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Buch über Albert Speer zum Sachbuch des Jahres gekürt

Vom Willen zur Wahrhaftigkeit Buch über Albert Speer zum Sachbuch des Jahres gekürt

Große Gala für aufklärendes Schreiben: Im Schloss Herrenhausen kürt NDR-Kultur Magnus Brechtkens „Albert Speer eine deutsche Karriere“ zum Sachbuch des Jahres. 

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Joachim Knuth, Programmdirektor Hörfunk beim NDR (li.), zeichnet Magnus Brechtken mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis aus.            

Quelle: Kutter

Hannover. Er war kein reuiger Sünder, aber er gab sich wie einer. Ihm gelang es, der Öffentlichkeit genau das Bild von sich zu vermitteln, das er vermitteln wollte. Er hatte Erfolg damit, weil seine Strategie auch als Entlastungsstrategie für eine ganze Generation funktionierte. Albert Speer war Hitlers Lieblingsarchitekt und Hitlers Kriegsminister. Nach dem Krieg präsentierte er sich als Biedermann und Technokrat, der seine Aufgaben so gut wie möglich erledigte und vom Grauen der Konzentrationslager nichts gewusst haben wollte.

Wie konnte es geschehen, dass Albert Speer mit seinen Lügen solch einen Erfolg hatte? Diese Frage beschäftigte den Münchener Historiker Magnus Brechtken. In „Albert Speer. Eine deutsche Karriere“ untersucht er, wie die Fabelgeschichte vom unbeteiligten Techniker Speer so gut funktionieren konnte.

Im Schloss Herrenhausen kürt NDR-Kultur Magnus Brechtkens „Albert Speer eine deutsche Karriere“ zum Sachbuch des Jahres. 

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Weil das Buch nicht nur eine großartige historische Arbeit über ein wichtiges Thema aus der Vergangenheit ist, sondern durchaus auch etwas zur Gegenwart zu sagen hat, wurde „Albert Speer. Eine deutsche Karriere“ nun zum NDR-Kultur-Sachbuch des Jahres gekürt. Am Mittwoch nahm Magnus Brechtken den mit 15.000 Euro dotierten Preis im Schloss Herrenhausen entgegen.

Im Rahmen der Sachbuchgala wurde auch ein weiteres Buch ausgezeichnet: Die Volkswagenstiftung vergab ihren mit 10.000 Euro dotierten Förderpreis „Opus Primum“ an Andreas Cassee für sein Buch „Globale Bewegungsfreiheit – Ein philosophisches Plädoyer für offene Grenzen“. Der Opus-Primum-Preis richtet sich an junge Wissenschaftler, deren Publikation von hoher wissenschaftlicher Qualität ist, und die darüber hinaus die gut lesbar geschrieben und somit auch einem breiten Publikum verständlich sein muss.

Sachbücher für Klarheit

Gut geschrieben, von hoher wissenschaftlicher Qualität und einem breiten Publikum verständlich ist auch Magnus Brechtkens Speer-Biografie. Mit detektivischer Leidenschaft spürt er dem Mythos Speer nach; er beschreibt den Aufstieg Speers zum ersten Baumeister Hitlers und zum Organisator des Kriegseinsatzes. Er zeigt, dass sich der „Architekt des totalen Krieges“ auf kleptokratische Weise selbst bereichert hat, und er weist nach, dass Speer gewusst haben muss, was in den Vernichtungslagern geschah. Mit leidenschaftlicher Aufdeckerfreude beschreibt er auch, wie es Albert Speer nach dem Krieg gelang, sein eigenes Denkmal als verführter Bürger zu errichten.

„Es ist faszinierend und auch ein wenig erschreckend, zu lesen, wer ihm dabei geholfen hat“, sagte Hendrik Brandt, Jurymitglied und Chefredakteur dieser Zeitung, in seiner Laudatio. Viele Journalisten boten Speer Geld für Exklusives und stellten dem überlebenden Großnazi nicht die Fragen, die sie hätten stellen müssen.

Joachim Knuth, Programmdirektor Hörfunk beim NDR, sagte in seiner Begrüßung, Brechtkens Speer-Buch sei auch ein „Appell für Sorgfalt und Wahrhaftigkeit in Geschichtsschreibung wie Journalismus“. Knuth hob die Zeitgenossenschaft des Buches hervor: „In einer Gemengelage, in der gefälschte News als brachiale Gegenkraft zu sicher geglaubten Errungenschaften einer offenen Gesellschaft wirken, in der Lügen mit dem Anspruch aufgetischt werden, die alternative Wahrheit zu sein, in dieser Lage wünscht man sich Klarheit“.

Sachbücher können für Klarheit sorgen. Knuth nennt sie „Exempel der Genauigkeit, des klaren, auch unbequemen Denkens, des Willens zur Wahrhaftigkeit“. Über die Schwierigkeiten und auch über die Leidenschaft beim Publizieren von Sachbüchern diskutierten Regula Venske, Präsidentin des deutschen PEN-Zentrums, die Verlegerin und Literaturagentin Elisabeth Ruge und der Chef des Carl Hanser Verlags, Jo Lendle.

Droht das Ende der Bücher?

Ob in digitalen Zeiten das Ende des Büchermachens drohe, wollte Moderator Ulrich Kühn wissen. „Überhaupt nicht!“ antwortete Verleger Lendle, „aber es verändert sich“. Vor allem das Gespräch über Bücher habe sich verändert, meinte Lendle. Die Wirkmacht der großen Feuilletons sei am Schwinden und auch das Zeitbudget der Leser habe sich verändert: „Menschen schauen heute eben Netflix“. Mit Elisabeth Ruge war er sich einig, dass der Output von Autoren heute viel größer sei als früher. Datenbanken würden die  Recherche vereinfachen, das früher übliche Abtippen von Manuskripten entfalle. Umso wichtiger, darin waren sich alle Diskutanten einig, sei ein starkes Lektorat in den Verlagen.

„Verlage schwächen sich, wenn sie ihr Lektorat schwächen und wichtige Entscheidungen ins Marketing verlagern“ sagte Elisabeth Ruge.

Einen starken Lektor lobte am Ende auch der ausgezeichnete Sachbuchautor Magnus Brechtken: „Ich hatte einen hervorragenden Sparringpartner im Verlag“, sagte er im Gespräch mit Johann Hinrich Claussen, dem Kulturbeauftragten der EKD, „der hat dafür gesorgt, dass aus den 450.000 Wörtern, die ich geschrieben habe, 315.000 Wörter im Buch geworden sind“.

Das macht immerhin noch 900 Seiten. Aber sehr lesenswerte.

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