Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Muss Hannover die Elbphilharmonie fürchten?

Hamburgs neue Besuchermagnet Muss Hannover die Elbphilharmonie fürchten?

Die neue Elbphilharmonie in Hamburg ist schnell zum Besuchermagnet in Norddeutschland geworden. Doch müssen Hannovers Konzertveranstalter die neue Attraktion aus der Hansestaft fürchten?

Voriger Artikel
Metallica sind mit neuem Album zurück
Nächster Artikel
Max Frischs "Andorra" im Ballhof

Gute Verhandlungsposition: Wer den Großen Saal der Elbphilharmonie im Angebot hat, ist derzeit als Veranstalter bei Künstlern und beim Publikum sehr gefragt.

Quelle: Droese

Hamburg. Es ist ja nicht ganz leicht, den Impuls zu unterdrücken: Die Hamburger Elbphilharmonie ist endlich fertig - da muss man hin! Zu der attraktiven Architektur kommt schließlich noch ein vielversprechendes und umfangreiches Konzertangebot. Wäre es da nicht eine Überlegung, die Konzertbesuche aus der Heimatstadt nach Hamburg zu verlegen? In nahegelegenen Städten mit größerem eigenen Kulturangebot wie Lübeck und Kiel wird jetzt wegen solcher Gedankenspiele Alarm geschlagen. Ein erheblicher Teil des Publikums werde in absehbarer Zeit nach Hamburg abwandern, klagte etwa der Geschäftsführer des Lübecker Theaters in der vergangenen Woche.

In Hannover dagegen bestehen solche Sorgen derzeit nicht: „Wir sind ganz gelassen“, sagt Matthias Ilkenhans, der Manager der NDR Radiophilharmonie. Das Angebot des Orchesters sei attraktiv genug, um ein Publikum auch langfristig zu binden. „Derzeit sind fast alle Konzerte bis zum Saisonende sehr gut verkauft“, so Ilkenhans. Vor allem die Auftritte von Radiophilharmonie-Chef Andrew Manze seien stark nachgefragt. Und wer ein Abonnement abschließen wolle, müsse in den meisten Konzertreihen sogar zunächst mit einem Platz auf der Warteliste vorlieb nehmen.

Wie wenig Sorgen sich das Orchester machen muss, war am Tag der Plaza-Eröffnung der Elbphilharmonie eindrucksvoll - und für viele Klassikfreunde auch leidvoll - zu erleben: Während in Hamburg die ersten offiziellen Führungen durch das neue Haus begannen, startete in Hannover der Vorverkauf für das Klassik-Open-Air im Maschpark: Nach gerade einmal 28 Minuten waren die rund 2000 Karten für das „Rigoletto“-Opernspektakel im kommenden Jahr ausverkauft.

Sogar Burkhard Glashoff, Geschäftsführer der Pro-Musica-Konzertreihe, ist der Meinung, dass die Radiophilharmonie derzeit „einen Lauf“ habe. „Plötzlich interessieren sich viele Menschen für deren Konzerte“, sagt er - „und davon profitieren auch wir bei Pro Musica.“ Konkurrenz belebt das Geschäft, glaubt Glashoff, der das lieber so ausdrückt: „Gute Nachrichten aus der Welt der Klassik sind gute Nachrichten für alle Akteure in diesem Bereich.“ Das gelte erst recht für die Elbphilharmonie: „Die Leute werden aufmerksam und interessieren sich automatisch auch für klassische Konzerte in ihrer Nähe.“ Ohnehin sei derzeit ein steigendes Interesse der Zuhörer zu beobachten: Pro Musica verzeichnet in Hannover schon seit gut zwei Jahren deutliche Zuwächse sowohl in den Abonnement-Reihen als auch im Einzelverkauf.

Eine wichtige Rolle spiele dabei, dass nach der geglückten Sanierung des Kuppelsaals in Hannover nun „zwei gute, etablierte Säle“ für unterschiedliche Formate zur Verfügung stünden, glaubt Glashoff. Und fragt man Opernintendant Michael Klügl, der sich regelmäßig über gutbesuchte Sinfoniekonzerte in seinem Haus freuen kann, kommt noch ein dritter Ort hinzu: „Wir verfügen mit dem Laves-Bau ebenfalls über ein architektonisches Juwel“, sagt er. Zudem spiele das Staatsorchester seit der letzten Spielzeit im „akustisch hervorragenden“ neuen Konzertzimmer und habe mit Ivan Repušic einen neuen Generalmusikdirektor, der sich „bereits jetzt als Publikumsmagnet erweist“. Er freue sich mit den Hamburgern über die Eröffnung der Elbphilharmonie, so der Intendant. Bedenken, dass das Publikum nun in die Hansestadt abwandern könne, habe er „absolut keine“.

Im Gegenteil können Hannovers Musikfreunde sogar von der neuen Attraktion in Hamburg profitieren. Burkhard Glashoff, der mit den Hamburger Pro-Arte-Konzertreihen selbst die Elbphilharmonie bespielen wird, sieht sich als Veranstalter in einer ganz neuen Verhandlungsposition. „Viele Orchester und Solisten, die sonst nicht in den Norden oder vielleicht nicht einmal nach Deutschland gekommen wären, wollen jetzt gern in die Elbphilharmonie“, erklärt er.

Wenn die Musiker schon einmal da sind, lassen sie sich eher auch zu einem Abstecher nach Hannover bewegen, zum Beispiel in den Kuppelsaal. „Ein hochkarätiges Gastspiel wie das der Staatskapelle Dresden mit Christian Thielemann im Februar wäre anders ganz sicher nicht zustande gekommen“, sagt Glashoff. Und auch die Wiener Philharmoniker, die in der kommenden Spielzeit im Kuppelsaal gastieren werden, hätte er ohne das Argument eines Auftritts in der Elbphilharmonie nicht für Hannover gewinnen können.

Dass Glashoff heute in dieser komfortablen Situation ist, liegt allerdings an der Weichenstellung, die Cornelia Schmid von der Konzertdirektion Schmid auch mit Blick auf die bevorstehende mächtige Konkurrenz vor einigen Jahren bei Pro Musica vorgenommen hat. „Wir haben ja lange gewusst, dass die Elbphilharmonie kommen wird“, sagt sie. Daher habe sie ihr Unternehmen durch eine Partnerschaft mit der Hamburger Konzertdirektion Götte „breiter aufgestellt“: Während das Management von Künstlern bei Schmid blieb, wurde die Organisation von eigenen Konzerten bei Götte konzentriert. Von Hamburg aus werden seither die Veranstaltungsreihen in Hamburg, Hannover, Dortmund und vielen weiteren Städten organisiert. Nur so sei es möglich gewesen, die angebotenen Konzerte auf hohem Niveau und damit attraktiv zu halten, so Schmid.

Derart vorbereitet macht sie die Eröffnung des spektakulären Konzertsaals auch nicht mehr nervös. Im Gegenteil: Die Elbphilharmonie verleihe dem Konzertleben eine Strahlkraft, die sich bundesweit auswirke, sagt Schmid: „Sie ist ein Wahrzeichen für Musik und Kultur weit über Hamburg hinaus.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
James & Priscilla im Pavillon

James & Priscilla im Pavillon.