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Theaterextase zum Auftakt der Theaterformen

Theaterformen Theaterextase zum Auftakt der Theaterformen

Wow! Was ist das denn? Kann Theater so schrill und schrecklich sein? Mit Toco Nikaidos Popspektakel "Miss Revolutionary Idol Berserker", einer Orgie in Pink und Punk, wurde jetzt das Festival Theaterformen in Braunschweig eröffnet

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Miss Revolutionary Idol Berserker

Quelle: 025

Hannover. Fülle in der Kunst kommt oft einem Mangel gleich. Beim Varieté ist das manchmal zu spüren: Noch mehr strahlend lächelnde Tänzerinnen auf der Treppe, noch mehr Flitter, noch mehr Tand – und plötzlich wirkt das alles eigentünlich kalt. Es ist, als würde Quantität nicht in Qualität umschlagen, sondern in ihr Gegenteil. Die Musik, noch lauter, noch schneller, ist plötzlich nur noch ein Rauschen. Wer vieles bringt, wird manchem nichts mehr geben. In zuviel Fülle wohnt die Leere.

Die japanische Choreografin Toco Nikaido hat mit ihrer Gruppe „Miss Revolutionary Idol Berserker“ das Spiel mit der (Über-)Fülle auf die Spitze getrieben. Zum Auftakt des Festivals Theaterformen, das in diesem Jahr in Braunschweig stattfindet (im kommenden Jahr ist wieder Hannover dran), präsentierte die Gruppe im LOT-Theater ein zuckersüßes Theaterbonbon, ein quietschbuntes Inferno, eine Orgie in Pink und Punk. 25 Akteure singen und tanzen auf der Bühne, es ist ein knallbuntes Spektakel, eine Zeichentrick-Show, bei der man am Ende nicht genau weiß, welche Tricks mit welchen Zeichen hier eigentlich vorgeführt wurden.

Die Besucher waren vorgewarnt. „Warnhinweis: Einsatz von Wasser, Konfetti und Lebensmitteln im Zuschauerbereich“ ist im Programmheft zu lesen. Im Foyer werden Regenponchos aus Plastik ausgegeben. Zum Schutz von Taschen gibt es Müllbeutel, zum Schutz von Ohren Stöpsel.

Eingeschweißt und schwitzend, dicht gedrängt und fest verstöpselt sitzen die Zuschauer auf der Tribüne. Die Erwartungen sind hoch, und sie werden nicht enttäuscht. Kreischend legt die Truppe los, und sie steigert sich noch. Konfetti, Wassergüsse, Plastikblumen, Bälle, Küsse, Blinklichter. Das Spiel hat kaum Sprache, kaum ruhige Momente, es ist ein Gewitter der Äußerlichkeiten. Hier stampft und brüllt eine kindliche Überwältigungsmaschine unter Zuhilfenahme von allerlei Revolutionsmaterial und jeder Menge Manga.

Ist das Kritik an der Oberflächlichkeit der Warenwelt? Oder radikale Affirmation? Ironie mit Scherz und irgendwie dann doch tieferer Bedeutung? Oder fetzt sich das einfach nur so dahin? Für einen Moment denkt man, dass dieser schrillen Teenie-Party im Grunde nur mit richtig schlechter Laune beizukommen sei. Aber die wird einfach weggefeiert.

Das ist ganz erstaunlich. Und überhaupt ist das eine erstaunliche neue Theaterform - so etwas hat man auf europäischen Bühnen zuvor noch nicht gesehen.

Das Kontrastprogramm gab es zuvor im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters. Dort präsentierte der japanische Regisseur Toshiki Okada, der mit seiner Gruppe „cheltfish“ bei den Theaterformen vor fünf Jahren in Hannover mit dem Stück „Das Leben der Riesenschildkröten in Schallgeschwindigkeit“ die Zuschauer auf eine arge Geduldsprobe gestellt hat, die Produktion „God Bless Baseball“. Baseball ist in Japan und Südkorea gleichermaßen populär. Zwischen Südkoreanern und Japanern gibt es allerdings einige (kulturelle) Differenzen. Toshiki Okada spielt mit ihnen (und überwindet sie), indem er den koreanischen Text von einer japanischen und den japanischen Text von einer koreanischen Schauspielerin sprechen lässt. Anderes ist nicht so clever: Die Frauen stellen sich beim Thema Baseball sehr blöd an. Sie haben keine Ahnung von den Regeln, Männer erklären es ihnen. Für ein europäisches Publikum ist solch ein Spiel mit Stereotypen durchaus ein Problem.

Das spannende an Toshiki Okadas Theateressay über Baseball ist sein Umgang mit der Zeit. Er nimmt sie sich einfach, Wiederholungsschleifen, Zeitlupenbewegungen, langatmige Erklärungen – der Regisseur erlaubt sich den Luxus, mit der Zeit seiner Zuschauer ganz verschwenderisch zu sein.

So wird sein Stück zu einer merkwürdigen und lange in Erinnerung bleibenden Theatermeditation. Der Schluss ist (alp)traumhaft. Ein großes Objekt, halb Stadion, halb Lautsprecher -, das an der Rückwand der Bühne hängt, wird mit Wasser bespritzt und verliert daraufhin seine Farbe. Das Konkave wird konvex, aus dem Stadion entsteht ein Baseball. Theater, das wird hier sehr schön demonstriert, ist eben immer auch die Kunst des Perspektivenwechsel. Schleimige Farbe tropft von dem Ballobjekt auf die Bühne. Irgendjemand - darin treffen sich die beiden Stücke des Festivalauftakts - wird's schon wegmachen.

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