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Biller veröffentlicht „Biografie“

Auf dem Weg zum Bestseller Biller veröffentlicht „Biografie“

Maxim Billers Buch „Biografie“ ist auf dem besten Weg zum Bestseller. Das Werk ist wüst und schamlos, selbst für heutige Begriffe ungewöhnlich verdorben. Aber ist es auch gut?

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Mit platten Pointen – und Sex in allen Spielarten: Maxim Biller.

Quelle: dpa

Maxim Biller ist ein Meister der kleinen Form. Für seine Literaturkritiken, moralischen Geschichten, Polemiken ist er berühmt. Eine wichtige Kolumne hieß „Hundert Zeilen Hass“. Mit Intelligenz, Witz und Fleiß hat er sich eine bemerkenswerte Position im literarischen Leben erarbeitet.

Biller ist der einzige Kolumnist, der zur gleichen Zeit zwei der großen deutschen Feuilletons, das der „Zeit“ und das der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, regelmäßig mit Artikeln beliefert. Außerdem ist er festes Mitglied des neuen „Literarischen Quartetts“ im ZDF. Die Fußstapfen von Marcel Reich-Ranicki haben sich dabei nicht als zu groß erwiesen. Viele Schriftsteller fürchten sich laut „Spiegel“ vor Biller. Die „Welt“ konstatiert in jugendsprachlichem Jargon: Er „disst Kollegen und Bücher so eiskalt, dass selbst Bushido neidisch würde“.

Bushido würde neidisch werden

Billers erster Erzählungsband „Wenn ich einmal reich und tot bin“ wurde 1990 von Kritikern als „die Wiederkehr der jüdischen Literatur nach Deutschland“ gefeiert. Nun hat der 56-Jährige selbst einen 896-Seiten-Roman geschrieben. Über acht Jahre. „Biografie“ ist, wie Biller verkündet, deutlich länger als die „Blechtrommel“ (immer noch das Maß für künstlerische Anstrengung und Erfolg in Deutschland). In dem Buch erzählt uns der jüdische Schriftsteller Solomon Karubiner sein Leben. Die zweite Hauptfigur ist Noah Forlani, ein sehr reicher jüdischer Erbe, den sein Geld bedrückt und der versucht, es mit Filmen und allerlei Weltverbesserungsprojekten unter die Leute zu bringen. Solomon und Noah sind beste Freunde, seit sie in der Hamburger Synagoge ihre Bar-Mizwa erlebt und damit nach jüdischem Verständnis die religiöse Mündigkeit erreicht haben. Der Roman führt uns von Hamburg nach Berlin, Los Angeles, Prag, in den Sudan, in israelische Orte und schließlich in die ukrainische Kleinstadt Buczacz, wo die Karubiners und Forlanis unter Naziterror und Judenverfolgung gelitten haben.

Um Solomon und Noah herum sind etwa 60 ernstzunehmende Nebenfiguren gruppiert: Schriftsteller und Intellektuelle, sowjetische Agenten und Gestapo-Mitarbeiter, israelische Elitesoldaten und Hollywood-Schauspieler, sudanesische Diplomaten und tschechische Kunstsammler, Juden und Antisemiten jeglicher Nationalität. In kurzen schlaglichtartigen Szenen treiben Marcel Reich-Ranicki, George Constanza, eine Figur aus der amerikanischen Serie „Seinfeld“, oder Heinrich Böll die Handlung voran. Biller schildert die Welt der in der Bundesrepublik erwachsen gewordenen Generation von deutschen Juden, die inzwischen in der ganzen Welt leben. Dafür setzt er Sitcom-Szenen, flapsige und zuweilen flache Pointen sowie eine hoch sexualisierte Szenesprache ein.

Ungewöhnlich verdorben

Das Buch ist wüst und schamlos, selbst für heutige Begriffe ungewöhnlich verdorben. Nun gehört nach Henry Miller, Philip Roth und Harold Brodkey ja einiges dazu, mit sexuell expliziter Sprache und erotischen Darstellungen noch Aufmerksamkeit oder gar Anstoß zu erregen. Aber Biller gelingt das spielend. Sex in allen möglichen Spielarten hält das Buch zusammen: „Lilly hatte doch recht gehabt. Die rothaarige Lilly Schlechter hatte ihm schon letztes Jahr von ihrer irren Netzaffäre mit diesem jüdischen Schreiberling erzählt, der beim Cybersex ein Kondom aufsetzte. ,Wieso das denn, Lilly?’ Er meinte, er würde immer so viel und so weit spritzen, dass er seinen Mac vor seinen fruchtbaren, extrem ätzenden Premiumspermien schützen müsste.“ Solche und ähnliche Sätze gibt es auf fast jeder Seite. Im Vergleich zu Biller schreibt Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) harmlose Frauenbücher.

Vor diesem Hintergrund ist es ziemlich wahrscheinlich, dass „Biografie“ ein erfolgreicher Skandalroman wird. Aber ist es auch ein guter? Keine Frage: Biller ist ein schriftstellerischer Handwerker auf hohem Niveau, ein guter Beobachter mit Sinn für signifikante Details. Ein wirklich wichtiger Autor ist er, weil er den Raum der Literatur erweitert. Schranken erkennt er nicht an. Seine schnell hintereinander geschnittenen Szenen sind oft überdreht, immer tabulos, manchmal aber auch sinnlos. Und zuweilen – aber viel seltener, als die Verlagswerbung verspricht – ist er komisch.

Er ist komisch

Andererseits ist „Biografie“ ein Werk, das vom Leser Geduld und Arbeit verlangt: Oft gibt es zu viele platte Pointen auf engem Raum wie bei der zähen Diskussion zwischen einer Oprah-Winfrey-ähnlichen Moderatorin und drei amerikanischen Schauspielern im Getty Center.

Einiges wiederholt sich. Zum Beispiel Motive und Beleidigungen bei der breit ausgewalzten Erpressung von Solomon wegen sexueller Belästigung in einer Hamburger Sauna. Wahrscheinlich wäre „Biografie“ schlicht ein besseres Werk, wenn der Autor oder ein Lektor es kühn gekürzt hätte – zum Beispiel auf die Länge der „Blechtrommel“.

Von Christian Schwandt, Chef des Lübecker Theaters

Maxim Biller: „Biografie“. Verlag
Kiepenheuer & Witsch. 896 Seiten,
29,99 Euro.

 

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