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Kultur Musik „made in Hannover“
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00:15 15.12.2012
Von Stefan Arndt
Die NDR Radiophilharmonie hat Kerkers „Die oberen Zehntausend“nun unter Leitung von Howard Griffiths eingespielt Quelle: Handout
Hannover

Abgründe der Seele

Vielleicht ist das nicht die richtige Musik zum Fest der Liebe. Aber Richard Strauss’ Oper „Elektra“ tönt so verlockend abgründig, dass man sich ihrem brutalen Zauber nie ganz entziehen kann. Das Netherlands Philharmonic Orchestra in Amsterdam hat nun eine aufregend klangsinnliche und expressive Aufnahme bei Channel Classics veröffentlicht. Die Titelpartie singt Evelyn Herlitzius mit einer so offenen Stimme, dass man in alle Seelenabgründe zu blicken glaubt. Prominent ist auch das übrige Ensemble unter anderem mit Camilla Nylund, die ihre Karriere einst in Hannover begonnen hat. Vor allem aber verbindet der Dirigent die Aufnahme eng mit der Stadt: Marc Albrecht ist der Cousin von Ursula von der Leyen und als Orchesterleiter mindestens ebenso erfolgreich wie sein Vater George Alexander Albrecht, der lange Generalmusikdirektor an der Staatsoper war.

Kitsch und Kunst

Der Mann ist der Superstar unter den modernen Komponisten – zumindest, wenn es um Chorwerke geht. Die Stücke des 1970 geborenen Amerikaners Eric Whitacre haben in den vergangenen Jahren einen wohl beispiellosen Siegeszug im Repertoire vieler Chöre auf der ganzen Welt angetreten. In Hannover ist man besonders früh auf Whitacre aufmerksam geworden. Das Junge Vokalensemble und sein Leiter Klaus-Jürgen Etzold sind so echte Spezialisten für diese besonderen Stücke geworden und stehen im engen, persönlichen Kontakt mit dem Komponisten. Auf der neuen CD „Hope, Faith, Life, Love – Choral Music by Eric Whitacre“ (erschienen bei Rondeau Productions) kann man diese große Erfahrung und Zuneigung nun nachhören. Whitacre schichtet gerne sanfte Dissonanzen zu einem kristallinen, leuchtenden Grundklang, über den sich oft helle Oberstimmen erheben. Seine Musik, die sehr spirituell geprägt ist und manchmal durchaus etwas kitschig sein kann, klingt so immer wunderbar füllig und warm. Eine Aufnahme, die süchtig machen kann.

Spritzig, witzig

Gustav Kerker ist als Komponist heute weitgehend vergessen. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte der gebürtige Herforder aber diesseits und jenseits des Atlantiks zu den Schwergewichten in der leichten Muse. Kerker ist das Bindeglied zwischen Operette und Musical – kaum ein Musiker war in beiden Stilen gleichermaßen gewandt. Und so machten seine Stücke in Europa das Musical und in Amerika die Operette populär. Beide Kunstformen gelten heute oft als minderwertig oder zumindest als anrüchig. Die NDR Radiophilharmonie geht seit Jahren dagegen an, indem sie solche Stücke auf das Programm ihrer Reihe U (für Unterhaltung) setzt. Wie überzeugend solche Ehrenrettung gelingen kann, ist auf der Einspielung von Kerkers „Die oberen Zehntausend“ zu erleben, die nun unter Leitung von Howard Griffiths bei cpo erschienen ist: spritzige, witzige, wunderbar gespielte Musik – garantiert nicht unter Niveau.

Mächtiger Glanz

Es war ein luxuriöses Geburtstagsgeschenk: Zum 10-jährigen Bestehen hat sich das A-cappella-Quartett Maybebop selbst beschenkt und sich mit einem Sinfonieorchester auf die Bühne gestellt. Statt vier Stimmen gab es nun mehr als hundert – und die verleihen den Stücken der Sänger mächtigen Glanz. „Monumental“ heißt folgerichtig der bei Traumton Records veröffentlichte Livemitschnitt eines Konzertes im Mai. Schon damals hat man wohl das Weihnachtsgeschäft im Blick gehabt: Der orientalisch angehauchte „Gummibaum“ ist eine sympathische Alternative zu herkömmlichen Tannenbäumen. In den Arrangements von Enrique Ugarte gibt sich das NDR Pop Orchestra als Bigband, Streichensemble oder Blaskapelle – also so vielseitig wie die Sänger von Maybebop. Wer das Quartett live erleben will, hat in der kommenden Woche im Theater am Aegi dazu Gelegenheit. Für das Zusatzkonzert am 21. Dezember gibt es noch Karten.

Musikalische Meditation

Weihnachtslieder sind nicht einfach fröhliche Melodien, die man zum Keksebacken singt. Der Knabenchor Hannover erinnert daran auf seiner neuen, eindrucksvollen CD „Gloria in Excelsis Deo“ (Rondeau Productions). Der 1929 geborene hannoversche Komponist Siegfried Strohbach hat dafür viele bekannte und einige weniger bekannte Stücke zu einem dramaturgisch schlüssigen Zyklus gebündelt. Von der Adventszeit über die Geburt Christi bis hin zur Verbreitung der frohen Botschaft über die ganze Welt sind die Lieder thematisch angeordnet. Verdeutlicht wird das zusätzlich durch Bibeltexte, die der Schauspieler Sky du Mont spricht. Unter Leitung von Jörg Breiding bringen die Knabenstimmen Strohbachs schlichte, aber raffinierten Bearbeitungen von „Macht hoch die Tür“ bis „O du fröhliche“ ideal zur Geltung. Ulfert Smid steuert noch die ungeheuer vielfältige Klangfülle der neuen Marktkirchenorgel bei, und am Schluss läuten sogar die Glocken: Weihnachten einmal nicht als Kinderchor-Kitsch, sondern als musikalische Meditation.

Lästige Weihnachten!

Nein, das ist nun wirklich zu viel: Nicht auch noch „O Tannenbaum“! Ruppig scheucht der vom Fest genervte Ebenezer Scrooge den Straßenmusiker vor seinem Fenster weg – und mit ihm verschwindet auch die bekannte Melodie im Orchester und irrt fortan nur noch als dürrer Schatten ihrer selbst durch die Partitur. Der Komponist Hendrik Albrecht hat ein Orchesterhörspiel aus Charles Dickens’ berühmter „Weihnachtsgeschichte“ von dem mürrischen Mr Scrooge und seinen Geistern der Weihnacht gemacht. Dirigent Vassilis Christopoulos und die NDR Radiophilharmonie machen daraus auf ihrer bei Head Room erschienenen CD großes Kino für die Ohren. Mal klingt das so bombastisch wie bei „Harry Potter“, mal ist es ein trickreiches Versteckspiel mit bekannten Melodien – und meistens beides zusammen. Stimmungsvoller Erzähler bei dem Musikspaß ist Jens Wawrczeck (Peter Shaw bei den „Drei Fragezeichen“).

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