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„Musizieren ist immer ein Geben und Nehmen“

Staatsoper Hannover: 1. Sinfoniekonzert „Musizieren ist immer ein Geben und Nehmen“

Seine Begeisterung ist ansteckend: Zweimal gastiert Lars Vogt in diesem Jahr im Opernhaus: Mit den beiden Klavierkonzerten von Johannes Brahms und erstmals auch als Dirigent.

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Quelle: Anna Reszniak

Hannover. Ein Montag im Sommer. Die Musikhochschule am Emmichplatz wimmelt von jungen Musikern, die sich zum Vorspiel an diesem renommierten Institut angemeldet haben. Vor mehr als 30 Jahren hat auch Lars Vogt (Bild) hier vorgespielt, bei dem berühmten Klavierprofessor Karl-Heinz Kämmerling. Als Kämmerling-Schüler gewann er 1990 den zweiten Preis beim Klavierwettbewerb in Leeds und hat seitdem eine beeindruckende internationale Karriere als Konzertpianist und Kammermusiker gemacht. Nun unterrichtet Vogt selbst als Nachfolger seines inzwischen verstorbenen Lehrers. Zwischen den Aufnahmeprüfungen und seinem nächsten Schüler nimmt er sich Zeit für ein Gespräch.

Fast eine Stunde lang gibt er wort- und gestenreich Auskunft, in einem Unterrichtsraum zwischen mehreren Flügeln und Koffern. Immer wieder springt er an den Flügel, um das Gesagte mit Musik zu illustrieren und zu ergänzen. Lars Vogt sprüht vor Energie, seine Begeisterung ist ansteckend.

Die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms stehen im Opernhaus auf dem Programm. Auch bei seiner ersten Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Staatsorchester vor 25 Jahren, als 22-Jähriger, spielte er dessen 1. Klavierkonzert. Gab es eine frühe Verbindung zu der Musik von Brahms? Vogt erinnert sich: „Brahms war nicht eine meiner ersten Lieben am Klavier. Da sind Mozart und Beethoven vorher zu nennen. Doch dann – ich war vielleicht 15 oder 16 Jahre alt – platzte der Knoten. Dann habe ich mir geradezu fanatisch alles von Brahms angehört und wollte alles spielen – egal ob Kammermusik oder Klavierwerke. Die beiden Klavierkonzerte habe ich dann in meinen Zwanzigern gelernt.“

Mount Everest der Klaviertechnik

Das 1. Klavierkonzert (d-Moll, op. 15) hat Lars Vogt mit 20 Jahren das erste Mal gespielt – interessanterweise genau in dem Alter, in dem Brahms das Konzert auch komponierte, als sein erstes Werk mit Orchester überhaupt. Das zweite Konzert (B-Dur op. 83) schrieb Brahms 23 Jahre später, mit zwei Sinfonien, einem Violinkonzert und sehr viel Erfahrung als Konzertpianist und Dirigent im Gepäck. Hat der Pianist eine Vorliebe für das eine oder das andere Konzert? Er wägt ab: „Das erste Konzert ist heute in der Regel das erfolgreichere und beliebtere beim Publikum. Aber das zweite ist wunderbar auf einer ganz anderen Ebene. Viele Leute meinen, das erste sei furchtbar schwer, das zweite nicht so kompliziert.“

Aber für den Pianisten ist es genau andersherum: „Das erste Konzert ist recht gut spielbar – es gibt wenige wirklich tödlich knifflige Stellen. Das zweite Konzert ist gespickt mit solchen Stellen, von A bis Z.“ Und es folgt ein Superlativ, den auch Nicht-Bergsteiger verstehen: „Das 2. Klavierkonzert von Brahms ist das mörderisch schwerste Konzert, vielleicht neben dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow. Das sind die beiden Mount Everests der Klaviertechnik.“ Bei Rachmaninow könne man als Solist „wenigstens mal zeigen, was für ein toller Hecht man ist“, schmunzelt Vogt, aber bei Brahms sei der schwere Klavierpart immer ins Orchester eingebunden, nur eine Farbe im musikalischen Gesamtgeschehen. Über eine „völlig verteufelte Stelle“ im 2.Satz, die Vogt auch gleich am Flügel andeutet, habe der amerikanische Pianist Emanuel Ax einmal gesagt, die Akkorde davor seien „der Gang des Pianisten zum Schafott“. Vogt lacht: „Brahms schreibt eine der absolut schwersten Stellen der Klavierliteratur – und das soll pianissimo, dolce sein!“ Also sehr leise und lieblich. Bemerkenswert ist auch, dass Brahms beide Konzerte als Pianist selbst uraufgeführt hat – das erste unter der Leitung von Joseph Joachim 1859 in Hannover! –, dass der Komponist also genau wusste, was er dem Solisten da in die Finger schrieb.

