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Museum August Kestner zeigt Reklamekunst

Ausstellung eröffnet Museum August Kestner zeigt Reklamekunst

Zwischen Kreativität und Kommerz: Das Museum August Kestner zeigt "Reklamekunst aus Hannover" - und weckt Erinnerungen an die Traditionsfirmen der Stadt. Dabei reicht die Spanne der Exponate von Jugendstil bis in die poppigen 70er.

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Die Ausstellung zeigt, wie Reklamekünstler über die Jahrzehnte ihr neues Metier erkundeten: Bunte Bilder ersetzten in Zeitungsannoncen die langen Texte, die Botschaften wurden prägnanter.

Quelle: Rainer Droese

Hannover. Heute würde jeder Werbetexter für einen solchen Slogan gefeuert: „Keks ist allen Nahrungsmitteln voraus durch seine große Verwendungsmöglichkeit“, heißt es spröde auf dem eng bedruckten Plakat. Und: „In jedem Falle haben sie recht, wenn Sie sich mit Keks versehen.“ Und dazu noch, in Großbuchstaben: „Keks ist Fortschritt“. Kein Geringerer als Kurt Schwitters hat diese Bahlsen-Werbung entworfen – und man darf sich den großen Künstler wohl mit süffisantem Lächeln beim Texten seiner kekstrockenen Reklamebotschaften vorstellen.

Eckdaten zur Ausstellung

  • Die Ausstellung „Reklamekunst aus Hannover – Von Leibniz-Keks bis Pelikano“ ist im Museum August Kestner am Trammplatz bis zum 29. Januar 2017 zu sehen. Informationen gibt es unter Telefon (05 11) 16 84 27 30.
  • Führungen gibt es an verschiedenen Sonntagen jeweils um 11.30 Uhr, unter anderem am 18. und 25. September, am 2., 16., 23. und 30. Oktober sowie am 13. und 20. November.

Schwitters hatte sich 1924 mit der Ein-Mann-Agentur „Merzwerbungszentrale“ selbstständig gemacht. Zu seinen Kunden zählten auch das Handarbeitsgeschäft Buchheister und die Üstra. Sein Kollege El Lissitzky arbeitete für Pelikan. „Damals wurden sehr viele Künstler in der Werbung tätig – und zugleich entstanden neue Berufsbilder wie Grafiker und Werbefachmann“, sagt Sally Schöne. Sie ist Kuratorin der Ausstellung „Reklamekunst aus Hannover“, die im Museum August Kestner (MAK) jetzt mit Plakaten und Keksdosen, Zeitungsausschnitten, Werbefilmen und Emailleschildern („Trinkt Kraft-Schwarz-Bier“) in versunkene Werbewelten eintaucht.

Die Ausstellung wärmt die Herzen nostalgisch veranlagter Lokalpatrioten: Man begegnet Constantin-Cigaretten und Hanomag-Autos ebenso wie dem Machwitz-Mohren und dem Eichhorn-Eichhorn. Die neue Design-Expertin des MAK hat die meisten Exponate ihrer ersten Ausstellung im Historischen Museum aufgetrieben. Da zeigt sich, wie der vor zwei Jahren gegründete Verbund „Museen für Kulturgeschichte“ Synergien freisetzen kann.

Im Museum August Kestner sind in einer neuen Ausstellung hannoversche Reklamekunstwerke zu sehen.

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Einen wahren Boom erlebte Reklamekunst um 1900. Die Wirtschaft brummte, doch die Konkurrenz war groß: Wollten Unternehmen sich behaupten, mussten sie trommeln. „In Hannover gab es damals schon Unternehmen wie Bahlsen und Pelikan, die wussten, wie wichtig gut gemachte Werbung ist“, sagt Kuratorin Schöne.

Spaziergänge und ein Museumsfest

  • Mit dem Stadtteilzentrum Lister Turm veranstaltet das Museum Stadtteilspaziergänge: Am 9. Oktober, 11 Uhr, lautet das Thema „Rund um den Pelikan“ (Treffpunkt ist vor dem Restaurant XII Apostel, Pelikan­platz 2), am 27. November, 11 Uhr, geht es um Bahlsen (Treffpunkt ist der Bahlsen-Haupteingang, Podbielskistraße 11).
  • Ein Museumsfest zur Ausstellung steht am Sonntag, 30. Oktober, von 12 bis 17 Uhr auf dem Programm.

