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Der weise Narr der Republik

Zum Tode von Dieter Hildebrandt Der weise Narr der Republik

Er war der große alte Mann des deutschen Kabaretts – jetzt ist Dieter Hildebrandt mit 86 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Simon Benne.

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Dieter Hildebrandt bei einer Lesung in Hannover im Jahr 2006.

Quelle: Christian Behrens

Hannover. Am Ende entdeckte er noch einmal ein ganz neues Thema für sich: das Alter. Auf der Bühne machte er sich lustig über den körperlichen Verfall; mit 85 Jahren hatte er plötzlich Wortspiele im Programm wie „Ein Platz an der Sonde“. Oder sarkastische Reime: „Eins hat die Prostata gelernt, / wenn sie mich reizt, wird sie entfernt.“ Mit dem Krückstock stampfte er dann einen grotesken Rentner-Rap. So war es auch bei seinem letzten umjubelten Auftritt im hannoverschen Pavillon im Oktober 2012, als er bereits an Prostatakrebs erkrankt gewesen sein muss.

Das alles hätte schnell zynisch wirken können, wie typischer Fernsehhumor des 21. Jahrhunderts: Irgendwann sind die Comedians ja auf breiter Front dazu übergegangen, Pointen auf Kosten der Schwachen zu machen statt auf Kosten der Mächtigen. Doch wenn der alte Herr Hildebrandt düster darüber sinnierte, wie es ist, beim Gehen eine Kalkspur hinter sich her zu ziehen, spürte sein Publikum, dass da eine geradezu existenzielle Selbstironie im Spiel war. Es spürte, dass Humor eben weit mehr sein kann als bloßes Witzereißen. Nämlich eine Geisteshaltung. Eine Einstellung, die ein Leben tragen kann, weil sie den Blick auf die Wirklichkeit verändert.

Mit Hildebrandt, der in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 86 Jahren in München gestorben ist, tritt vielleicht der letzte große Kabarettist ab, der noch Schnurren in schlesischer Mundart erzählen konnte. Der gebürtige Bunzlauer gab gern zum Besten, dass er das Geschichtenerzählen am Lagerfeuer der Hitlerjugend gelernt habe. „Und nachdem ich den Krieg verloren hatte, ging ich dann erst mal nach Neustadt am Rübenberge und entnazifizierte mich“, sagte er. Ein typischer Hildebrandt-Satz: Alles ist Ironie. Ironie ist alles.

Er war über Jahrzehnte der wichtigste Kabarettist Deutschlands – nun ist Dieter Hildebrandt im Alter von 86 Jahren gestorben.

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In Niedersachsen hielt er sich eine Zeit lang als Kellner bei der britischen Armee über Wasser: „Noch heute kann ich Kaffee tragen, ohne ihn zu verschwappen – man darf einfach nicht hingucken“, sagte er einmal. „Das ist wie beim Kabarett: Wenn man sich selbst zu genau beobachtet, geht’s schief, dann wird man eitel.“ Eitelkeit lag ihm nicht; zumindest wollte er die Aufmerksamkeit nicht für sich selbst, sondern für seine Programme – und die bekam er. Im Laufe der Jahrzehnte wurde er zum Hofnarren der alten Bonner Republik. Zum Aufklärer im besten Sinne. Zur moralischen Instanz – und zum heimlichen Doyen des Kabaretts, überhäuft mit Auszeichnungen vom Grimme-Preis bis zur „Krefelder Krähe“.

Seine Parodie des elastisch wippenden, am Rednerpult fast bellenden Franz Josef Strauß hat einen ewigen Ehrenplatz im Schatzkästlein des deutschen Humors verdient. Ebenso jene entlarvende Nummer, in der er Helmut Kohl den großen Matthias Claudius rezitieren ließ: „Der Mond, (meine Damen und Herren, und das möchte ich hier in aller Offenheit sagen,) ist aufgegangen! (Und niemand von Ihnen, meine Damen und Herren, wird mich daran hindern, hier in aller Entschlossenheit festzustellen:) Die goldnen Sternlein prangen (und wenn Sie mich fragen, meine Freunde, wo, dann sage ich es Ihnen:) am Himmel!“

Als Platzanweiser zum Kabarett

Fast schulbuchmäßig führte Hildebrandt in solchen Nummern vor, dass Humor höchst politisch sein kann, weil er jene präzise Beobachtung braucht, die als genaues Hinschauen eine demokratische Tugend ist. Dass Witzigkeit und Politik getrennten Sphären angehören könnten – auf so eine Idee wäre er nie gekommen.

