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Kultur "Toni Erdmann": Die deutsche Hoffnung in Cannes
Nachrichten Kultur "Toni Erdmann": Die deutsche Hoffnung in Cannes
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21:27 19.05.2016
Von Stefan Stosch
Falsche Zähne, echt witzig: Maren Ades grandiose Tragikomödie ist der erste deutsche Beitrag zum Filmfestival in Cannes seit acht Jahren. Quelle: Komplizen Film/NFP/dpa
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Auf der Internetseite von Maren Ades Produktionsfirma "Komplizen Film" ist ein anspruchsvolles Motto vermerkt: "Wir produzieren lokale Filme für ein internationales Publikum, die ein Wagnis eingehen und uns zum grenzenlosen Denken anregen." Unwahrscheinlich, dass Festivalchef Thierry Frémaux diesen Satz gelesen hat. Auf jeden Fall hat er Maren Ades Tragikomödie "Toni Erdmann" im exklusiven Wettbewerb platziert.

Wie das Leben nun mal ist

Damit ist eine achtjährige Durststrecke ohne deutsche Beteiligung zu Ende gegangen, die schwer am Selbstwertgefühl der Branche genagt hat. Wenn nicht alles täuscht, dann könnte das Selbstbewusstsein bei der Palmen-Vergabe am Sonntag in einer Woche (22. Mai 2016) noch wachsen: Denn Ades Film geht mit ihrem 162-minütigen Werk ein Wagnis ein und regt zum grenzenlosen Denken an – nun auch auf internationalem Parkett in Cannes.

Wie weit sich Filme national in Anspruch nehmen lassen, ist eine ganz andere Frage. In "Toni Erdmann" geht es um Universelles – zuerst um Familie und Karriere, auch um den Tod. Es geht also um ziemlich viel und das so komisch und schmerzvoll zwischen einem Vater und seiner Tochter, wie das Leben nun mal ist, wenn man so genau hinschaut wie die 39-jährige Regisseurin. Ade schrieb auch das Drehbuch in ihrem erst dritten Kinofilm nach "Der Wald vor lauter Bäumen" und "Alle Anderen".

Vater Winfried (Peter Simonischek) ist ein angegrauter Musiklehrer "mit grüner Gesinnung", wie Tochter Inès (Sandra Hüller) abschätzig sagt, ein Brachial-Spaßvogel, der sich bei jeder unpassenden Gelegenheit falsche Zähne in den Mund klemmt und mit ernster Miene die absurdesten Geschichten erfindet. Wie sonst könnte er beim Klingeln eines Paketboten von Paketbomben schwadronieren, die sein angeblicher Bruder gerne baue?

Peinlichkeiten gehören zum Leben dazu. Für Inès (Sandra Hüller), eine Eiskalte Managerin, ist das nur schwer zu ertragen. Quelle: Komplizen Film/NFP/dpa

Es muss eine Zeit gegeben haben, da Inès solche Scherze lustig fand, aber jetzt ist sie Unternehmensberaterin in Bukarest, eiskalt, knallhart, professionell. Sie ist diejenige, die den Bossen die Entscheidung abnimmt, wenn Leute auf die Straße gesetzt werden sollen. Da taucht überfallartig Winfried in Rumänien auf. Er will Inès' verlorenen Humor reaktivieren. Er will seine Tochter zurück.

Erst einmal verleugnet Inès ihren Vater auf offener Szene. Aber der lässt sich nicht abschütteln, setzt sich eine Perücke auf, haut die Hasenzähne rein, mietet eine Limousine und taucht als Toni Erdmann in ihrer Umgebung auf - mal als Prominenten-Tennistrainer und mal als Botschafter. Klingt absurd? Sieht gar nicht so aus. An dem irren Toni haben auch jene ihren Spaß, die ihn sofort als Fake durchschauen.

Toni Erdmann bringt seine Tochter in hochnotpeinliche Situationen, aber er rührt auch etwas in ihr an. Derweil lernt der Vater und mit ihm das Kinopublikum viel über die brutale Businesswelt, über Karrierespiele und Selbstverrat beim Meeting. "Bist du noch ein Mensch?", fragt der Vater irgendwann seine Tochter. Ihm tut diese Frage mehr weh als ihr. Aber als sie ihn fragt, was für ihn Glück im Leben ausmache, da weiß auch er erst mal keine Antwort.

Kein versöhnlich-kitschiges Ende

Nach rund zwei Kinostunden denkt man, jetzt könnte die Geschichte zu einem Ende kommen, aber da legt Ade noch eine Schippe drauf. Wir werden Zeuge eines grandios-grotesken "Nackt-Geburtstagsempfangs", wie er in Unternehmensberaterkreisen offenbar plausibel erscheint. Könnte ja fürs "Team-Building" wichtig sein. Spätestens jetzt hat Inès das eigenwilligen Humorgen ihrer Familie wiedergefunden – was nicht heißt, dass die Zuschauer sich auf ein versöhnlich-kitschiges Ende einstellen müssen.

Maren Ade wird zur "Berliner Schule" gerechnet, einer eher zufälligen Gruppe von Filmemachern, die mit angeblich sprödem, trockenem Kino in Verbindung gebracht werden. Die lebensssaftige Tragikomödie "Toni Erdmann" straft diese Charakterisierung Lügen.

Mit ihrem Debüt "Der Wald vor lauter Bäumen" gewann Ade in Sundance den Jury-Preis, "Alle Anderen" holte sich dieselbe Trophäe bei der Berlinale und dazu die Auszeichnung für Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr. Mal sehen, was Cannes für "Toni Erdmann" bereithält.

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