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Nachrichten Kultur NDR-Musiker spielen für Flüchtlinge
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00:15 02.12.2015
Witz und Wärme: Die NDR-Musiker mit Igor Levit (links) und Markus Becker. Quelle: Michael Plümer
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Hannover

Dass die Besucher eines Familienkonzerts an Sicherheitskräften vorbei und ihre Taschen öffnen müssen, hätten die NDR-Leute selbst vor gut zwei Wochen wohl noch für eine Szene aus dem Nahen Osten gehalten. Aber auch wenn die kräftigen jungen Männer vor dem Kleinen Sendesaal dazu nicht unbedingt schwarze Handschuhe hätten tragen müssen, nahm man ihre Präsenz jetzt doch gern in Kauf. Was als „Begegnungskonzert für Flüchtlingsfamilien“ konzipiert war, hatte weiteres symbolisches Gewicht erhalten. Kurz nachdem mitten in Europa Konzertbesucher ermordet wurden, ist jedes Konzert ein Signal.

Dieses war glücklicherweise so beschaffen, dass es nicht von der Last der Erwartungen erdrückt wurde. Das lag ein bisschen schon an der Musik, die NDR-Redakteurin Bettina Pohl mit einer kleinen Geschichte versehen hatte. Der „Karneval der Tiere“, den der Franzose Camille Saint-Saëns 1886 schrieb, ist das Gegenteil einer Bekenntnismusik. Es war zuerst ein Privatspaß, weniger auf Kinder als auf Kenner gemünzt, die in den klingenden Tierporträts hören können, wie Rossini, Offenbach, Schumann und Berlioz persifliert werden - luftige, lustige 14 Petitessen für zehn Musiker. Für zehn sehr gute Musiker.

Da kamen nun, neben den Solisten der NDR-Radiophilharmonie mit Flöte, Klarinette, Streichquartett plus Kontrabass, Xylophon, Celesta, noch zwei Pianisten von beträchtlichem Rang ins Spiel, beide in Hannover wohnhaft und beide mit einem Ruf weit über die Stadt hinaus. Am einen Flügel Markus Becker, Professor an der Hochschule für Musik und Theater, am anderen Igor Levit, 1987 in Nischni Nowgorod geboren, jetzt international gefeiert - und jüngst auch scharf kritisiert. Levit hatte über Mitglieder der „widerwärtigen Partei AfD“ getwittert, sie hätten „ihr Menschsein verwirkt“.

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Ein Familienevent mit Flüchtlingen, Hannoveranern und Stars im Funkhaus: NDR-Musiker haben zusammen mit Igor Levit und Markus Becker ein Begegnungskonzert für Flüchtlinge ausgerichtet.

An dem unsäglichen Diktum gibt es nichts zu relativieren. Dass indessen der Gesellschaft eher geholfen ist mit einem berühmten Pianisten, der für Flüchtlinge spielt, als mit einer AfD, die auf ihrem Parteitag - parallel zum Konzert in derselben Stadt - auf die „Ängstlichen“ im Lande setzt, das war hier ganz ohne große Sprüche zu spüren. Lockere, gute Worte fand Kika-Moderatorin Shary Reeves für das bunte Publikum. Rund hundert Erwachsene und Kinder aus Flüchtlingsunterkünften waren in Bussen angereist.

Sie und die Hannoveraner bekamen die Geschichte zur Musik nicht nur auf Deutsch von Shary Reeves erzählt (deren Vater ein kenianischer Philosoph ist), sondern auch auf Arabisch: Mohamad Achqar kam vor drei Jahren aus Syrien nach Hannover, spricht jetzt, mit 20 Jahren, auch bestens deutsch und war sympathischer Partner des Kika-Stars. Zu kurz kamen freilich Migranten wie der junge Afghane, der Englisch spricht, aber nicht arabisch, sich aber - wie viele Kinder - an den fabelhaften Pantomimen Klaus Renzel halten konnte. Ob der ein Huhn darstellt, einen Fisch, einen Elefanten - das ist eine Weltsprache.

„Ich finde, der macht das gut“

„Ich finde, der macht das gut“, bemerkte mein sechsjähriger Assistent, zudem fasziniert davon, dass ein eseliges „I-Ahh“ auch im Arabischen nicht anders klingt. Zum Auftritt der Esel zeigten die beiden Pianisten, wie rasend witzig Virtuosität klingen kann. Bei den Schildkröten mochte wohl mancher Erwachsene im Publikum an Paris denken. Denn hier wird in schier melancholischer Zeitlupe Offenbachs „Cancan“ vorgeführt, Inbegriff jener Pariser Vitalität, die wir jetzt so überschattet sehen. In solchen Momenten spürt man, wie fragil unsere Geborgenheit in einer reichen Kultur ist.

Aber auch, welch enorme Kraft der Integration sie besitzt, gespeist aus der Vielzahl ihrer Quellen und auch der Fähigkeit zur Ironie, die in dieser Musik zugleich sophisticated und kindertauglich kurz und klar daherkommt. So, wie sie hier gespielt und moderiert wurde, mit soviel Witz und einer Wärme, die man noch hinterher den Gesichtern im Foyer ansah, geriet ins Bewusstsein, dass Kultur das Gegenteil von Angst und Abgrenzung ist, ein Modell fürs Miteinander. Hier wurde, in jedem Sinne ohne Pauken und Trompeten, Menschsein verwirklicht. Ein kleiner Schritt von vielen, die helfen.

Von Bert Strebe

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