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Mit der Kulturloge kostenlos ins Theater

Initiative Mit der Kulturloge kostenlos ins Theater

Kulturlogen verteilen nicht verkaufte Tickets für Theater und Oper an Einkommensschwache. In Berlin hat sich das Konzept bewährt. Aber hätte es auch in Hannover eine Chance?

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Kostenlos in die Oper? Bei Kulturloge ist das möglich.

Quelle: dpa (Archivbild)

Hannover. Manchmal ändern sich die Dinge schlagartig. 38 Jahre lang hatte Angelika Shirpy für einen Elektronikhersteller gearbeitet, dann landete die Berlinerin wegen der schlechten Auftragslage auf der Straße. Arbeitslos mit 58. „Ich fiel zu Hause in ein tiefes Loch“, erzählt Shirpy. Zum Ausgehen fehlte der heute 60-Jährigen plötzlich das Geld. Für die Tochter eines Künstlerpaares, die mit den Bühnen der Stadt aufgewachsen war, konnte kaum Schlimmeres passieren. Inzwischen kann sie das Kulturprogramm der Hauptstadt wieder genießen – trotz Hartz IV und dank eines Projekts, von dem in Berlin Menschen und Kulturszene derzeit gleichermaßen profitieren.

Hinter der Initiative steckt die Kulturloge Berlin, ein Verein, der ähnlich dem Tafelprinzip armen Hauptstädtern kostenlose Eintrittskarten zu Kulturveranstaltungen vermittelt. Das System ist denkbar einfach: Menschen wie Angelika Shirpy, die weniger als 900 Euro im Monat zur Verfügung haben, melden sich mit Einkommensnachweisen bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Einrichtung an und werden nach Interessenlage gelistet. Erhält die Kulturloge von ihren Partnern übriggebliebene Tickets, werden diese jeweils den Teilnehmern persönlich übers Telefon angeboten. An den Abendkassen muss so niemand zeigen, dass er arm ist. Auch eine Begleitperson darf mitgenommen werden.

In Berlin stellen mittlerweile mehr als 70 zumeist private Theater, Kabarettbühnen und sonstige Veranstaltungszentren nicht verkaufte Eintrittskarten zur Verfügung. Mehr als 5000 Bürger sind bei der Kulturloge bereits registriert – Tendenz steigend. Den Häusern beschert das Modell volle Säle. Den auf Hilfe ­angewiesenen Menschen eröffnet das Abendvergnügen die Chance, wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Der Erfolg spricht sich herum: In vielen deutschen Großstädten, darunter Hamburg, München, Stuttgart und Dresden, soll es künftig ein vergleich­bares Angebot geben. Auch in der hannoverschen Kulturszene wird das Projekt beobachtet. Konkrete Umsetzungspläne gibt es aber noch nicht.
Dass das Modell ein Erfolg wird, war bei der Gründung der Kulturloge vor gut anderthalb Jahren noch nicht abzusehen. Die Berliner Initiatorin, die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Angela Meyenburg, die zuvor auf ein ähnliches Kulturtafelmodell im kleineren Maßstab im hessischen Marburg aufmerksam geworden war, quälten wichtige Fragen. Machen die Kulturveranstalter mit? Und vor allem: Nehmen die mittellosen Berliner das Angebot überhaupt an?

Ein Feldversuch bei einer Ausgabestelle der Berliner Tafel in einer Charlottenburger Kirche sollte Klarheit bringen. „Ich habe mich da einfach hingestellt und ,Wer will kostenlos ins Theater?‘ ins Mikro gebrüllt“, sagt Meyenburg. Die meisten reagierten ungläubig. Nach einiger Überzeugungsarbeit war die Liste für die 50 freien Plätze in der „Komödie am Kudamm“, die sie an jenem Tag im Angebot hatte, aber trotzdem voll. Nervös fuhr Meyenburg am Theaterabend zum Kurfürstendamm. Es war ein eisiger Wintertag. Ob da wirklich einer kommt? Sie kamen – und zwar alle.

Mittlerweile verteilt die Kulturloge monatlich rund 1200 Freikarten an ihre Mitglieder. Im Angebot ist von Theatervorführungen über Opern- bis zu Kindervorstellungen und sogar Sportveranstaltungen so ziemlich alles, was in irgendeinem Sinne unter dem Kultur­begriff gefasst werden kann. Die Teilnehmer sind zu zwei Dritteln weiblich. Das Angebot erreicht Jung und Alt. Im Durchschnitt sind die Logenmitglieder 49 Jahre alt.

Die Universität Hildesheim, die das Projekt kürzlich evaluierte, fand heraus, dass die Mehrheit der Gäste derzeit arbeitslos oder in Rente ist. Das Bildungsniveau bei den Mitgliedern ist zudem erstaunlich ausgeglichen. So nehmen eben nicht nur in Schieflage geratene Akademiker wie Angelika Shirpy die Angebote der Einrichtung an, sondern auch Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, normalerweise keine Kulturveranstaltungen zu besuchen. Die Hildesheimer Forscher kamen so zu dem Schluss, dass die Kulturloge helfe, auch nicht kulturinteressierte Menschen erfolgreich zum Besuch von Veranstaltungen zu motivieren. Das sieht auch Meyenburg so: „Wir haben in Berlin mittlerweile kulturpolitische Relevanz“, sagt sie stolz.

Ein Manko bleibt, dass sich bislang überwiegend private Kulturveranstalter an dem Projekt beteiligen. Die meisten öffentlichen Häuser, wie etwa die Staatsoper, die Schaubühne oder die Deutsche Oper, stellen der Loge keine Freikarten zur Verfügung. Ihre Plätze seien so hoch subventioniert, dass man sie nicht einfach kostenlos hergeben könne, argumentieren die Verantwortlichen. Wer in Berlin eine Karte für Veranstaltungen in öffentlichen Kulturhäusern kauft, dem gibt der Senat durchschnittlich 100 Euro pro Ticket dazu. Viele Einrichtungen kämpfen in der hoch verschuldeten Stadt derzeit um ihre Daseinsberechtigung.

Die Kulturloge könne auf lange Sicht helfen, diese Entwicklung umzudrehen, glaubt Meyenburg. Schließlich habe der Verein in Kürze das geschafft, was viele Veranstalter seit Jahrzehnten vergeblich versuchen: Sie hat in Berlin das Kulturinteresse über gesellschaftliche und finanzielle Grenzen hinweg gesteigert.

Die Kultur ist das eine, die Menschen sind das andere: „Ich habe das Gefühl, wieder dazuzugehören“, sagt Angelika Shirpy. Das fängt beim Ausgehfeinmachen an und geht mit neuen Bekanntschaften an Konzertabenden weiter. Vor Kurzem habe sie sich die Doppelgängershow „Stars in Concert“ im Hotel „Estrel“ angeguckt, in der „Distel“ wenig später Kabarett, sagt Shirpy. Aus Dankbarkeit hat sie nun auch selbst damit begonnen, einmal die Woche für die Kulturloge Eintrittskarten an Mitglieder zu vermitteln. „Mein Leben hat wieder Struktur“, sagt Shirpy und beginnt zu strahlen. „Struktur und Kultur.“

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