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Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister ist tot

Nach kurzem Krebsleiden Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister ist tot

An Heiligabend feierte Lemmy Kilmister seinen 70. Geburtstag. Zwei Tage später erfuhr der Frontmann der britischen Heavy-Metal-Band Motörhead von seiner Krebs-Diagnose. Kurz darauf starb er.

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Lemmy Kilmister rockt im Juni 2015 beim französischen Hardrock-Festival Hellfest in Nantes die Bühne.

Quelle: dpa

London. Lemmy Kilmister ist tot, und es ist unglaublich. Denn der Gründer, Sänger und Bassist der englischen Hardrockband Motörhead galt als genauso unverwüstlich wie Keith Richards. Die Mengen an Drogen und Schnaps, die er sich reingezogen haben soll, schienen ihm lange nichts anhaben zu können – und schon gar nicht die extreme Geschwindigkeit und Lautstärke seiner Musik, die symbolisch für sein radikales Leben standen. Selbst eine Diabeteserkrankung steckte er dem Anschein nach einfach so weg, reduzierte nur seinen Alkoholkonsum. Er war, wie er sagte, von einer Flasche Whisky pro Tag auf Wodka Orange umgestiegen. Und das meinte er nicht als Witz.

Nach einem exzessiven Rock'n'Roll-Leben ist Lemmy Kilmister im Alter von 70 Jahren an Krebs gestorben. Seit 1975 stand der Sänger und Bassist mit Motörhead für harten, ehrlichen und vor allem möglichst lauten Rock.

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Nun wurde der Engländer einfach aus dem Leben gerissen. Erst Heiligabend war er 70 Jahre geworden. Wie die verbliebenen Motörhead-Miglieder auf Facebook bekanntgaben, soll Kilmister nach einem kurzen Kampf gegen einen extrem aggressiven Krebs gestorben sein. Eigentlich hatte er gar keine Zeit, um dagegenzuhalten, denn er hatte erst zwei Tage zuvor von seiner Krankheit erfahren. Welche Art von Krebs, war bisher nicht zu erfahren. Seine Band empfiehlt den Fans: „Spielt seine Songs laut, erzählt euch die Geschichten, habt einen Drink oder mehrere. Das würde Lemmy gefallen.“ Die Fans sollen den Lemmy-Mythos, der schon jetzt gigantisch ist, weiter pflegen.

In den letzten Jahren hatte Kilmister gesundheitliche Probleme. Auftritte mussten abgesagt werden. Nach nur einer halben Stunde verließ die Band etwa beim Wacken-Open-Air 2013 die Bühne. Aber es gab – nach Jahren in der zweiten Reihe – auch wieder Erfolge, weil Kilmister zu einer Kultfigur geworden war. Wie Kollege Keith gab er eine perfekte Karikatur ab. Seit 2011 bot die Band eine eigene Getränkekollektion, bestehend aus Rotwein und Wodka, an. Im September 2014 stach Lemmy zur ersten Motörhead-Kreuzfahrt in See, was vor allem zeigt, wie alt seine Fans inzwischen sind – und wie lange er selbst durchgehalten hatte. Das 22. und letzte Studioalbum „Black Magic“, im September 2015 veröffentlicht, schaffte es in Deutschland an die Spitze der Charts. Ein Nummer-Eins-Album war der Gruppe zuvor nur ein einziges Mal gelungen, und zwar mit „No Sleep til Hammersmith“ – 1981 in England. Das ist lange her.

Kilmister, schwarze Klamotten, strähnige lange Haare, Warze auf der linken Wange, zelebrierte sein Außenseitertum. Das Quasimodohafte an ihm war ein geradezu angenehmer Kontrast in der sonst oft überzuckerten, glatten, glitzernden Popwelt. Die Kompromisslosigkeit, mit der er das Klischee von Sex, Drugs und Rock’n’Roll tatsächlich lebte, war es wohl, was ihn zum Vorbild für andere machte.

Lemmy Kilmister am 2. Dezember 2009 in der AWD-Hall (heute Swiss Life Hall) in Hannover.

