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NDR Radiophilharmonie in neue Saison

Beethoven-Konzert NDR Radiophilharmonie in neue Saison

Die NDR Radiophilharmonie und ihr Chefdirigent Andrew Manze sind mit hannoverschen Chören und Beethovens Neunter in die neue Saison gestartet. Am Sonnabend ist das Konzert noch einmal zu erleben.

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Expedition ins Herz der Musik: Andrew Manze probt mit den Musikern der Radiophilharmonie im Funkhaus. 

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Gesichter erzählen Geschichten. Wenn zum Beispiel die Cellisten das Nebenthema im langsamen Satz aus Beethovens 2. Sinfonie vorstellen, haben sie fast alle ein Lächeln auf den Lippen, das nur einen Schluss zulässt: Sie sind glücklich. Zumindest sind sie gerade sehr zufrieden mit ihrem Job - genau wie ihre anderen Kollegen aus der NDR Radiophilharmonie.

Leider kann man den Mann, der solche Empfindungen hervorruft, nicht von vorne sehen. Denn so wendig Andrew Manze am Dirigentenpult im Funkhaus auch agiert, um möglichst allen Musikern seine Aufmerksamkeit zu schenken - den Zuhörern wendet er natürlich den Rücken zu. Doch auch so scheint der ganze Saal zu spüren, dass hier etwas Besonderes vorgeht. Am Ende des Eröffnungskonzertes der neuen Saison steht das Publikum geschlossen von den Sitzen auf und spendet begeistert Beifall.

So leicht man den Enthusiasmus vor und auf dem Podium erkennen kann, so anspruchsvoll ist es, die Gründe dafür in der Aufführung selbst zu benennen. Manze ist kein Dirigent, der eine im Stillen entwickelte Klangvorstellung von einem Orchester umsetzen lässt. Der (ehemalige) Barockgeiger ist auch weit entfernt davon, klischeehaft die Techniken der historischen Aufführungspraxis auf ein modernes Orchester zu übertragen, um mit scharfer Artikulation und rasanten Tempi zu beeindrucken. Manze liefert keine schnellen, vordergründig effektvollen Lösungen. Gemeinsam mit dem Orchester entwickelt er jedes Stück sorgfältig aus der Musik heraus.

Sein Beethoven ist darum alles andere als die alte Leier: Verlassen kann man sich dabei auf nichts als die Überraschung. Wann hat man das scheinbar beschwingte Finale der Zweiten schon einmal so schicksalhaft verdüstert gehört? Warum klingt das Scherzo trotz seiner rhythmischen Schärfe so ungeheuer entspannt? Und scheint hier nicht in dem frühen langsamen Satz schon jene schmerzhaft unerreichbare Utopie einer perfekten Welt auf, die Beethoven erst viel später im dritten Satz seiner Neunten entfaltet?

Manze solidarisiert sich mit Flüchtlingen

Der britische Dirigent hat das Publikum vor dem Konzert mit dieser kurzen Rede begrüßt: „Als wir beschlossen haben, die neue Spielzeit mit Beethovens 9. Symphonie und ihrem freudigen Schlusssatz zu beginnen, ging es uns in erster Linie um die Liebe zur Musik und darum, die Freude an einem großen Meisterwerk mit Ihnen zu teilen. Durch die aktuellen Ereignisse und die bewundernswerte Art, wie Deutschland die vielen Tausend Flüchtlinge begrüßt und aufnimmt, bekommen die Verse Schillers eine tagesaktuelle, besondere Bedeutung. ,Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!‘ Ich selbst habe erfahren, wie herzlich und gastfreundlich Hannover und seine Bewohner sind. Deswegen war ich vom Vorschlag unserer Musiker nicht überrascht, das Konzert denjenigen zu widmen, die Opfer von Flucht und Vertreibung sind. Das möchte ich hiermit tun. Wir teilen den Wunsch von Friedrich von Schiller und Ludwig van Beethoven: Alle Menschen werden Brüder.“

Und die Neunte selbst, Kronjuwel des klassischen Konzertrepertoires, regt nach der Pause noch zu viel mehr Fragen an. Eingängig klingt diese ungeheuer wilde, trotzige Musik hier jedenfalls nicht. Das Zuhören ist kein unbeschwertes Vergnügen. Es ist auch anstrengend. Und ein Abenteuer: Allein die entfesselten Pauken können das Herz zum Rasen bringen. Da kann man froh sein, dass sich am Ende alles in der „Ode an die Freude“ glücklich auflöst.

Im Funkhaus sind dafür der Mädchenchor, der Johannes-Brahms-Chor und die Männer des Knabenchors mit von der Partie. Dass sie von keinem zusätzlichen professionellen Ensemble unterstützt werden, kann kaum noch überraschen: Die hannoverschen Chöre scheinen inzwischen jeder Aufgabe gewachsen. Die bestens vorbereiteten Sänger überzeugen genauso wie das Solistenquartett, das hier hinter dem Orchester steht und so ein vergleichsweise bescheidener Teil der Expedition in die Tiefe dieses Wunderstücks wird.

Ganz überblicken kann man das aber auch als geübter Hörer nur schwer: Es würde sich lohnen, dieses Konzert öfter zu hören. Am Sonnabend ist noch einmal Gelegenheit dazu: Es gibt wegen Rückläufern noch einige Restkarten, die Abendkasse im Funkhaus ist ab 18 Uhr geöffnet. 

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