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Was nach Vergebung kommt

Die Fortsetzung von Stieg Larssons Trilogie Was nach Vergebung kommt

Die erfolgreichste Krimireihe des 21. Jahrhunderts wird fortgesetzt – von einem anderen Autor. Nach dem Tod von Stieg Larsson schreibt jetzt der Schwede David Lagercrantz im Auftrag der Erben die „Millennium“-Trilogie fort. In dem Roman „Verschwörung“ geht es um die NSA.

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Eine geniale Hackerin mit dunkler Vergangenheit: Lisbeth Salander ist der Star der "Millenium"-Triologie. Darstellerin Noomi Rapace gelang mit dieser Rolle der internationale Durchbruch.

Hannover. Geheimnis, Verfolgung, Paranoia“ – mit diesen Schlagwörtern wirbt der Heyne-Verlag für seinen Spitzentitel aus dem Herbstprogramm. Denn ein Geheimnis umgibt diesen schwedischen Roman, der am 27. August gleichzeitig in 25 Ländern erscheinen wird: „Verschwörung“ wurde vom Autor auf einem Computer ohne Internetverbindung geschrieben und eigenhändig zum Verlag getragen, um eine vorzeitige Veröffentlichung zu verhindern. Es wird auch keine Rezensionsexemplare vorab geben, wie es bei vielen Megasellerautoren à la ­J. K. Rowling oder Dan Brown üblich ist.

Bei „Verschwörung“ handelt es sich um die Fortsetzung der wohl erfolgreichsten Krimireihe des 21. Jahrhunderts. Von Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie mit den Titeln „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ wurden allein in Deutschland mehr als 8,5 Millionen Exemplare verkauft, weltweit mehr als 80 Millionen. Der schwedische Autor und Journalist des antifaschistischen Magazins „Expo“ erlebte diesen Ruhm nicht mehr. Der Kettenraucher und Workaholic starb 2004 an einem Herzinfarkt, seine Romane wurden posthum veröffentlicht.

Sie bestechen durch einen ungekünstelten Stil und außergewöhnliche Charaktere: Die geniale Hackerin Lisbeth Salander trägt ein dunkles Familiengeheimnis mit sich herum und ist zugleich tough wie verletzlich. Das Erkennungszeichen der Einzelgängerin ist ein Drachentattoo auf dem Rücken. Das Motiv ziert auch das Cover des neuen Romans sowie die Werbeposter, die in den kommenden Wochen Bahnhöfe und Einkaufsstraßen auch hierzulande pflastern werden. Salanders Gegenüber ist der Enthüllungsreporter Mikael Blomkvist, ein Alter Ego des Autors, der in seine Kollegin verliebt ist, die mit ihm schläft, aber mit einem anderen verheiratet ist.

Eigentlich hatte Larsson zehn Bände geplant

In den Nullerjahren grassierte weltweit ein regelrechtes Millenniumfieber. Angeheizt wurde es durch gleich zwei Verfilmungen: Die schwedische mit Mikael Nyqvist als Blomkvist zählt in ganz Skandinavien zu den erfolgreichsten Kinofilmen aller Zeiten und verhalf der charismatischen Lisbeth-Darstellerin Noomi Rapace zum internationalen Durchbruch. Die Hollywoodversion von David Fincher zeigte Daniel Craig und Rooney Mara in den Hauptrollen.

Zehn Bände hatte Larsson geplant. Mehr als zehn Jahre nach seinem Tod setzt nun ein anderer Autor seine Geschichte fort, der 52-jährige Schwede David Lagercrantz. Er wurde vom Vater und Bruder des Verstorbenen beauftragt, in einer Erklärung der Erben heißt es: „David ist ein talentierter Schreiber, der viele bizarre Charaktere und komplexe Genies porträtiert hat.“ Der in Deutschland kaum bekannte Lagercrantz steht vor allem für Sachbücher, etwa die Biografie des schwedisch-bosnischen Fußballspielers Zlatan Ibrahimovic oder „Allein auf dem Everest“ über eine spektakuläre Bergexpedition. Er sei „vorgeprescht wie ein Rennpferd“, als die Anfrage kam, sagte der Autor in einem Interview. „Mir war klar, dass ich mich blamieren würde, wenn ich versuchte, Larssons Stil zu kopieren. Insofern habe ich meinen eigenen Erzählstil beibehalten.“

