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Matthias Brodowy stellt neues Programm vor

Premiere im Theater am Aegi Matthias Brodowy stellt neues Programm vor

Im ausverkauften Theater am Aegi feierte der Kabarettist Matthias Brodowy am Sonntag die Premiere seines neuen Programms "Gesellschaft mit beschränkter Haltung". Im dreistündigen Programm kombiniert er Gesellschaftskritik mit Musikeinlagen, spricht über Handysüchtige und selbst ernannte Wutbürger. Und erntet am Ende langen Applaus.

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Unterhaltsamer Moralist: Matthias Brodowy.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Schmal sieht er aus, jedenfalls für seine Verhältnisse. Das Trainingsprogramm, das er sich selbst verordnet hat, schlägt an; später am Abend wird er verraten, dass er seit Juli fast zehn Kilo abgenommen hat. Aber die Welt ist ja nicht besser geworden, da hat einer wie er unverändert gut zu tun. Sein Einstecktuch sitzt, und so plaudert Matthias Brodowy sich bei der Premiere seines neuen Programms „Gesellschaft mit beschränkter Haltung“ im ausverkauften Theater am Aegi rasch in Rage.

„Gegen Donald Trump erscheint George W. Bush wie ein großer abendländischer Intellektueller“, ruft der Kabarettist. Er spricht über die Ethikkommission der Fifa („Als würde die Frau des Papstes zur Gleichstellungsbeauftragten der Taliban berufen!“), er pflegt nostalgische Erinnerungen an die Freibadkindheit, als der Sommer noch nach einer „Melange aus Chlor und Pommesfett“ roch, und er sinniert über die Bestatterin, die sich selbst allen Ernstes als „Last Event Managerin“ bezeichnet.

Ein großer Erzähler von Merkel-Witzen ist Brodowy noch immer nicht geworden. Trotzdem ist dies sein bislang wohl politischstes Programm – und vielleicht auch sein bestes. Eher kämpferisch als komisch kommt er daher, wenn er über all die Handysüchtigen redet, die im Würgegriff der selbst produzierten Algorithmen stecken, über die vielen, die sich in den Kokon der eigenen Weltsicht einspinnen und über jene, die vor lauter Digitalisierung des eigenen Lebens die Wirklichkeit verpassen. Das ist natürlich der Refrain zeitgenössischer Kulturkritik, aber Brodowy trägt ihn sehr gekonnt vor.

Er klagt die mediale Dauerberieselung an, die ahnungslose Livetickerei der Fernsehsender bei Terrorakten: „Bringt uns das eigentlich irgendwie weiter, wenn man minutiös erfährt, dass man eigentlich noch nichts weiß?“, fragt er. „Wir sind ständig online, aber unser Gehirn ist offline!“ Ganz in der Tradition der Aufklärung produziert Brodowy unangestrengt Tiefsinn. Er zeigt sich unverhohlen als Moralist, wenn er fordert, dass es auf der Welt weniger Hunger und mehr Gerechtigkeit geben sollte. Den selbst ernannten Wutbürgern, die sich permanent von der Meinungsdiktatur unterdrückt wähnen, würde er gerne mal einen vierwöchigen Urlaub in Nordkorea spendieren, sagt er zornig.

Zum Lamento wird das fast dreistündige Programm dennoch nicht. Schließlich hat er immer mal einen Gute-Laune-Song oder ein Gänsehautstück am Piano in petto. Er streut kafkaesk verrätselte literarische Miniaturen ein, in denen schon mal Nietzsche als Stellvertreter Gottes im Himmel waltet. Er erzählt von einem Albtraum, in dem Beatrix von Storch und Frauke Petry, getarnt als Zeugen Jehovas, vor seiner Haustür stehen. Und er greift zur E-Gitarre für eine in mehrfacher Hinsicht verspielte Nummer, einen Blues, den er bei einem Musikportal in Bangladesch bestellt haben will („ein Billigtonland“).

Als Zugabe präsentiert seine gut aufgelegte Band dann Songs wie Brodowys Hannover-Lied, die bei seiner Fangemeinde längst Klassikerstatus haben. Da fragt sich mancher, ob das noch große Kleinkunst ist oder schon kleine Großkunst. Lang anhaltender Applaus.

In Hannover unter anderem am 21. und 22. September im TaK. Karten: (05 11) 44 55 62.

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