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Mit Architektur zur neuen Landlust?

„Regionale Baukultur“ Mit Architektur zur neuen Landlust?

„Regionale Baukultur“ kann die Landflucht bremsen – hofft man bei einem Symposium der Architektenkammer. Immerhin 95,6 Millionen Euro steckt das Land 2015 in die Städtebauförderung, etwa 14 Millionen in die Förderung kleinerer Städte und Gemeinden.

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Wo nur die Kirche im Dorf bleibt: In der Mitte Blaibachs altes Bürgerhaus mit neuem Betonmantel- und rechts kippt der Quader des neuen Konzerthauses im Bayrischen Wald.

Und was heißt schon New York?“, fragt Arno Schmidt in seinem Roman „Trommler beim Zaren“. „Großstadt bleibt Großstadt; ich war oft genug in Hannover.“ Die Worte des Schriftstellers haben jetzt erneut die Runde gemacht - bei einem Architektentreffen zum Bauen auf dem Lande. Immerhin illustriert Schmidts Bonmot, wie leicht Urbanität zu bestimmen ist - anders als dörfliche Identität. Um die geht es beim Symposium „Regionale Baukultur“, zu dem die Architektenkammer Niedersachsen Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeladen hat.

„Architektur kann Wohlfühl- und Wiedererkennungsfaktor für das Leben auf dem Lande sein“, sagt Sozialministerin Cornelia Rundt zum Auftakt des Treffens. Immerhin 95,6 Millionen Euro steckt das Land 2015 in die Städtebauförderung, etwa 14 Millionen in die Förderung kleinerer Städte und Gemeinden. Doch das hat das Bauen jenseits der Ballungszentren kaum verändert. „Wir brauchen attraktive Dörfer, um die Landflucht zu bremsen“, sagt Architektenkammerpräsident Wolfgang Schneider und fügt angesichts verödender Dorfzentren, expandierender Siedlungen und ausufernder Gewerbegebiete hinzu: „Die Baukultur ist auf den Hund gekommen.“

Dabei geht es auch anders. Das zeigt dieses Treffen, bei dem Architekten Projekte präsentieren, mit denen sie im ländlichen Raum erfolgreich sind:

Paläon, Schöningen: Der Züricher Architekt Tristan Kobler hat 2010 den Zuschlag für den Bau des Paläons erhalten - mit einem Entwurf, der die Besonderheiten nicht nur des Fundorts der 300 000 Jahre alten Speere, sondern auch der Tagebauregion Schöningen aufnimmt. „Es gab Speer- und Knochenfunde, sonst hatte die Region keine Besonderheiten“, sagt Kobler. „Aber wir haben in unserer Architektur die Vektoren der Speere und die Diagonalen der Landschaftseinschnitte durch den Tagebau aufgenommen.“ Das Paläon, das auch innen spektakuläre Blickachsen quer durchs ganze Gebäude bietet, ist seither die große Attraktion Schöningens und hat schon im ersten Jahr seines Bestehens mehr als 100 000 Gäste angelockt. „Jeder vierte Besucher kommt nur wegen der Architektur“, sagt Wolf-Michael Schmid, der Vorsitzende des Paläon-Fördervereins. „Wir habe offenbar den Nerv einer globalen Sprache getroffen“, mutmaßt Kobler, „einer Architektursprache, die nichts mit dem Ort zu tun hat, aber auf den dort vorgefundenen Grundlagen basiert.“

Feriendorf, Urnäsch: Der Bregenzer Architekt Much Untertrifaller, der für seine Kombination traditioneller Bauweisen mit Stahl- und Betonkonstruktionen bekannt ist, hat in dem auf 800 Meter liegenden Schweizer Ort Urnäsch ein Feriendorf für 50 Familien errichtet. Die aus rechtwinklig gegeneinander versetzten Quadern aufgebaute Anlage ist mit regionalem Holz verschalt und fügt sich so in die Landschaft ein. „Wer so ein Projekt realisieren will, muss alle mitnehmen“, sagt Untertrifaller, „den Bürgermeister, die Einwohner, die Baugewerke - keiner darf sich allein den Hut aufsetzen.“

Konzerthaus, Blaibach: Der aus dem Bayerischen Wald stammende Architekt Peter Haimerl ist nach dem Studium in München wieder in sein Heimatdorf Viechtach zurückgekehrt. Zuerst hat er dort mit der Sanierung eines maroden Einsiedlerhofs durch einen Betongebäudekern Furore gemacht. Dann hat er sich das Nachbardorf Blaibach vorgenommen, wo die Einwohnerzahl unter 2000 gesackt war und im Dorfkern zahlreiche Häuser leer standen. Dort hat Haimerl mehrere Häuser rekonstruiert und dabei teils mit einem Betonmantel umhüllt („Ich lehne die Disneyisierung der ländlichen Baukultur ab“). Und zuletzt hat er eine Stahlkonstruktion im Quaderformat schräg auf den Abhang gelegt, mit Granitsteinwänden verhängt, die wie traditionelle Trockenmauern aussehen, und das Gefälle auf der schrägen Ebene für den Zuschauerraum genutzt - denn das Ganze ist ein Konzertsaal. Im Dorf hatte sich bereits der Bariton Thomas Bauer angesiedelt. Und dessen Partnerin, die Gesangsdozentin Uta Hielscher, veranstaltet dort jetzt die „Kulturwald“-Festspiele. Künstler als Vorboten einer Gentrifizierung gegen den Tod des Dorfes? Nun, „a bisserl mehr“, räumt Haimerl ein, müsse schon noch dazukommen, um die Abwanderung zu stoppen oder gar umzukehren.

Tatsächlich ist mit Museen, Feriendörfern oder Konzerthäusern allein weder Landflucht noch die Ödnis des Siedlungshäuschens zu stoppen. Die führt die Architektin Katja Ahad vor allem auf kommunale Flächenzuweisungen zurück. „Die Städte und Gemeinden stehen untereinander im Wettbewerb und weisen Bauland aus.“ Da entstehen dann meist Kataloghäuser. Und es fehlt der Blick fürs Ganze, denn jeder Zuziehende zieht ja anderswo weg. „Die gesamte Gestaltung wird nicht ernst genug genommen“, sagt Ahad. „Sonst würde man die Instrumente dafür mit allen Beteiligten schon finden können.“

Das dafür nötige Vertrauen hat man in Schöningen, Blaibach und Urnäsch offenbar geschaffen. Hat regionale Besonderheiten aufgenommen, ohne sie schlicht in traditionelle Bauwerke umzusetzen. Und hat Engagement gegen staatliche Ignoranz aufgebracht. „Wenn wir das der Politik überlassen hätten“, sagt Paleon-Vereinschef Schmid, „wären die Speere jetzt in einem Museum in Braunschweig oder Hannover.“

Und wie ist das mit der dörflichen Identität? „Die Leute sollten stolz sein können auf das, was bei ihnen gebaut wird“, sagt Haimerl. „Wenn sie das Gefühl haben, dass da Vorbildliches entsteht, dass andere davon lernen können, dann stehen sie auch zu modernen architektonischen Interventionen.“ Und dann, so lässt sich folgern, wächst eine neue regionale Identität. Auch ganz weit entfernt von Hannover. Oder New York.

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