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Kultur Herbert Grönemeyer feiert 60. Geburtstag
Nachrichten Kultur Herbert Grönemeyer feiert 60. Geburtstag
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00:15 15.04.2016
Entertainer mit Tanzqualitäten: Herbert Grönemeyer rockt wie hier in Hannover ein ausverkauftes Stadion. Quelle: Frank Wilde (Archiv)
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Bochum

Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt – das ist die Heimat von Herbert Grönemeyer. Bochum, sein Herz. Bodenständig, ehrlich, rau. So wie „Herbi“ selbst. Seine Fans lieben ihn, bei seinen Konzerten verleugnen Zehntausende – sei es aus Leipzig, Hannover oder München – unisono ihre Herkunft, solidarisieren sich mit dem alten Stahlrevier des Westens: „Bochum, ich komm aus dir!“ grölen sie. Am 26. Mai wird das in Mainz so sein, vier Tage später in Dresden. Dann ist Grönemeyer wieder auf Tour, erstmals im siebten Lebensjahrzehnt. 60 Jahre alt wird der Herzensbochumer und VfL-Fan am Dienstag. Glück auf!

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Herbert Grönemeyer engagiert sich für die Schwachen. Mit dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau etwa warb er 2003 für die Aktion "Gemeinsam für Afrika".

In Göttingen geboren, im Ruhrpott aufgewachsen, wurde Grönemeyer 1984 mit dem Millionenseller „4630 Bochum“ eine späte Musikberühmtheit. Das Album des damals 28-Jährigen enthielt die hysterische Parkplatzsuche „Mambo“, „Alkohol“, „Flugzeuge im Bauch“, „Bochum“ und – „Männer“, das die Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“ mit einer Litanei an Genderklischees beantwortete. Jeder kennt dieses Lied, das wie ein spätes Schwappen der Neuen Deutschen Welle anmutete. Bis dahin war „Herbi“ Blei in den Plattenregalen gewesen, einer, der zwei Achtungserfolge über die „Currywurst“ und einen leidenschaftlichen, aber tauben Musikfan genuschelt hatte und schließlich von seiner Plattenfirma aufgegeben worden war. Deutsche Popstars? Das waren damals Westernhagen und Lindenberg. Grönemeyer galt eher als Schauspieler.

"Das Boot" wird sein schauspielerischer Durchbruch

In Wolfgang Petersens Antikriegsfilm „Das Boot“ hatte er sich 1981 ins Gedächtnis des Weltkinos gespielt, als er gemeinsam mit Jürgen Prochnow den stockbesoffenen Kaleu Thomsen (Otto Sander) aus der Toilette eines Ballsaals in La Rochelle zerrte, nachdem der sich mit einer Ansprache an „unseren herrlichen, abstinenten, unbeweibten Führer!“ kriegsgerichtsreif gelästert hatte. Nach diesem Auftritt spielte Grönemeyer noch eindrucksvoll den Komponisten Robert Schumann in „Frühlingssinfonie“. Und konzentrierte sich dann bald schon auf den Pop, weil er keine Drehbücher mehr fand. In den vergangenen Jahren sah man ihn wieder in Minirollen in Filmen seines Freundes, des Fotografen Anton Corbijn.

Zum Stadionbezwinger wurde Grönemeyer in den frühen Nullerjahren. Nach dem Tod seines Bruders Wilhelm und seiner Frau Anna 1998 kümmerte er sich in London um seine Kinder Felix (heute 29) und Marie (27). Auf dem Album „Mensch“ sang er 2002 von seiner Einsamkeit, und „Der Weg“ wurde zum schönsten aller Totenliebeslieder und zum beliebtesten Song bei Beerdigungen: „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet / jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt“, sprach der Sänger die Worte für seine Anna, ein Lied wie ein Gebet.