Quelle: Martin Steiner (Archiv)

„49 Prozent Motherfucker, 51 Prozent Son of a Bitch“, hatte er auf seinen Verstärker geschrieben. Geboren in Mittelengland, in Stoke-on-Trend, stammte er aus einer zerrütteten Familie. Sein Vater, ein Militärpfarrer, hatte sich nicht um ihn gekümmert, er war von seiner Mutter allein aufgezogen worden. „Wir hatten wenig, zumal mein Vater sich rasch verpisste, nachdem ich auf der Welt war“, sagte er in einem Interview. „Der Typ war im Zweiten Weltkrieg Feldkaplan bei der Royal Army. Er hat den Soldaten fromme Sprüche vorgebetet und Werte gepredigt, die er dann selber nicht gelebt hat.“ Wahrscheinlich inspirierte ihn diese Kindheit zu seinen harten Texten.

Kilmister arbeitete im Ersatzteillager einer Waschmaschinenfabrik, war Roadie von Jimi Hendrix und bewunderte die Band Blue Öyster Cult, ehe er die radikale Schlichtheit von Punk, die Schwärze von Bluesrock und das hohe Tempo von Heavy Metal zu etwas Neuem, Speed Metal genannt, zusammennietete. Zunächst spielte er bei der Space-Rock-Band Hawkwind, musste die Gruppe aber verlassen, als er wegen exzessiven Drogenkonsums straffällig geworden war. Dann gründete er Motörhead. Als das Trio das erste Mal 1975 im Vorprogramm von Blue Öyster Cult in London auftraten, wurden sie von der britischen Musikpresse fast einstimmig als schlechteste Band der Welt“ verhöhnt. Motörhead wurde nie die beste Band der Welt, auch nicht die erfolgreichste, aber sie hielten mit ihrem ziemlich simplen Konzept 40 Jahre durch – also länger als die meisten anderen. Die Motörhead-Besetzungen wechselten, Kilmister aber war eine Konstante.

Was seine Fans wohl am meisten bewunderten: Kilmister schien nicht auf Sicherheit zu setzen – sondern auf Spaß. Abgesehen von Sex und Saufen hatte er auch Spaß am Provozieren. Er sammelte Nazi-Devotionalien, hängte sich zum Beispiel eine Serviette Adolf Hitlers eingerahmt an der Wand. Auf die Frage nach dem Wesen seiner Moral hat er in einem Interview einmal geantwortet: „Haltet euch von den Idioten fern.“ Politik und Religion richteten gleichermaßen Schaden an, sagte er mal. In seinen Songtexten warnte der verlassene Pfarrerssohn vor Krieg und rechnete mit den Verlogenen, Scheinheiligen und Gierigen ab. „Wenn jemand zu viel Macht hat, missbraucht er sie“, schimpfte er. Sobald du den Terroristen die Macht gibst, dich aufzuhalten, haben sie gewonnen“, erklärte er nach den Terroranschlägen von Paris im November in der ZDF-„Aspekte“-Sendung. Mich werden die nicht kleinkriegen.“

Wahrscheinlich hat ihn das kräftezehrende Rock’n’Roll-Leben kleingekriegt. Auch zum Älterwerden und Sterben hatte Kilmister passende Sprüche parat: „Wenn du denkst, dass du zu alt bist für Rock’n’Roll, dann bist du es“, sagte er. „Unser Geheimnis ist wohl, dass wir eigentlich immer noch Kinder sind.“ Er wollte gern „ein Jahr vor der Ewigkeit sterben, um nichts in Gedränge zu kommen“. Das hat Lemmy  geschafft.

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Tourmanagerin Ute Kromrey

Die Tourmanagerin Ute Kromrey begleitete Lemmy Kilmister in den vergangenen 18 Jahren auf seinen Tourneen in der ganzen Welt. Sie hat mit ihm unzählige Partys gefeiert, und sie hat ihn mehrfach ins Krankenhaus einliefern müssen. Vor zwei Wochen sah die 56-Jährige den Motörhead-Sänger in Berlin. Dienstag trauerte sie auf die Lemmy-Art: mit Whisky-Cola. 

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