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Mord im Staats-Zirkus

„Maskenball“ in der Staatsoper Hannover Mord im Staats-Zirkus

Freudiger Zuspruch für den Regisseur: Olivier Tambosis verkasperter „Maskenball“ kommt in der hannoverschen Staatsoper gut an.

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Nur Fliegen sind schöner: Heather Engebretson und Stefan Adam im „Maskenball“.

Quelle: Jauk

Hannover. Der Mann ist selbstbewusst: Erst hat Opernregisseur Olivier Tambosi im Wagner-Verdi-Jahr Richard Wagner vom Denkmalsockel geholt, jetzt hat er den Dramatiker Giuseppe Verdi in die Manege gestellt. Aber während im Frühsommer etliche Zuschauer auf Tambosis verharmlosende „Meistersinger“-Inszenierung mit lautem Widerspruch reagierten, gab es jetzt zum Saisonauftakt in der Staatsoper für den „Maskenball“ freudigen Zuspruch. Bei Wagner geht es ja auch um so wichtige Dinge wie die Wahrheit der Kunst und das deutsche Wesen, an dem die Kulturwelt genesen soll. Bei Verdi nur um so banale Sachen wie Liebe, Treue, Verrat und Verzicht – und einen Mord.

König Riccardo liebt Amelia, die Frau seines besten Freundes Renato, und wird  wiedergeliebt, doch offenbar hat er Ronald Kaisers Schlager „Manchmal möchte ich schon mit dir“ im Hinterkopf, in dem die Folgen solchen Tuns beschworen werden: „Du verlierst den Mann, ich verlier den Freund.“ Also verzichtet er, will den Freund und dessen Frau ins Ausland schicken, was ihm die Gelegenheit gibt, eine sängerische Abschiedsorgie zu starten: Nirgendwo in der Operngeschichte dürfte es mehr „addios“ geben. Nur hat leider mittlerweile Gatte Renato den vermeintlichen Betrug entdeckt, sich Verschwörern angeschlossen und selbst den tödlichen Stoß gegen Riccardos Herz geführt. Anlass für Riccardos allerletztes „sempre addio“. Was die Hofgesellschaft mit dem Fazit „Notto d’orrore!“ kommentiert. Nur war das in Hannover keine „Nacht des Schreckens“, sondern eher ein Ausflug in die Spaßgesellschaft.

Bühnenbildner Bengt Gomér hat ein Theaterrund als Szene entworfen: Es sieht mit seinen Logen und Lampen nach Provinzopernhaus aus, ist aber von Zirkuspersonal bevölkert. Kostümbildnerin Carla Caminati darf flächendeckend Clownsperücken verteilen. Noch während der Ouvertüre sehen wir, wie Clowns einen Schlafenden in seinem Bett ermorden. Aber dann kriecht Page Oscar unter der Decke hervor, und auch der König erhebt sich. Alles war nur ein Spiel. Noch.

Amüsanterweise hat vor 18 Jahren in der bislang letzten hiesigen „Maskenball“-Inszenierung Regisseur Heinz Lukas-Kindermann ein ähnliches Konzept gezeigt. Auch damals gab es ein Spiel im Spiel, aber jetzt wird die Rahmenhandlung viel penetranter vorgeführt. Alles findet im Rund der Manege statt, auch der Besuch in der Höhle der Wahrsagerin Ulrica.

Wenn zu Beginn des zweiten Aktes Amélia nach der Blume des Vergessens suchen will, dann werden einfach zwei Särge hereingerollt. Dabei gibt es später nur eine Leiche, aber jetzt will Tambosi ein bisschen mit der Spiegelung spielen: In oder auf den Särgen gibt es Abbilder der beiden Liebenden. Und Amélia trägt das gleiche Kleid wie Ulrica, die als Gevatterin Tod auftritt. Der Erkenntnisgewinn dieser Spiegeleffekte hält sich in Grenzen, der Lustgewinn der fast permanenten Clownerien auch.

Die Oper heißt zwar „Un Ballo in Maschera“, der entscheidende Maskenball aber dauert kaum eine halbe Stunde – und da ist Riccardos langer Anlauf zum endgültigen „addio“ schon inbegriffen. Doch wenn den ganzen Opernabend herumgekaspert wird, wenn allzu ungeschminkt (oder besser: allzu grell geschminkt) der Maskendrang vorgeführt wird, dann ist die Neugier auf den tödlichen Maskenreigen begrenzt, auch wenn Tambosi am Ende geschickt noch einmal den Blick auf den Helden lenkt. Verdis „Maskenball“ ist nicht nur chronologisch so etwas wie das Zentrum seines Opernschaffens, wenn man die sehr speziellen Spätwerke „Otello“ und „Falstaff“ beiseite lässt. Dieser Geniestreich ist in seiner Melodienstärke, seiner Glut, seiner rhythmischen Zuschärfung Verdi pur und hat einen ganz und gar eigenen Ton.

Der ist bei Kapellmeister Mark Rohde und dem Niedersächsischen Staatsorchester in sehr guten Händen, auch wenn das Vorspiel fast spröde beginnt. Rohde koordiniert die Solisten, das Orchester und den selbstbewussten Chor souverän. Manchmal wünscht man sich noch ein Quäntchen mehr rhythmische Flexibilität, aber die mag kommen, wenn sich die Premierennervosität gelegt hat. Die Musik jedenfalls pulsiert, hat Schmelz und Feuer.  Wobei die Hauptrollen gerne ein paar Briketts mehr auflegen: Gesungen wird vorzugsweise mit Nachdruck. Das passt am besten bei Stefan Adam, der dem Renato profundes Gewicht gibt. Der ist erst ein wahrer Freund und dann ein wütender Rächer: mit dunkel timbriertem Bariton und einer Ernsthaftigkeit, an der auch die albernste Perücke nicht rütteln kann.

Als Riccardo hat die Staatsoper den mexikanischen Tenor Rafael Rojas engagiert, der den König des Verzichts mehr mit Steh- und Strahlkraft als mit Belcanto-Charme zeichnet. Das ist manchmal einfarbig, aber die Farbe hat Höhenglanz. Als Amélia liebt und leidet bei der Premiere Brigitta Hahn (es gibt für die drei weiblichen Hauptrollen Zweitbesetzungen). Und sie überzeugt vor allem als Verzweifelte, in ihrer Arie „Ma dall’arido stelo divulsa“ dagegen könnte man sich etwas mehr kantablen Schmelz vorstellen. Doch die Höhe sitzt präzise, die Figur hat Format.
Das gelingt auch Julie-Marie Sundal, die mit Präsenz und Präzision sehr geschickt wettmacht, dass ihrer Ulrica etwas tiefschwarze Klangfarbe fehlt. Sie ist nicht nur die Hexe vom Dienst, sondern ein schillernder Charakter.

Der Publikumsliebling des Abends aber ist die quirlige Heather Engebretson als Page Oscar: quicklebendig in Bewegung und Stimmführung, agil, bühnenfüllend trotz  ihrer Zierlichkeit, eine Bereicherung des Ensembles. Am Ende sehr herzlicher Beifall eines Publikums, das schon nach den Arien (und manchmal bei Atempausen auch mittendrin) gerne applaudiert hatte. Kein Wunder, denn wer Verdis „Maskenball“ nicht als Aufforderung zum Tanz versteht, der hat kein Herz und kein Ohr für die Oper.

Die nächsten Aufführungen am 21. und 24. September. Karten: (0511) 99 99 11 11.

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