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Martina Gedeck liest im Literaturhaus

„Sie kam aus Mariupol“ Martina Gedeck liest im Literaturhaus

In „Sie kam aus Mariupol“ erzählt Natascha Wodin vom Leben und Sterben ihrer Mutter und von der Zwangsarbeit, die Deportierte während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland zu leisten hatten. Martina Gedeck las im Literaturhaus aus dem Buch.

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Literaturhaus; Der Norden liest; Natascha Wodin, Martina Gedeck

Quelle: Nancy Heusel

Hannover.  Als Natascha Wodin elf Jahre alt war, hat sich ihre Mutter das Leben genommen. Seit mehr als 60 Jahren ist die Mutter schon tot, aber Natascha Wodin fühlt sich ihr immer noch nah: „Für mich war sie immer anwesend“, sagt sie, „als Gefühl war sie immer da.“

In ihrem jüngsten Buch hat sich die Autorin auf Spurensuche begeben. In „Sie kam aus Mariupol“ erzählt sie vom Leben und Sterben ihrer Mutter, die in Deutschland eine Fremde war. Die Mutter stammte aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol. 1944 wurde sie von den Nazis als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt.  

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Die Lesung im Kommunalen Kino

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Natascha Wodin ist in Barackenlagern aufgewachsen. Als „Russenkind“ wurde sie in der Schule ausgegrenzt. Ihre Rettung: die deutsche Sprache und das Schreiben.  Auch darüber schreibt sie in ihrem Buch, das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. 

Jetzt war Natascha Wodin im Literturhaus Hannover in der Reihe „Der Norden liest“, veranstaltet vom TV-Magazin „Kulturjournal“ des NDR zu Gast. Der Andrang zur Lesung war so groß, dass die Veranstaltung im benachbarten Kommunalen Kino stattfand. Die Fernsehleute hatten sich entschieden, keine Autorenlesung zu veranstalten, sondern eine Schauspielerin mit dem Lesen zu beauftragen. Martina Gedeck las einige Passagen aus dem Roman. Sie hat Erfahrung mit Wodins Texten, schließlich hat sie das Hörbuch zum Roman „Nachtgeschwister“ gelesen. Natascha Wodin mochte das. „Da war gar nichts Fremdes dabei“, sagte sie. 

„Das Gefühl, nirgendwo hin zu gehören“ war lange Zeit bestimmend für Natascha Wodin. Martina Gedeck gelingt es, dieses Gefühl beim Lesen mitschwingen zu lassen. Sie liest langsam (was Autoren nie so schaffen, die wollen meist viel von ihrem Text lesen und eilen durch die Zeilen), fast klingt sie verträumt, aber dabei doch sehr genau, jedes Wort beachtend. Manchmal hält sie ihre linke Hand so, als wolle sie den Text ihren Zuhörern servieren.

Martina Gedeck veredelt den Text nicht, denn der hat gar keine Veredelung nötig, aber sie macht klar, was für eine großartige Geschichte diese literarische Spurensuche doch ist. Liegt es an Martina Gedeck und ihrer behutsamen, achtsamen Art zu sprechen, dass Natascha Wodin an diesem Abend wie Christa Wolf klingt? Oder liegt das an den ihrem Text, der hochsensibel und klar im Ausdruck an die Geschichte der Zwangsarbeiter erinnert, die bisher noch keinen Platz in der deutschen Erinnerungskultur gefunden hat? Etwa 40 000 Lager für Zwangsabeiter habe es in Deutschland gegeben, sagt Wodin. „Diese Lager konnte man nicht übersehen“, sagt sie, „es stand an jeder Ecke eins.“

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“. Rowohlt Verlag, 368 Seiten.  12 Euro.

Von Ronald Meyer-Arlt

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