Zur Handlung von „Verschwörung“ gibt der Verlag bislang nur so viel Preis: Frans Balder, weltweit führender Experte für künstliche Intelligenz, wird ermordet. Kurz vor seinem Tod hatte er Blomkvist brisante Informationen versprochen. Dieser stößt bei seinen Recherchen auf einen Softwarekonzern, der Verbindungen zur NSA unterhält. Ist das die Enthüllungsstory, die der strauchelnde Journalist so dringend braucht? Doch bei den Nachforschungen kommt ihm Lisbeth in die Quere, die ihre eigenen Ziele verfolgt. Im ersten Teil der „Millennium“-Trilogie – benannt nach Blomkvists Magazin – hatten die beiden noch zusammen versucht, das Schicksal einer Frau zu ergründen, die in den Sechzigerjahren verschwand, sie waren sogar für kurze Zeit ein Liebespaar.

Der Streit um Larssons Erbe gleicht selbst einem Krimi

Die neue Geschichte stammt allein von Lagercrantz – obwohl Larsson den vierten Band seiner Reihe bereits zu drei Vierteln geschrieben haben soll. Doch seine Lebenspartnerin Eva Gabrielsson hält das Manuskript unter Verschluss. Die studierte Architektin sagte: „Stieg wäre furchtbar zornig über eine Fortsetzung, er hat nie jemanden an seinen literarischen Texten arbeiten lassen. Vielleicht schickt er einen Blitz zur Veröffentlichungsfeier.“ Gabrielsson war 32 Jahre mit dem Autor liiert, aber nicht verheiratet, weshalb ihr keine Rechte an den Werken zufallen.

Ihr Streit mit Vater und Bruder des Autors um Larssons Erbe gleicht selbst einem Krimi. Larsson, der bei seinem Tod erst 50 Jahre alt war, hatte sich offenbar wenig Gedanken um sein Nachleben gemacht, wie sein bizarres Testament aus dem Jahr 1977 beweist: „Ich bin ja kaum ein reicher Mann, aber mein Vermögen in reinem Geld (und in dem Punkt bin ich sehr bestimmt) soll der Ortsgruppe Umeå des Kommunistischen Arbeiterbunds zufallen.“ Diese verzichtete jedoch aufgrund des Debakels und erklärte: „Unsere Partei beteiligt sich an keinem Erbstreit und feilscht nicht um Geld.“

Was kann nach Larssons letztem Band „Vergebung“ noch kommen? Und wird Lagercrantz die hohen Erwartungen von dessen Anhängern erfüllen? Immerhin greift er mit Whistleblowern und NSA ein hochaktuelles Thema auf. Genau das richtige digitale Verschwörungsbiotop für eine Hackerin wie Lisbeth Salander.

Nina May

Fortsetzungen aus fremden Federn

Nicht das erste Mal spinnt nach dem Tod eines Autors ein Kollege dessen Stoff weiter: Die Liebesgeschichte aus Margaret Mitchells Südstaatenepos  „Vom Winde verweht“ (1936) wurde 2007 noch einmal neu aufgerollt. Auf 600 Seiten erzählt Donald McCaig in „Rhett“ Scarletts Eroberung nun aus der Sicht von Ehemann Rhett. Dieses Spin-Off wurde ebenso belächelt wie Alexandra Ripleys Roman „Scarlett“, der Mitchells Geschichte fortschreibt.

Die Science-Fiction-Satire  „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams wurde 2009 auf Wunsch der Erben von Eoin Colfer („Artemis Fowl“) fortgesetzt. „Und übrigens noch was ...“ überzeugte übrigens selbst eingefleischte Fans. 

In der Musik kommt es oft vor, dass unvollendete Werke von anderen zum Abschluss gebracht werden, etwa Mozarts Requiem oder Mahlers 10. Sinfonie. Der US-Thrillerautor Eric Van Lustbader setzte die  „Bourne“ -Romanreihe von Robert Ludlum auf der Basis von Notizen Ludlums fort und schrieb sieben Bände, die zum Teil auch im Kino zum Erfolg wurden.

Bisweilen werden Romane auch von anderen Schriftstellern weitergeschrieben, obwohl der originale Verfasser noch lebt. Eine Art Fortsetzung von Stephenie Meyers „Twilight“ -Vampirromanen wurde sogar zu einem äußerst erfolgreichen Projekt: Die Britin E. L. James begann ihre Reihe „Fifty Shades of Grey“ als Fanfiction und als Huldigung an die Liebesschnulzen der amerikanischen Autorin. Auch diese Reihe entwickelte sich zum Millionenbestseller.

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