstitel: „Ja zu Europa. Nein zu Europa“.) 

Martin Sonneborn spricht sehr bedacht und stets mit bewusster Betonung der Endsilben - wie ein angehender Schauspieler, der wegen Talentlosigkeit und mangelnder Leidenschaft früh schon plant, ins Sprechergeschäft einzusteigen. Auch wirkt er ein bisschen steif, aber das ist Teil seiner Politikerinszenierung. Manchmal, ganz selten nur, scheint er die Rolle des Amateurpolitikers abzulegen. Etwa bei Sätzen wie: „Ich dokumentiere die unseriöse Seite der EU. Ich ärgere dicke, alte, weiße Männer, die die EU in den Zustand gebracht haben, in dem sie jetzt ist.“

Sonneborn ist ein großartiger Satiriker, ein Aufklärer, einer der zeigt, wie es wirklich ist. Er präsentiert einige Videos, die das beweisen. Einmal bringt er einen Pharmalobbyisten dazu, die Wahrheit über günstigere Arzneimittel zu sagen, einmal legt er einen Pressesprecher der Deutschen Bank herein, der ein Interview nur mit vorbereiteten Fragen und Antworten führen wollte. 

Diese Blicke hinter die Masken, diese Versuche, die Fassade zum Einsturz zu bringen, hätte man sich auch im Fall Sonneborn gewünscht: Was ist das für einer hinter dieser glatten Oberfläche des immer leicht gelangweilt wirkenden Politikerdarstellers? Ein Salongespräch hätte wohl die Chance dazu geboten. Aber das fand ja nun leider nicht statt. 

Immerhin: Die Zuschauer waren zufrieden: Es gab Gelächter und viel Applaus. Und natürlich lobten auch die „Partei“-mitglieder ihren Chef. Julian Klippert,  Vorsitzender der „Partei“ in Hannover,  meinte: „Auch zum Jubiläum des Literarischen Salons verbindet Martin Sonneborn Kultur, Politik und Satire so zu einer Einheit, dass wir uns gar nicht fragen müssen, ob dort ein Widerspruch herrscht.“

Eben. 

Der 25. Salongeburtstag wird am Sonnabend im Salon im Contifoyer gefeiert. Mit dabei: die Pianistin Marina Baranova und das Orchester im Treppenhaus und der Slam-Poet Tobi Kunze. Beginn:  19.00 Uhr, Eintritt frei – aber eine Anmeldung unter info@literarischer-salon.de ist erwünscht 

Von Ronald Meyer-Arlt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Buchtipps für die Familie - Komm, wir lesen Weihnachtsgeschichten

Vor dem Fest lässt sich mit der richtigen Lektüre die Wartezeit verkürzen. Wir haben in Klassikern und neuen Büchern geblättert.

15.12.2017

So kernig wie früher. Auf „I Knew You When“ erzählt US-Rockröhre Bob Seger von seinem musikalischen Bruder, dem verstorbenen Eagles-Frontmann Glenn Frey. Aber er singt auch von der Liebe und warnt seine Landsleute, sich auf den Präsidenten zu verlassen.

15.12.2017

Juan Sebastian Guse forscht als Sozialwissenschaftler über Literaturpreise – nun hat er für seinen ersten Roman selbst einen erhalten

18.12.2017