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Kultur So singt Aprikosenholz
Nachrichten Kultur So singt Aprikosenholz
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22:07 24.07.2015
Überwältigendes Erlebnis: Der Maler Kevork Mourad (links) und der Sänger Ibrahim ­Keivo beim gemeinsamen Auftritt in Osnabrück. Quelle: Spyra
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Der Name des 2005 von Michael Dreyer gegründeten Morgenland-Festivals in Osnabrück ist Programm. Musik des Vorderen Orients wird dabei in Kirchen und Kulturzentren präsentiert und gehört. Auf diese Weise führt der Blick zurück in die Geschichte der Menschheit, als zwischen dem Territorium der heutigen Türkei, babylonischem Zweistromland und den Regionen der Seidenstraße gehandelt und auch musikalische Überlieferungen verbreitet und ausgetauscht wurden. Ganze Tonsysteme und die darauf beruhenden Instrumente wanderten von Ost nach West und prägten die zumeist nur mündliche Überlieferung. Der als Morgenland poetisch umschriebene Orient ist die Wiege der Musik, die keine politischen Grenzen kennt.

Während sich frühere Morgenland-Festivals auf Musik und Interpreten aus Aserbaidschan, Syrien und die Länder Iran, Irak und Türkei konzentrierten, rückte in diesem Jahr Armenien in den Fokus. Das war aus mehreren Gründen eine Besonderheit. Das südlich des Kaukasus gelegene Land ohne Verbindung zum Meer ist als einziger orientalischer Staat christlich geprägt. Es ist sogar das allererste Land, das bereits um das Jahr 300 das Christentum als Staatsreligion eingeführt hat. Das Jahr 2015 ist für die Armenier schmerzlich, denn hundert Jahre vorher ereigneten sich im heute türkischen Ost- und Südanatolien jene international mehr und mehr als Genozid eingestuften Aktionen von Vertreibung und Vernichtung der armenischen Bevölkerung. 

Mit dem Fokus Armenien verknüpfte das Morgenland-Festival nicht nur das Genozid-Gedenken. Weil im Orient lebende Menschen gegenwärtig wieder massenhaft vor der Barbarei des sogenannten „Islamischen Staates“ fliehen müssen, hat Michael Dreyer das Festival „allen Menschen, die auf der Flucht sind“, gewidmet. Einer von ihnen, der Sänger Ibrahim Keivo, ist beim Osnabrücker Publikum seit Jahren bekannt. Sein aus der Stadt Van stammender Großvater entkam der türkischen Verfolgung, weil er Zuflucht bei einer jesidischen Familie fand und später in ein nordsyrisches Dorf geriet. Der Enkel Ibrahim musste kürzlich von dort fliehen und lebt jetzt mit seiner Familie in Deutschland. Er sang zur Eröffnung des Morgenland-Festivals in der Marienkirche ein von ihm an einer Langhalslaute begleitetes und von zwei armenischen Musikern unterstütztes viertelstündiges Lamento in armenischer, kurdischer und arabischer Sprache. Das war – gemeinsam mit einer auf eine Leinwand projizierten doppelsinnig flüchtigen Livemalerei des in Paris lebenden Künstlers Kevork Mourad  – ein so überwältigendes Erlebnis, dass das Publikum erst nach merklicher Stille applaudierte.

Armenische Musik wurzelt wie die gesamte Musik des Vorderen Orients in Einstimmigkeit. Diese ist gekoppelt mit zahlreichen Tönen zwischen den Stufen der gewählten Tonleitern und mit einer außerordentlichen rhythmischen Vielfalt. Armenische Musik ist vom Gesang geprägt. Selbst die überlieferte Instrumentalmusik und sogar der in Jerewan gepflegte Jazz klingen in ihrer stetigen Linearität erstaunlich vokal. Das nach einem armenischen Mystiker benannte Gurdjieff Folk Instruments Ensemble veranschaulichte das vorzüglich im Vortrag der einst von Komitas – das ist der armenische Bartók – gesammelten und notierten Melodien. Und wenn dann eine Melodie von der Duduk geblasen wurde, konnte dieses aus Aprikosenholz gefertigte und trotz seines Doppelrohrblatts sehr weich klingende Instrument ohne Weiteres mit einer menschlichen Stimme verwechselt werden.

Der Zauber des Aprikosenholzes prägte auch am zweiten Tag die Yerevan Jazz Night. Jazz auf der klappenlosen und kaum größer als eine Blockflöte gefertigten Duduk – geht das? Jivan Gasparian, Enkel des gleichnamigen armenischen Duduk-Meisters, präsentierte sich erstklassig. Er jazzte gemeinsam mit dem Saxofonisten Armen Hyusnunt, dem einfühlsam improvisierenden Pianisten Vaghan Hayrapetyan und dem Gitarristen Alex Baboian. Deren Poesie verzauberte das Publikum in der ausverkauften Lagerhalle auf Anhieb.

Von Ludolf Baucke

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