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Museum „Grenzhus“ wird neu gestaltet

Geschichte pflegen Museum „Grenzhus“ wird neu gestaltet

50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, die am 13. August 1961 das letzte Schlupfloch zwischen Ost- und Westdeutschland schloss, soll das einzige norddeutsche Grenzlandmuseum in Schlagsdorf gründlich „entstaubt“ und umgestaltet werden.

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50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer soll das Museum für fast eine Million Euro umgestaltet werden.

Quelle: dpa

Schlagsdorf . In frischem Grün leuchtet der alte Streckmetallzaun. Ein Bewohner von Schlagsdorf - zwischen Ratzeburg (Schleswig-Holstein) und Gadebusch (Nordwestmecklenburg) - hat das Überbleibsel der früheren innerdeutschen Grenze lackiert und als Hofeinfassung montiert. Auch so manch Misthaufen oder Hühnerstall im Ort trägt eine Verkleidung aus Stahlgitter und Drahtverhau der alten Sperranlagen. „Selbst die Grenze war eben volkseigen“, kommentiert Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Mit Hilfe der Stiftung will der Ort 50 Jahre nach dem Mauerbau sein 1999 eröffnetes Museum „Grenzhus“ neu gestalten.

Knapp eine Million Euro solle der zweijährige Museumsumbau kosten, sagt Anette Heimert-Ladendorf, einzige feste Mitarbeiterin der von einem Verein getragenen Einrichtung. Nötig sei dies allemal. Bisher fehlten ein roter Faden sowie ein ausgewogener Blick auf die Geschichte der Grenzregion zwischen Ostsee und Elbe, räumt sie ein. So müsse das „Grenzhus“, das zuletzt pro Jahr an die 10.000 Gäste zählte, nicht nur chronologisch sortiert, sondern zudem mit neuen Erkenntnissen, regionalen Fakten und Themen bereichert werden. Bis 2013 solle auch die ein paar hundert Meter vom Haupthaus entfernte Außenanlage - kein Original, sondern ein Nachbau von DDR-Grenzsperranlagen der 80er Jahre in einer ausgedienten Kieskuhle - umgestaltet und mit neuen Infotafeln korrekt erklärt werden.

In die künftig erweiterte Ausstellung im „Grenzhus“ gehörten neue Texttafeln, sind sich die Macher einig. Extra Bereiche sollen etwa die technische Perfektionierung der östlichen Sperranlagen in historischer Reihenfolge schildern und auch den DDR-Schießbefehl an der Grenze belegen. Die bisher separat im Dachgeschoss untergebrachte Natur-Ausstellung des grenznahen Biosphärenreservats solle künftig in die Exposition integriert werden. So solle sich das Thema Naturschutz durch das ganze „Grenzhus“ ziehen, erklärt Gerd Schriefer von der Stiftung Biosphäre Schaalsee. Schließlich müssten „Bleiwüsten“ an den Wänden durch neue Medien ersetzt werden, etwa durch Hörtexte in Deutsch und Englisch, sagt die Museumsleiterin.

„Geschichte ist nichts Unveränderliches.“

Das Konzept für den Umbau stammt aus der Feder von Grafikdesignern aus Erlangen. Stiftungs-Chefin Kaminsky bezeichnete das Vorhaben als „ausgereift“. Schlagsdorf führe das einzige norddeutsche Grenzlandmuseum von bundesweit 15 größeren Dokumentationszentren, sagt sie. Hinzu kämen rund ein Dutzend weiterer kleinerer Informations- und Gedenkstätten von der Ostsee bis Thüringen.

Schlagsdorfs Museum müsse nach zwölf Jahren dringend überholt werden, betont Kaminsky. „Geschichte ist nichts Unveränderliches.“ Es gebe neue historische Erkenntnisse und veränderte Bedürfnisse der Besucher. Zugleich warnt die Expertin vor rigorosem Aufräumen. Ausstellungsstücke dürften nicht weggeworfen, sondern müssten in einen aktuellen Kontext gestellt und kritisch erklärt werden. „Kontrastieren“ sei spannend. „So lassen sich auch Missbrauch von Geschichte, Betrug, Propaganda und das systematische Belügen der Leute in der DDR nachvollziehen.“ Der Besucher könne dann selbst entdecken, wo Realitäten verdreht wurden.

Dass die Auseinandersetzung mit Geschichte nicht immer einfach ist, zeigt auch die Entstehung des „Grenzhus“. Anfangs sei die Idee eines Grenzmuseums im früheren Gutshaus von Schlagsdorf in der 1100-Seelen-Gemeinde durchaus auf viel Skepsis und Kritik gestoßen, erinnert sich Bürgermeister Ingo Melchin. „Viele wollten wohl nicht erinnert werden“, vermutet er. Entweder, weil sie selbst Teil des „Grenzregimes“ gewesen seien, sich mit diesem arrangiert oder aber unter ihm gelitten hätten.

„Wir konnten uns das ja nicht aussuchen, wo wir zu Hause waren oder geboren wurden“, meint Museumsleiterin Heimert-Ladendorf, deren Familie aus der Ratzeburger Region stammt und bis 1989 diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs lebte. „Wir wollen dennoch nichts verklären und deshalb auch künftig im neuen Grenzhus Zeitzeugen - ob Grenzoffizier oder Grenzverletzer - zu Wort kommen lassen“, betont die Museumschefin. „Betroffene, Menschen der Region sind allemal authentischer als ortsfremde Wissenschaftler“, meint sie.

dpa

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