Kammermusik mit Blickkontakt

Und gerade diesen Mount Everest der Klaviertechnik besteigt Vogt beim 1. Sinfoniekonzert am 10. und 11. September im Opernhaus nicht gemeinsam mit einem Dirigenten, sondern allein. Er leitet das Werk vom Klavier aus und dirigiert in der zweiten Konzerthälfte dann Dvoáks 5. Sinfonie. Zweimal hat er das mit diesem Werk schon gemacht, und: „Das funktioniert erstaunlich gut.“ Natürlich ist auch das Orchester in dieser Situation besonders gefordert: „Für das Orchester ist das eine ordentliche Herausforderung, weil es einige wirklich tückische Einsätze gibt, wo man dann ganz gehörig aufpassen muss.“ Doch Vogt hat die Erfahrung gemacht, dass die Orchestermusiker diese Herausforderung gern annehmen: „Man muss sich aufeinander einspielen, aufeinander einhören, aber dann bekommt das Musizieren eine völlig neue Dimension. Diese Kammermusik, wo man einander nur mit Blickkontakt Dinge zuspielt, aufeinander reagiert, das ist etwas wahnsinnig Schönes.“

Auf Wolke sieben

Von dieser Erfahrung ist es gar nicht weit zum Dirigieren ohne Klavier. Seit einigen Jahren vertauscht Lars Vogt regelmäßig den Klavierhocker mit dem Dirigentenpult. Schon immer stand er im engen Kontakt mit Dirigenten, die ihn nach eigener Aussage ähnlich stark geprägt haben wie seinepianistischen Lehrer und seine Kammermusikpartner. Er nahm Dirigierstunden, zuerst bei dem Leiter der Musikschule in Düren, seiner nordrhein-westfälischen Heimatstadt. Probierte sich als Dirigent das erste Mal vor einem Laienorchester aus. Wurde in Koblenz für seine Premiere von einem Profi- orchester engagiert. Aber erst ein Einspringen bei der Salzburger Camerata für ein Konzert ohne Dirigenten, mit nur einer Probe direkt vor dem Konzert, war Vogts dirigentischer „Erweckungsmoment“, wie er selbst sagt: „Es gab nur die Möglichkeit, dass ich schnell zeige, was ich will, ohne mir dirigentisch groß Gedanken zu machen. Und das hat so schön funktioniert, ich war wie auf Wolke sieben! Direkt auf dem Rückweg zum Flughafen habe ich meine Agentin angerufen und gesagt: ‚Ich muss es jetzt wissen. Mir ist ganz egal, welches Orchester, ich möchte das gerne verstärkt ausprobieren!‘“ Seit 2015 ist Vogt Künstlerischer Leiter der Royal Northern Sinfonia im englischen Newcastle - „ein Weltklasse-Kammerorchester!“ - und spricht beglückt von seiner Arbeit dort: „Was für eine Freude, mit diesem Orchester zu arbeiten! Das ist eine absolute Glücksverbindung, die da entstanden ist.“

Die Kunst des Weglassens

Vogt greift beim Dirigieren auch auf seine reiche Erfahrung als Kammermusiker zurück: „Musizieren ist ein Geben und Nehmen. Wie in der Kammermusik, etwas Partnerschaftliches. Als Dirigent gebe ich natürlich die Impulse und treffe letztlich auch eine Entscheidung über die Interpretation. Aber ich bin nicht der, der spielt. Eines der wichtigsten Geheimnisse des Dirigierens, wie bei aller Kunst, ist das Weglassen. Je mehr man sich als Dirigent rausziehen kann, desto schöner. Die schönsten Momente entstehen, wenn man plötzlich ein paar Takte gar nicht dirigiert.“

Bemerkenswert an Lars Vogt ist, dass er seine Erfahrung als Musiker nicht nur mit Musikern und seinem Publikum teilt. Schon vor zwölf Jahren gründete er gemeinsam mit Kollegen das Programm „Rhapsody in School“, in dem inzwischen über 300 Künstler organisiert sind. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, an freien Vormittagen zwischen Proben und Konzerten in Schulen zu gehen und ihre Begeisterung für Musik mit Kindern und Jugendlichen zu teilen. „Wie erreicht man eigentlich die nächste Generation, haben wir uns gefragt, wo das Elternhaus klassische Musik oft nicht mehr vermittelt?“ Und dabei geht es ihm nicht darum, Musik als Selbstzweck zu vermitteln oder kleine Musiker heranzuziehen. Sondern Musik als Gegenpol zum Leistungsprinzip zu setzen, als einen Weg zu eröffnen, sich selbst kennenzulernen. „Wir leben nicht nur zum Funktionieren. Wir sind viel, viel mehr als das! Wir haben so viele eigentümliche Seiten in uns, die man gar nicht so gerne offenlegen möchte, aber die sind ganz kostbar. Und für mich ist die Musik einer der fantastischsten Wege, diese Seiten kennenzulernen.“ Genau diese Begeisterung, die Lars Vogt in einem Vorgespräch zu zwei Konzerten im Opernhaus ausstrahlt, möchte er weitergeben: „Wir Musiker brennen doch alle voller Leidenschaft für Musik. Wenn wir mit so einem Feuer in eine Schulklasse gehen, vielleicht springt dann der Funke über. Wenn die Kids dann irgendwann mal wieder etwas Klassisches hören, vielleicht denken sie sich: ‚Da war doch mal dieser Spinner bei uns in der Klasse, der hat so dafür gebrannt, vielleicht ist da etwas dran.‘ Und wenn nur eine Neugierde geweckt wird: Darüber würde ich mich freuen.“

Von Swantje Köhnecke

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