Viele hannoversche Unternehmer waren überdies kultursinnige Patriarchen: Hermann Bahlsen und Pelikan-Chef Fritz Beindorff, Feinkost-Händler Heinz Appel und Schokoladenfabrikant Bernhard Sprengel hatten allesamt ein Faible für Kunst. Sie engagierten teils renommierte Künstler für die Gestaltung von Plakaten und Verpackungen. Werbemetropolen waren Berlin und München. „Doch Künstler aus ganz Deutschland meldeten sich auch in Hannover, weil es hier interessante Auftraggeber gab“, sagt Schöne. Pelikan beispielsweise richtete seit 1898 regelmäßig Wettbewerbe aus, bei denen teils mehr als 2000 Entwürfe eingereicht wurden.

Künstler diskutierten heiß darüber, ob man die Kunst zur Magd des Konsums degradieren dürfe. Doch bei vielen siegte der gesunde Geschäftssinn – und sie schufen (wenn auch im Dienste des Kommerzes) kleine Kunstwerke, die heute vom Lebensgefühl ihrer Zeit künden, von der Ästhetik, den Geschlechterrollen und dem Alltag. „Gerade hannoversche Unternehmen setzten um 1900 wichtige Impulse für die angewandte Kunst“, sagt Museumsdirektor Thomas Schwark.

Nicht immer ist auf den ersten Blick ersichtlich, wie ein Firmenlogo entstanden ist. Hier erfahren Sie die Geschichte hinter den Logos von vier bekannten hannoverschen Firmen.

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Die Ausstellung zeigt, wie Reklamekünstler über die Jahrzehnte ihr neues Metier erkundeten: Bunte Bilder ersetzten in Zeitungsannoncen die langen Texte, die Botschaften wurden prägnanter. Die Werbebranche lernte, auf die Wiedererkennbarkeit von Logos zu setzen und auf den Reiz exotischer Motive wie den rauchenden Constantin-Türken.

Vorträge und Workshops

  • In den Herbstferien wird am 11. und 12. Oktober die Kinderaktion „Geht Verpacken ohne Plastik?“ organisiert, bei der Jungen und Mädchen ab 9 Jahren zu Verpackungskünstlern werden können. Anmeldung für den Workshop können per E-Mail an museumspaedagogik.kestner@hannover-stadt.de geschickt werden.
  • Das Vortragsprogramm zur Ausstellung beginnt am 28. September, 18.30 Uhr: Buchautorin Kristina Huttenlocher spricht dann über „Sprengel – die Geschichte der Schokoladenfabrik“.
  • Am 2. Oktober, 6. November und 22. Januar, jeweils um 15 Uhr, präsentiert die Komponistin und Rezitatorin Marie Dettmer eine literarische Spurensuche zum Thema Reklamekunst.
  • Der Kulturwissenschaftler Peter Struck präsentiert am 16. Oktober, 15 Uhr, Amüsantes zum Thema „Keks ist Fortschritt – Frühe Firmen aus Hannover und ihr freches Marketing“.

Die Reklame veränderte schließlich das Bild der Stadt. Auf Autos und Bahnen gab es bald bewegte Werbung, dazu kamen Kino-Spots. Vielfach wurde wild plakatiert. Im Jahr 1913 stellte der Kaufmann Georg Severin dann in Hannover 53 Litfaßsäulen auf. Dazu kamen Leuchtreklamen – eine der ersten in Deutschland war die von Bahlsen am Potsdamer Platz in Berlin. Als hannoversche Spezialität kamen die seit 1926 installierten „Falke-Uhren“ dazu, benannt nach Adolf Falke, der mit diesen von innen erleuchteten Standuhren am Straßenrand Schriftzüge wie „Persil“ im Stadtbild platzierte.

Die Ausstellung reicht vom Jugendstil bis in die poppigen Siebziger. „Dann kam eine Zäsur“, sagt Kuratorin Schöne. Die Generation kunstsinniger Unternehmer war abgetreten, die künstlerischen Ansprüche an Werbung gingen zurück. Professionelle Agenturen übernahmen nun das Zepter von den experimentierfreudigen Künstlern. Reklame und Kunst gingen nun wieder getrennte Wege.

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