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Messerhauptstadt Hannover

Austellung im Kestner-Museum Messerhauptstadt Hannover

Die Sammlung Averwerser gelangt ins Kestner-Museum – das damit zum Zentrum für Designerbesteck wird. Unter dem Titel "Messerscharf" haben Designer die ganze Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten von Essbesteck gründlich ausgelotet.

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Mit Ringen auf dem Kunststoffgriff: Besteck der finnischen Designerin Nancy Still.

Quelle: Averrwerser

Hannover . Sie haben drei oder vier Zinken. Gezahnte oder glatte Klingen. Sind rund oder oval. Gut zu greifen oder unbegreiflich unhandlich. Sie sind also sehr unterschiedlich – und dienen doch alle demselben Zweck: Messer, Gabel und Löffel werden zwar schon seit der Zeit der alten Römer als Esswerkzeug gebraucht. Doch die ganze Vielfalt ihrer Gestaltungsmöglichkeiten haben Designer erst seit dem Zweiten Weltkrieg gründlich ausgelotet.

Einen Eindruck von dieser Vielfalt bietet jetzt „Messerscharf“. So heißt eine kleine Ausstellung, die im Obergeschoss des Kestner-Museums aus Anlass eines großen Neuzugangs eingerichtet worden ist: Die Sammlung Averwerser gelangt in die Obhut des Museums  – als Dauerleihgabe der Stiftung Niedersachsen, die sie erworben hat. „Wir betrachten das als Standortförderung“, sagt Stiftungsgeneralsekretär Joachim Werren zu der Entscheidung, die das Haus nun zum deutschlandweit wichtigen Sammlungsort für Designbesteck macht. „Aber wir reichen diese Sammlung nur als Dauerleihgabe weiter, denn wir wollen die Hand darauf behalten und sehen, wie sich das Kestner-Museum entwickelt – immerhin ist diese Sammlung mindestens Bundesliga.“

Gesammelt hat die aus den USA, aus Japan und vielen europäischen Ländern stammenden Bestecke der Burgdorfer Lehrer Heinz Jürgen Averwerser, dem schon der frühere Museumsdirektor Wolfgang Schepers etliche Stücke für die Designsammlung des Hauses abgekauft hat. Auf den Weg gebracht hat Schepers auch den Coup des kompletten Sammlungskaufs, den jetzt Museumschef Thomas Schwark gemeinsam mit seinem Vorgänger präsentiert hat. „Dieser Neuzugang passt mit unseren Plänen zur Neugestaltung des Kestner-Museums gut zusammen“, sagt Schwark. „Denn diese Sammlung hat zivilisationsgeschichtliche Dimensionen.“

Tatsächlich gilt die Sammlung Averwerser mit rund 1700 Einzelstücken als die größte Privatsammlung von Bestecken aus der Zeit nach 1945. Sie ist klar international zusammengesetzt. Und mit ihr verfügt das Kestner-Museum nach Einschätzung des Designexperten Schepers nun über die nach der Sammlung des Klingenmuseums Solingen deutschlandweit größte Bestecksammlung. „Der Wert der Sammlung Averwerser ist Experten seit Langem bekannt.“

Darin finden sich neben vielen Objekten unbekannter Entwerfer auch Bestecke der Designerin Nancy Still mit Kunststoffgriff. Messer, Gabel und Löffel, die der italienische Stardesigner Gio Ponti mit Rautenausschnitten versehen hat. Die gedrungenen Messerklingen von Carl Hugo Pott. Oder auch Bestecke des Finnen Tapio Wirkkala, der einst das Bordgeschirr von Finnair um seine spitzwinkeligen Messer bereichert hat. 

Das Kestner-Museum profitiert überdies davon, dass sich Averwerser nicht nur sammelnd, sondern auch forschend mit Besteck beschäftigt. „Ich habe systematische Studien darüber erarbeitet, welche Entwerfer für welche Firmen gearbeitet haben“, sagt Averwerser. Und er hat auch Trends in der Geschirr- und Besteckentwicklung ausgemacht: In der Nachkriegszeit seien Teller und Messer zunächst kleiner, später dann wieder größer geworden. Haben Designer damit  auf den Wechsel von der Fress- zur Diätwelle reagiert? Sicher ist, dass rund ums Besteckdesign noch einiger Forschungsbedarf besteht. Und Heinz Jürgen Averwerser hat bereits neue Forschungspläne, weshalb ihn die Trennung von seiner Bestecksammlung auch „nur ein wenig traurig“ macht. Zumal, wie er einräumt, auch einige Bestecke darunter  sind, die vielleicht gut aussähen, mit denen er aber wirklich nicht essen könne.

Die Bauhaus-Moderne, sagt Schepers dazu, sei halt die letzte Ära ästhetischer Entwicklung gewesen, in der man noch geglaubt habe, dass mit der Form, mit dem Design also, auch die Funktionalität zu wachsen habe. „Wenn es nur um Funktionalität ginge, gäbe es ja nicht dieser Vielfalt des Designs, doch heute weiß man: Auch die Form ist Funktion – und das perfekte Besteck gibt es nicht.“

„Messerscharf. Ausgewählte Bestecke aus der Sammlung Averwerser“. Eröffnung heute im Museum August Kestner, Trammplatz 3.

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