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Kultur Eröffnung der „Theaterformen“ Braunschweig
Nachrichten Kultur Eröffnung der „Theaterformen“ Braunschweig
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00:20 11.06.2018
Herz- und Schmerzgeschichten aus dem Restaurant "Saigon". Quelle: Jean Louis Fernandez
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Braunschweig

Die britische Künstlerin Selina Thompson stellt Fragen. Fragen nach der Zugehörigkeit, nach der Hautfarbe, nach Zuschreibungen, die andere vornehmen. Das Wort „Rasse“ steht im Zentrum ihrer Arbeit, aber sie kann es aus naheliegenden Gründen nicht verwenden. Sie nutzt den englischen Begriff „race“ dafür – was ihren 1000 Fragen manchmal einen merkwürdigen Klang gibt, aber eben auch die Schwierigkeiten zeigt, die wir mit dem Thema haben. Zettel mit Fragen wie „Was würde sich an dieser Arbeit ändern, wenn ich eine andere race hätte?“ (Nr. 543) hängen im Foyer des Braunschweiger Opernhauses – die Zuschauer sind aufgefordert, sich zwei Fragen auszusuchen, eine zum Mitnnehmen, eine, um sie zu beantworten. Die Installation der 1000 Zettel ist eine schöne Hinführung auf das Thema der 19. Ausgabe der Theaterformen, dieses erfolgreichen niedersächsischen Theaterfestivals, das im jährlichen Wechsel in Braunschweig und Hannover stattfindet. Die meisten Produktionen der neuen Ausgabe, die bis zum 17. Juni in Braunschweig über verschiedene Theaterbühnen geht, widmen sich den Folgen des Kolonialismus.

Frage Nr. 781 von Selina Thompson lautet: „Wo bieten die Künste einen Ort für strenge Kritik?“. Die Antwort könnte lauten: eine Etage höher im selben Haus. Denn dort, im Großen Haus des Braunschweiger Staatstheaters, wurde das große Eröffnungsstück des Festivals gezeigt: „Saigon“, französisch-vietnamesisches Gefühlstheater im Cinemascopeformat. Regisseurin Caroline Guiela Nguyen und ihrer Compagnie „Les Hommes Approximatifs“präsentierten Geschichten aus einem vietnamesischen Restaurant in Saigon im Jahr 1956 und in Paris vierzig Jahre später. Es sind Geschichten von Abschied: Menschen verlassen das Land, in dem sie aufgewachsen sind, Menschen verlassen das Land, das sie aufgenommen hat, Liebende verlassen einander, alte Menschen werden dement und verlassen ihre Kinder. Es wird viel geweint.

Dreieinhalb Stunden dauert dieses rührselige Theater, das merkwürdig zwischen hohem Kunstanspruch und Unterhaltung auf dem Niveau von Vorabendserien schwankt. Die Emotionen sind hier mit ganz breitem Pinsel gemalt. Am Ende sagt die Erzählerin, dass das Geschichtenerzählen in Vietnam immer eine tränenreiche Angelegenheit sei. Das mindert nicht gerade den Eindruck von Folklore. Ähnelt unser Blick auf dieses Stück dem eines Touristen auf ein fremdes Land? Ist diese wohlwollende Distanz eine angemessene Haltung dem Thema Migration gegenüber? Angeregt von Selina Thompson könnte man Fragen wie diese stellen. Aber „Saigon“ provoziert sie nicht. Das Stück wirkt wie eine Theaterform aus der Vergangenheit.

In die Zukunft dagegen weist „Collisions“, ein Videoprojekt der australischen Künstlerin Lynette Wallworth. Verstöpselt mit Kopfhörern und Bildschirmbrillen sitzen die Zuschauer im Foyer und lassen sich in die Abgeschiedenheit der westaustralischen Wüste entführen. Dort begegnen sie Mitgliedern der indigenen Bevölkerungsgruppe der Martu und erfahren einiges über die britischen Atomtests in Australien Anfang der fünfziger Jahre.

Theater war ja schon immer Virtual Reality, nun aber kommt Virtual Reality ins Theater. Die Zuschauer tauchen in andere Welten ab und sind blind und taub für das, was in dem Raum passiert, in dem sie sich befinden. Das ist eine ganz besondere Theaterform. Aber ob sie Zukunft hat?

Die Theaterformen finden noch bis zum 17. Juni in Braunschweig statt.

Von Ronald Meyer-Arlt

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