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Mittwoch erscheint Charlotte Roches Roman „Schoßgebete“

Eine wahre Begebenheit Mittwoch erscheint Charlotte Roches Roman „Schoßgebete“

Doch nicht der große Sex-Tabubruch: Am Mittwoch erscheint Charlotte Roches Roman „Schoßgebete“ – in einer Auflage von 500.000 Exemplaren.

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Moderatorin und Autorin: Charlotte Roche.

Quelle: dpa

Über dieses Buch dürften sich viele freuen: Leser, Buchhändler – und nicht zuletzt Psychotherapeuten. In den vergangenen Jahren ist in Deutschland wohl kein Roman erschienen, in dem so ausgiebig und positiv über Therapiesitzungen geschrieben wurde. „Um meinen Alltag hinzukriegen, gehe ich in Therapie, ich glaube, ich wäre schon mehrmals gestorben ohne meine Therapeutin“, heißt es in Charlotte ­Roches heute erscheinendem Roman „Schoßgebete“. Und das glaubt man der anstrengenden, verwirrten Icherzählerin Elizabeth sofort.

„Schoßgebete“, das Buch kommt in einer sagenhaften Erstauflage von 500.000 Exemplaren in den Handel, gehört zu den sehnlich erwarteten Neuerscheinungen des Jahres. Mit ihrem 2008 veröffentlichten Debüt „Feuchtgebiete“ hatte Roche einen – in diesem Fall ist das Wort angebracht – Sensationserfolg. Die Geschichte der jungen Helen Memel, die eine ausgeprägte Vorliebe für Analsex hat, hat sich rund zwei Millionen Mal verkauft. Das Buch regte Debatten im Feuilleton und in Internetforen über die sexuellen Phantasien junger Frauen an, über die Lust an Tabubrüchen und das Spiel mit Ekelgrenzen. Und darüber, wie autobiografisch der Roman der ehemaligen „Viva“-Moderatorin wohl sei.

„Schoßgebete“ dagegen hat zumindest einen autobiografischen Kern. „Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig und nicht beabsichtigt“, heißt es auf der ersten Seite. Von der „wahren Begebenheit“ erfährt der Leser erst in Andeutungen, bis die Icherzählerin Elizabeth ausführlich in Rückblicken beschreibt, wie ihre Mutter, ihre drei jüngeren Brüder und die Freundin eines Bruders auf dem Weg zu ihrer Hochzeit verunglücken. Die Brüder sterben, Mutter und Freundin überleben schwer verletzt.

Diesen Unfall hat es am Tag vor Charlotte Roches geplanter Hochzeit 2001 tatsächlich gegeben.

Bevor man im Roman von diesem Unfall liest, wirkt Elizabeth, 33, verheiratet, Mutter einer Tochter, meist nur überdreht und anstrengend. Sie leidet unter Kontrollzwang und erwartet ständig irgendwelche Katastrophen. Die Frau, von der nicht klar wird, womit sie eigentlich ihr Geld verdient, will ihrer Tochter eine tolle Mutter sein, ihrem Mann eine sexy Gattin und ihrer Therapeutin die beste Patientin. Anstrengend.

Das alles reflektiert sie und prüft stets, was sie jetzt wieder nur aus Gefallsucht, Angst oder Schuldgefühlen unternimmt. Der Roman beginnt mit einer ausgiebigen Schilderung eines ehelichen Beischlafs. Elizabeth behauptet zwar, dass sie einzig beim Sex mal entspannen könne, denkt aber währenddessen ziemlich viel über ihre Eifersucht nach, über das Frauenbild ihrer Mutter – und über Alice Schwarzer. Denn: „Alice Schwarzer sitzt immer beim Sex zwischen mir und meinem Mann und flüstert mir ins Ohr: ,Ja, Elizabeth, das denkst du nur, dass du jetzt einen vaginalen Orgasmus hast, das bildest du dir nur ein, um dich deinem Mann und seinem Machtschwanz zu unterwerfen.‘“

„Schoßgebete“ ist ein permanenter Monolog, ein Gedankenstrom, in dem Elizabeth über Sex inner- und außerhalb der Ehe, über Umweltschutz und die Bedeutung von Therapien sinniert. Skandalös ist das nicht, manchmal witzig – und oft traurig. Denn der dunkle Kern des Romans, der schreckliche Unfall, rückt immer mehr in den Vordergrund. Und damit auch Elizabeths Strategien, mit diesem Verlust und ihren Schuldgefühlen fertig zu werden.
Charlotte Roche schreibt stilistisch nicht sonderlich ausgefeilt, aber mit viel Verve. Ganz oft hat der Leser das Gefühl, jemandem zuzuhören, der seine Lebensgeschichte ausbreitet. Zum Beispiel, wenn sie über die Mutter erzählt, die sich oft von Partnern trennte: „Auch war immer der Mann schuld an der Trennung, mit allen Kindern, inklusive der dazugekommenen, raus da, Sozialwohnung mit einer verarmten Mutter, neuer Mann, alle wieder in sein Haus, Familienshow und so weiter und so fort.“

„Schoßgebete“ hat etwas Unmittelbares und Verzweifeltes, gerade wenn es um den Tod der Geschwister geht und um die Wut, die Elizabeth packt, als eine große Boulevardzeitung über den Unfall berichtet. Und: „Diese Geschichte von früher (...) hat mein ganzes Leben ruiniert (...). Mein Mann hat einen Scherbenhaufen geheiratet.“

Charlotte Roche macht in Interviews keinen Hehl daraus, dass sie seit Jahren in Therapie ist, dass sie unter Magersucht und Alkoholismus gelitten hat. Diese Übereinstimmungen zwischen der Autorin und ihrer Protagonistin bedienen vielleicht den Voyeurismus mancher Leser. Doch bei der 33-jährigen Autorin, die mit 20 Jahren als Moderatorin begonnen hat, lässt sich kaum einschätzen, wann sie autobiografisch bleibt, wann sie die fiktionale Ebene wählt und wie sie bewusst mit Erwartungen von Lesern und Medien spielt.

„Schoßgebete“ ist manchmal deftig, aber nicht der große Sex-Tabubruch-Roman, den manche nach „Feuchtgebiete“ erwartet, wenn nicht erhofft haben. Es ist ein seltsames Buch – übersprudelnd und todtraurig, kindisch und in seiner Ungelenkheit berührend.

Charlotte Roche: „Schoßgebete“. Piper. 283 Seiten, 16,99 Euro.

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Das neue Buch "Schoßgebete" von Charlotte Roche ist am Mittwoch mit einer Startauflage von 500.000 Exemplaren herausgekommen. In dem Buch redet sie natürlich auch über Sex. Denn ohne Sex hält sie Liebe für unmöglich, wie sie in einem Interview sagte.

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