Zum Kabarett, so will es die Legende, kam Hildebrandt als Platzanweiser. Mit Sammy Drechsel gründete er 1956, zu Adenauers Zeiten, die Münchener Lach- und Schießgesellschaft. In den siebziger Jahren dann moderierte er beim ZDF „Notizen aus der Provinz“ und von 1980 bis 2003 bei der ARD den „Scheibenwischer“. In die TV-Geschichte ging er mit der Sendung vom 11. Mai 1986 ein: Der Bayerische Rundfunk blendete sich beim „Scheibenwischer“ zum Thema Tschernobyl aus dem gemeinsamen ARD-Programm aus – was einem kabarettistischen Ritterschlag für Hildebrandt gleichkam.

Gewissermaßen nebenbei spielte er in der Heinrich-Böll-Verfilmung „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ mit und bei „Kir Royal“, er war in Gerhard Polts bitterböser Urlaubersatire „Man spricht Deutsch“ dabei und stand 1985 bei einem DDR-Gastspiel in Leipzig mit den Kollegen der „Leipziger Pfeffermühle“ auf der Bühne – ein Auftritt, der für ihn ein „herausragendes Berufserlebnis“ war, wie er sagte. Ruhelos und bis ins Alter höchst quirlig tingelte er von Drehort zu Drehort, von Bühne zu Bühne: „Auftritte strengen nicht an, Auftritte sparen den Psychiater“, sagte er selbst. Noch im vergangenen März ging er mit dem Projekt „Störsender.tv“ online.

Manche Kabarettisten seiner Generation verbitterten im Laufe der Jahre, weil nicht alle linken Blütenträume reiften. Oder weil das Fernsehen nicht als moralische Anstalt funktionierte. Oder weil die Menschen leider doch nicht so waren, wie sie sich diese gewünscht hatten. Hildebrandt war da anders: Fragte man ihn, ob das Kabarett unpolitischer geworden sei, entgegnete er, dass die Politik unpolitischer geworden sei – und zog gerade daraus die nächsten Pointen. Satire blieb für ihn immer die Fortsetzung des gesellschaftlichen Engagements mit humoristischen Mitteln: „Ich nehme an der Politik teil“, sagte er: „Und weil ich in Bayern wohne, habe ich dabei ein Leben lang alle Wahlen verloren.“

Meister des unvollendeten Satzes

Als durch und durch politischer Mensch hörte er trotz aller Niederlagen nie auf, die Realität immer wieder neu gegen den Strich zu bürsten – auch nicht, als er schon längst sein eigenes Denkmal war. Er sprühte vor Spontaneität, wenn er mit dem Publikum Dialoge improvisierte. Angriffslustig und geistreich spottete er in seinem letzten Programm über die Finanzkrise: „Es gibt Länder, die der EU schon als Loch beigetreten sind.“ Oder er brachte Kalauer über Putin, das „Kremlmonster“. Und immer pflegte er seinen Ruf als Meister des unvollendeten Satzes: Nie war bei seinen Auftritten ganz klar, ob er nun stotterte, weil er improvisierte, oder weil sich einfach immer wieder neue Gedanken vor die Sprache schoben und das Meer der politischen Unfassbarkeiten nun einmal so groß war, dass es sich gar nicht in Worte fassen ließ.

„Ich kann doch auch nichts dafür“, hatte er sein letztes Programm genannt. Für ihn, der noch den Krieg erlebt hatte, war das die Universal-Ausrede schlechthin: „Jeder kann natürlich was dafür“, sagte er. Jeder ist verantwortlich für das, was im Land passiert – das war das hoch moralische Credo des großen Spaßmachers. Bis weit ins kommende Jahr hatte er Auftritte geplant, als Hildebrandt, der mit seiner zweiten Frau im München-Waldperlach lebte, im Sommer ins Krankenhaus musste. Er versprach, die abgesagten Gastspiele nachzuholen. Daraus wird nun nichts mehr. „Ich kann doch auch nichts dafür“ – dieses eine Mal muss man das wohl gelten lassen.

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