Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Mimuse-Festival wird 30 Jahre alt

Kleinkunst dank Klangbüchse Mimuse-Festival wird 30 Jahre alt

Vom Zwei-Tage-Festival zum kulturellen Aushängeschild Langenhagens: Mit Mimuse hat sich in den vergangenen 30 Jahren eine der angesehensten Kleinkunstreihen Nordeutschlands etabliert.

Voriger Artikel
Ein Ausblick auf das Kinojahr 2011
Nächster Artikel
„Rapunzel – Neu verföhnt“ weiter an Spitze der deutschen Kinocharts

Udo Püschel organisiert das Mimuse-Festival seit 30 Jahren.

Quelle: Martin Steiner

Langenhagen. Autobahn, Flughafen, 52.000 Einwohner. Robert Koch arbeitete hier einst in der Psychiatrischen Klinik, 1972 wurde die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof am Berliner Platz festgenommen, Yoko Ono plakatierte mal Dutzende Werbeflächen in der Stadt mit nackten Männerhintern. Einkaufszentrum, Eishalle, Kino, mit der Stadtbahn sind es 20 Minuten bis zur Stadtmitte Hannovers – überschaubares Kleinstadtleben.

Dann ist da noch die Mimuse. Vor den Toren Hannovers hat sich in den vergangenen 30 Jahren eine der angesehensten Kleinkunstreihen Norddeutschlands etabliert. „In Hannover gab’s kein Kabarett, also haben wir das gemacht“, sagt Udo Püschel, von Anfang an für das Programm verantwortlich. 1980 beschloss der Langenhagener Rat, 15.000 Mark für ein Festival mit Kabarett und Liedermachern bereitzustellen. Püschel arbeitete eigentlich als Bauingenieur in der Stadtverwaltung, aber er sollte das Festival organisieren. Schließlich hatte er als Vorsitzender des Stadtjugendrings einige Folkfestivals auf die Beine gestellt. Daraus war eine Arbeitsgruppe entstanden, die „Klangbüchse“, Keimzelle des Mimuse-Teams.

„Ich hatte keine Ahnung von Kleinkunst“, sagt Püschel. Aber die Neugier war da, und er bewies gleich bei der Premiere 1981 ein gutes Händchen: Püschel engagierte Bettina Wegner, die Ost-Liedermacherin („Sind so kleine Hände“). Und nach Clowns und Zauberern stand ein junger Mann in Hemd und Nadelstreifenweste auf der Bühne im Schulzentrum: Matthias Richling hatte 1978 den Förderpreis beim Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen, einem breiten Publikum war er aber nicht bekannt. Heute kennt ihn die halbe Nation.

„Wir zeigen euch heute die Künstler, die in drei Jahren berühmt sind“, sagte Püschel mal. Der flapsige Spruch wurde zur Losung. Immer wieder gastierten Talente in der zum Theatersaal umgebauten Aula des Schulzentrums und im kleineren „daunstärs“, die später große Erfolge feiern sollten: Gerd Dudenhöffer, Götz Alsmann, Sissi Perlinger, Rüdiger Hoffmann, Michael Mittermeier, Dieter Nuhr. „Schön, wenn man nicht so danebenliegt mit seinen Tipps“, sagt der 69-Jährige.

Dazu standen Clowns wie Mimikrichy, Musikanarchisten wie das Frankfurter Kurorchester und Puppenspieler wie Stephan Blinn auf der Bühne. Das Publikum honorierte diese Mischung. 1991 wagte die „Klangbüchse“ Neues, stellte ein Spiegelzelt auf und organisierte – vor GOP und Berlins Wintergarten – eine der ersten Varietéshows im heutigen Deutschland. Tatsächlich arbeitete Püschel nebenbei lange für das GOP in Hannover, auch für den Circus Roncalli, bis heute betreut er zwei kleine Bühnen in Hamburg und an der Ostsee.

Die Mimuse, benannt nach dem antiken Possenreißer Mimus, zog immer bekanntere Künstler nach Langenhagen – Rogler, Hüsch, Hildebrandt, Polt, Kreisler. Den Sänger Nusrat Fateh Ali Khan kannte 1991 kaum jemand in Deutschland, der Saal war trotzdem voll, weil Inder und Pakistaner ihren Helden hören wollten. So hat sich die Mimuse vom Zwei-Tage-Festival zum Langenhagener Aushängeschild mit 60 Terminen im Jahr gemausert.

Festival heißt die Reihe trotzdem noch, der Name hat sich in den Anfangsjahren etabliert. Auch das Konzept wurde beibehalten, Bühne für alle Spielarten der Kleinkunst zu sein, für Legenden wie Talente. Ehrenamtliche kümmern sich um Kasse, Technik und Künstlerbetreuung. Besucher kommen auch aus Hannover, aus der Region, aus Braunschweig, Hildesheim, Celle. Die Stadt kann sich außer Gastspielen des Theaters für Niedersachsen und Kindertheater nicht viel leisten. Also schießt sie etwas Geld zu, wohlwissend, dass Langenhagen ohne Mimuse wieder zur kulturellen Satellitenstadt Hannovers würde.

Püschel denkt in die Zukunft. Ein Nachfolger sei wichtig, aber noch wichtiger zunächst jemand, der beim Schriftkram hilft. Ein Leben ohne Mimuse – unvorstellbar. Die Mimuse ohne Püschel? Darüber will in Langenhagen lieber keiner nachdenken.

Im Januar zu Gast: Tablao Flamenco, Lutz von Rosenberg Lipinsky und Hans-Werner Olm. Infos unter www.mimuse.de.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Briefe der Geschichte mit Anke Engelke und Devid Striesow

Anke Engelke und Devid Striesow lesen im Theater am Aegi historisch bedeutende Briefe vor.