Grönemeyer will die Welt besser machen

Als deutscher Dichter gilt er heute. Wortgewandt die nationale Befindlichkeit skizzierend. Er ist unverbogen, kitscharm, stets zweifelnd, immer zukunftsgewandt. Und ein Entertainer, der eben doch tanzen kann. Ein echter Superstar in einer Welt der zu Superstars ernannten Superschnuppen. Der beiläufig wie nachdrücklich seinen Namen in den Dienst der besseren Welt stellt: Sei es, um mit seiner „Band für Afrika“ (1985) gegen die Hungersnot in Äthiopien anzusingen, sei es bei der Kampagne „Deine Stimme gegen Armut“ (seit 2005) oder zuletzt 2015 beim Konzert „Offen und bunt – Dresden für alle“ als Sänger gegen Fremdenfeindlichkeit. Zur Bewältigung der aktuellen Flüchtlingskrise beizutragen, empfahl er jüngst in einem Interview. Man könne daran „lernen, wieder etwas Wesentliches zum Gemeinwohl beizutragen. Es tut uns selber gut“.

Und jetzt feiert er erst einmal seinen 60. Geburtstag, freut sich drauf, so hört man, feiere aber eher still, und ohne Medienaktivitäten. Rummel gibt es wieder in zwei Jahren. Dann soll das nächste Grönemeyer-Album erscheinen. Es wird eine Nummer eins werden, so viel ist gewiss.

Von Matthias Halbig

Grönemeyer, der Plattenboss

Herbert Grönemeyer ist auch Chef einer Plattenfirma. Am Anfang von Grönland Records stand das Projekt „Pop 2000“. In zwölf TV-Folgen und auf acht CDs wurde die Geschichte der deutschen Popmusik anhand von 140 Bands und Künstlern erzählt. Dafür gründete Grönemeyer vor 16 Jahren das Label mit dem Eisbären. Darüber hinaus war es seine Idee, eine Heimat für Künstler zu schaffen, wo diese bestimmten, was geschah – bis hin zur Vermarktung ihrer Musik. Und nicht die Manager und Aktionäre. Schon im Mai 2001 gelang Herbert Grönemeyer der große Coup, die drei Alben des legendären Elektronik-Duos Neu! auf Grönland neu zu produzieren. Wahrlich keine leichte Aufgabe, er musste dazu die bis aufs Messer zerstrittenen früheren Kraftwerk-Musiker Michael Rother und den 2008 verstorbenen Klaus Dinger an einen Tisch bringen. „Das war Millimeterarbeit“, erzählte er damals dem „Stern“ über seine Treffen mit den Musikern, die Radiohead und David Bowie zu ihren Fans zählten.

„Die Wucht eines Künstlers muss atemberaubend sein“

verriet Grönemeyer 2004 der „Zeit“ das Kriterium für seine Künstler-Auswahl. „Es muss so sein, dass ich selbst damit Mühe habe.“ Von dem deutsch-britischen Spielzeuginstrumenten-Duo Psapp bis zum charismatischen US-Songwriter William Fitzsimmons, von der kanadischen Indie-Sängerin Emily Haines bis zum Elektronik-Senior Hans-Joachim Roedelius (Cluster) reicht die Liste der „Grönländer“. Talent soll bei ihm siegen.

Ganz gewöhnliche Hits

wirft Grönland Records aber auch ab, zuletzt Philipp Dittberners „Wolke 4“. Und mit Philipp Poisel, der jedem seiner Songs ein eigenes Bühnenbild zimmert, hat er den aktuell erfolgreichsten neuen Liedermacher an Bord. Der phrasiert nuschelnd wie Grönemeyer selbst. Wo der Labelchef aber eher ein kraftvoller Presser ist, sinkt bei Poisel ein ermattetes Seufzen ins Mikrofon: „Könnt’ ich einen einzigen Tag nur in meinem Leben dir gefallen.“ So viel schöne Vergeblichkeit war selten im Deutschpop.

big

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