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00:15 10.02.2016
Umwerfende Neuigkeiten: Szene aus Francis Poulencs Oper „Die Brüste des Teiresias“. Quelle: Herzog
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Hannover

Maurice Ravel und Francis Poulenc sind Botschafter einer feinsinnigen und dennoch der Unterhaltungsbranche aufgeschlossenen Musik: Ragtime, Walzer, Polka werden elegant und belebend in ihre Kompositionen eingeschmolzen - erst recht in den Bühnenwerken der beiden französischen Komponisten. Der Studienbereich Gesang/Oper und der Studiengang Szenografie-Kostüm der Musikhochschule haben nun im ausverkauften Richard-Jakoby-Saal zwei ihrer Kurzopern präsentiert - Ravels „L’Enfant et les Sortilèges“ („Das Kind und die Zauberdinge“) und Poulencs „Les Mammelles de Tirésias“ („Die Brüste des Teiresias“).

Ravels „lyrische Fantasie“ führt ins Innere eines missmutigen und zerstörungswütigen Kindes, das mit seiner Brutalität seine gesamte Umwelt, gleich ob gegenständlich oder kreatürlich gegen sich aufbringt. Erst als das zu Tierquälereien neigende Kind einem verletzten Eichhörnchen die Pfote verbindet, wendet sich das Schreckensszenario zum Guten. Der Ruf nach der Mutter erlöst aus der abgründigen Traumwelt.

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Weitere Vorstellungen der beiden Kurzopern beginnen Montag, Dienstag und Mittwoch jeweils um 19.30 Uhr in der Musikhochschule.

Anna-Doris Capitelli sang und spielte das Kind bravourös mit vielen Facetten - hier trotzig, dort verängstigt und schließlich mitleidsvoll. Sie verkörperte das Lyrische und setzte sich so in Kontrast zu einer bizarren Umwelt, in der Friedo Henken eine ungelenke Standuhr, Daeju Na eine mit Penis als Tülle dekorierte Teekanne, Sarah Lewark das koloraturenflackernde Feuer und Daniel Preis einen Frosch sangen und spielten. Regisseur Matthias Remus verbrämte die Szenerie zu allem Überfluss damit, dass er den Komponisten Ravel als beobachtenden (Todes)Engel auf die Bühne brachte.

Aus praktischen Gründen hatte Dirigent Martin Brauß die Partitur auf ein vergleichsweise klein besetztes Arrangement reduziert, doch das minderte den (gleichwohl gründlich einstudierten) Klangzauber so sehr, dass sich die Bühneneffekte ungehindert in den Vordergrund drängen konnten. Nur gut, dass auf der Bühne der außerordentlich wendige Opernchor agierte.

Poulencs im Gegensatz zu Ravel fast schon operettenhafte Musik war dagegen der geeignete Nährboden für quirlige Bühnenpräsenz. Hier wurde effektvoll paradiert und getanzt. Während bei Ravel nur eine Luftballonwolke am Bühnenhimmel hing, inszenierte Remus Poulencs Buffooper wunderbar leichtes Luftballon-Theater - angefangen von den beiden als Luftballons hervorgezogenen Brüsten des zunächst als Theresia auftretenden Titelhelden und endend mit von liegenden Frauen umarmten Ballons. Das waren die nach anfänglich skandierten „Nur kein Kind“-Parolen ersehnten Kinder. Teiresias hatte sich wieder in die Mutter Theresia verwandelt.

Ylva Stenberg verkörperte diese Rolle eindringlich einschließlich der Überraschung, dass sie kurz vor Schluss als schwarz verschleierte Dame von hinten aus dem Publikum auftauchte. Der Jubel nach dem musikalisch temperamentvoll gezeichneten und mit farbigen Projektionen wunderbar ausgeleuchteten Poulenc-Ausklangs war riesengroß. Alle Mitwirkenden, unter ihnen Sebastian Franz als Ehemann, Mathias Tönges als liebestoller Gendarm oder das Duo Leo Lee - Yanick Spanier als Komödianten Presto und Lecouf genossen den großen Applaus.

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