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Kultur Freies Theater erinnert an Teresa Orlowski
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00:09 21.06.2018
Lastenrad? Lustrad? Die erste Szene des „Pornodings“: ein Phallusrad kurvt an der Ihme herum. Quelle: Meyer-Arlt
Hannover

Ob Hannover Kulturhauptstadt wird, ist ungewiss. Immerhin war Hannover schon einmal eine besondere Hauptstadt: Pornohauptstadt. In den achtziger Jahren gründete die umtriebige Produzentin Teresa Orlowski (Künstlername: Foxy Lady) hier den Verlag VTO und stellte Pornofilme her. An diese Zeit erinnert die freie Theatergruppe „fensterzurstadt“ mit ihrer neuen Produktion, die den griffigen Titel „Das Pornoding“ trägt. Sie ist Teil der Trilogie „Inside – Outside Nowhere (3 Reisen in die Intimzone)“. Beim ersten Teil ging es um Menschen, die die Geschlechterrollen wechseln, im letzten Teil soll das Thema Asexualität näher beleuchtet werden. Und nun also Porno.

„Das Pornoding“ ist das Ergebnis einer lokalhistorischen Tiefenbohrung. Das Ensemble hat ehemalige Mitarbeiter von Teresa Orlowskis Pornoimperium ausfindig gemacht und befragt. Ein Herr, der sich um die Büroarbeit gekümmert hat, eine junge Frau, die die Wäsche gebügelt und für die Dreharbeiten hergerichtet hat, eine Synchronstöhnerin, jemand, der für das Catering gesorgt hat („nein, besonders eiweißreich haben wir eigentlich nicht gekocht“), und auch zwei Pornodarsteller kommen zu Wort. Sascha Schmidt hat das, was sie gesagt haben, fürs Theater bearbeitet.

Interessante Fakten werden in der Inszenierung von Ruth Rutkowski vermittelt: Dass das Set immer hell ausgeleuchtet war, dass die Pornoproduktion eine reine Gelddruckmaschine war, dass es an Drehbuchideen mangelte („100 Mark für den, der eine gute Idee hat“), dass Porno Hochleistungssport ist, dass manche Darsteller trotz der libertinären Ausrichtung ihrer Tätigkeit recht spießig waren und dass viele Schauspieler aus Hannover als Sprecher und Geräuschemacher bei der Vertonung der Filme beschäftigt waren. Die Zuschauer sind mit Kopfhörern und Empfängern ausgerüstet und wandern vor den Fenstern der „Zukunftswerkstatt“ des Ihmezentrums von Station zu Station.

Besonders berührend sind die Aussagen der Catering-Dame und des Mannes aus dem Büro. Sie erzählt von den männlichen Pornodarstellern: „Die suchten Kontakt und versuchten noch irgendeine Form von Liebe da hineinzubasteln.“ Und er sagt: „Das, was man sieht, kriecht durch die Augen direkt in einen hinein.“ Und: „Wenn Du das jeden Tag siehst, dann macht das doch was mit dir.“

„Das Pornoding“ ist großartiges Stadttheater. Es beleuchtet einen fast vergessenen Teil der Stadtgeschichte und klärt auf: über Liebe und Geschäft und über die graue Normalität, die noch in der schillerndsten Ausnahmetätigkeiten steckt.

Bis 18. August im Ihmezentrum.

Von Ronald Meyer-Arlt

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