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Handschellen aus Nudeln

Der Traum vom Haus Handschellen aus Nudeln

Elf Personen, ein Traum: Der Professor, der Beamte, die Rentnerin, die beiden Musiker, der angehende Arzt, die junge Mutter und die PR-Frau wollen gemeinsam ein Haus bauen. Von den Schwierigkeiten, den Traum zu verwirklichen, erzählt Lutz Hübners "Richtfest" im Schauspiel Hannover.

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Bauherren und -damen in Schräglage. Szene mit: Rainer Frank, Susana Fernandes Genebra, Christoph Müller, Lisa Natalie Arnold, Silvester von Hösslin, Julia Schmalbrock, Philippe Goos, Peter Sikorski

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Es treten auf: Ludger, Professor für Soziologie, dessen Frau Vera, die für eine Stiftung arbeitet, Charlotte, die früher mal Wirtin war, Christian, ein angehender Arzt, mit seiner Frau Mila, die kurz vor dem Staatsexamen steht, Holger und Birgit, er Beamter, sie Leiterin einer Sozialeinrichtung, und ihre gemeinsame Tochter Judith, Frank, der eine Musikschule leitet, Michael, sein Freund, ein Musiker, und Philipp, der Architekt. Keine Könige, keine Clowns. Ganz normale Leute mit ganz normalen Berufen stehen auf der Bühne. Man könnte auch sagen: Das Theater hält seinem Publikum den Spiegel vor.

Die elf Personen haben ein gemeinsames Projekt. Für die einen ist es nur ein Plan, für die anderen ein Traum. Sie wollen gemeinsam ein Haus bauen und darin leben. Für die einen ist das Haus wichtig, für die anderen das, was darin geschehen soll. „Richtfest“, heißt das Stück, das der erfolgreiche Dramatiker Lutz Hübner (unter Mitarbeit von Sarah Nemitz) verfasst hat, und man ahnt schnell, dass es womöglich nie zu einem solchen Fest kommen wird. Zu unterschiedlich sind die Wünsche, zu schwierig ist das heute mit den Utopien.

Dass es nicht leicht werden wird mit dem gemeinsamen Projekt, wird in der Inszenierung von Mina Salehpour bald klar. Schon früh pendelt eine Abrissbirne quer durchs Bild. Auf ihr sitzt Judith, die Tochter aus der biederen Beamtenfamilie, die gerade etwas mit Philipp, dem Architekten, angefangen hat. Ein schönes Bild, etwas zu groß geraten vielleicht, aber schön.

Die Regisseurin liebt die großen Bilder, Holger, der Beamte, füllt mal eben einen Graben auf der Bühne (von Robert Schweer) mit mächtig viel Dämmmaterial, so entsteht eine Art Schwimmbecken, in dem später reichlich herumgeplantscht wird. Und Charlotte (Beatrice Frey), die Seniorin der Gruppe, legt sich nach und nach eine Rüstung an, bevor sie nach einem Schlaganfall per Schubkarre entsorgt wird.

Irgendwann bauen sich die Bauherren und -damen Sitzgelegenheiten aus weichen Schaumstoffsblöcken; klar, dass die Gruppe hier ziemlich in Schräglage gerät. Und immer wird hinten an der gigantischen Küchenzeile mit sieben (!) Dunstabzugshauben irgendetwas Italienisches gekocht. Als es um Kredite geht, haben einige der Personen selbstgemachte Nudeln so in den Händen als wären es Handeschellen. Witzig. Lutz Hübners Stück braucht solche wuchtigen Theaterbehauptungsbilder, solch nachträglichen szenischen Poetisierungen eigentlich nicht, aber es ist so stark, dass das alles auch nicht weiter stört.

Der dicke Regiepinselstrich gilt nur den äußeren Aktionen; in der Figurengestaltung ist die Regisseurin deutlich zurückhaltender. Das heißt: Niemand wird zur Karikatur. Obgleich das leicht möglich wäre. Rainer Frank und Peter Sikorski spielen das schwule Musikerpaar ganz zurückhaltend, angenehm bieder. Susana Fernandes Genebra als Birgit, die Sozialarbeiterin, und Christoph Müller als Holger, der Beamte, sind nicht nur linke Spießer, sondern auch sympathische Träumer, die noch etwas wollen vom Leben. Lisa Natalie Arnold und Silvester von Höslin, als kinderloses Akademikerpaar, das am meisten ökonomisches und kulturelles Kapital in das Projekt einbringt, sind keine schlechten Charaktere, nur weil sie bei der Kreditvergabe an den klammen Arzt (Philippe Goos) ausgesprochen zögerlich sind.

In dieser Bauherren- (und -damen)-Gemeinschaft kann man jede(n) gut verstehen. Sicher, die Träume sind schön und wichtig, aber dass jemand mal ganz realistisch darauf guckt, wer eigentlich nur den blöden Kartoffelsalat und den billigen Multivitaminsaft zum mediterranen Buffet beisteuert, ist eben auch in Ordnung. Man versteht die Standpunkte. Und man kann sich selbst auch irgendwo in dieser Gruppe von Träumern und Realisten verorten. Das ist das Schöne an Lutz Hübners spannendem Stück und auch an Mina Salehpours kurzweiliger Inszenierung.

Weitere Vorstellungen: 25. und 28. Oktober, 5., 10., 16. und 23. November sowie zu Silvester.

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