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Nie langweilig - und immer gut für einen Gag

Nachruf auf Hellmuth Karasek Nie langweilig - und immer gut für einen Gag

Der am Mittwoch vestorbene Hellmuth Karasek war erst beim „Spiegel“, dann im „Literarischen Quartett“ und vielen anderen Medien – und als selbstbewusster Kulturkritiker immer ganz bei sich.

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Eine Grenze zwischen U- und E-Kultur, zwischen Unterhaltung und Ernsthaftem, kannte Karasek nicht. 

Quelle: Angelika Warmuth

Selbstverständlich werde er den Nachruf auf Rudolf Augstein schreiben, sagte Hellmuth Karasek, als die „Tagesspiegel“-Redaktion ihren Herausgeber darum bat. Das muss im Jahr 2000, vielleicht auch 2001 gewesen sein. Wie in jeder Redaktion ist es auch beim „Tagesspiegel“ üblich, Nachrufe auf prominente Persönlichkeiten zu Lebzeiten vorzubereiten. Doch Karasek weigerte sich, vorab zu schreiben. Das könne er nicht, nicht, solange Rudolf lebt, sagte er, versprach aber, wann immer es soweit sei, zur Stelle zu sein. Am 7. November 2002 war es soweit. Karasek saß im Zug, als er von Augsteins Tod erfuhr. Pünktlich lieferte er den Text ab, wie immer passend auf Zeile, von Hand und mit Füller geschrieben. Dass er den Nachruf auf „unseren intelligentesten und daher gebrochensten Täter und Herrscher des deutschen Nachkriegsjournalismus“ mit lila Tinte geschrieben hatte, war den per Fax übermittelten Seiten nicht anzusehen. Wohl aber, dass die Tinte hier und da verwischt war. Hellmuth Karasek muss geweint haben, während er im Zug den Nachruf auf den Mann schrieb, bei dessen Magazin, dem „Spiegel“, er mehr als zwanzig Jahre Chef des Kulturressorts war.

„Das Magazin“ lautete der Titel seines 1998 erschienenen Buches. Darin schrieb Karasek auf, wie Daniel Doppler, sein alter ego, die ebenso machtbewusste wie männerbündische, von Intrigen und Selbstironie geprägte Redaktion erlebte. Im Buch säftelt es auf jeder Seite. Karasek war ein Genussmensch. Er liebte es plastisch, nichts Menschliches war ihm fremd, und peinlich war ihm sowieso nichts. Wie oft dauerten die täglichen Konferenzen mit ihm länger als es der Redaktion lieb war. Es gab kaum ein Thema, zu dem ihm nicht noch mindestens eine Anekdote einfiel.

Gerne sorgte er gleich selbst für Nachschub, und hatte damit Stoff für neue Erzählungen. Klingelte mitten in der Konferenz ein Handy, war es natürlich seines, das er immer auszuschalten vergaß, worüber er sich selbst am meisten amüsierte. Vor lauter Glucksen geriet er dabei ins Schwitzen. Und dann fiel ihm auch schon die nächste Schmonzette ein. Zum Beispiel jene, wie ihn seine Frau Armgard zu Hause in Hamburg losschickte, Erdbeeren zu kaufen. Als er zurückkam, war er 20 Euro los. Auf die Idee, sich ein Taxi zu rufen, um zum nahegelegenen Isemarkt zu fahren, konnte nur Karasek kommen. Lebenspraktisch war Karasek nicht. Er war ja auch ein Mann des Feuilletons, ein Mann der Literatur. Aber keiner, der sich vergeistigt zurückzieht und darüber die Menschen um sich herum vergisst. Er sorgte sich, verteidigte einen, wenn es notwendig war, bot seine Hilfe an oder nahm sich Zeit, ein paar persönliche Zeilen zu schreiben. Natürlich mit der Hand, natürlich mit dem Füller. Da war er schon lange kein „Tagesspiegel“-Herausgeber mehr, sondern Kolumnist und Autor bei Springer, jenem Konzern, den er einst aus politischen Gründen bekämpft hatte. Aber Karasek war auch pragmatisch.

Im mährischen Brünn kam er 1934 zur Welt. Er war ein Kind seiner Zeit, war Hitlerjunge und Schüler der Nazi-Akademie Napola. Erst floh er vor der Roten Armee in die DDR, von da in die BRD, studierte Germanistik, Geschichte und Anglistik. Er schrieb Theaterstücke, arbeitete für die „Stuttgarter Zeitung“, ging 1968 zur „Zeit“, 1974 zum „Spiegel“. Eine Grenze zwischen U- und E-Kultur, zwischen Unterhaltung und Ernsthaftem, kannte er nicht. Er bewunderte Alfred Polgar, er liebte Billy Wilder, dessen Biografie er schrieb. Berühmt wurde Karasek an der Seite Marcel Reich-Ranickis beim „Literarischen Quartett“. Beim Schriftstellertreffen der Gruppe 47 lernten sie sich kennen. Was die beiden einte? Zu Karaseks 70. Geburtstag schrieb Reich, für sie beide habe die Kunst immer nur einem Zweck gedient, „nämlich, schlicht und ganz einfach ausgedrückt, den Menschen Unterhaltung und Vergnügen zu bieten, ihnen Spaß und Freude zu bereiten, ihnen vielleicht sogar, ein großes Wort, zu etwas Glück zu verhelfen“.

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek ist im Alter von 81 Jahren gestorben.

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Witze, sagte Karasek einmal, seien ihm immer Türöffner in die Herzen der Frauen gewesen. Schelmisch lachend kokettierte er mit seinem Arglosigkeit ausstrahlenden Knuddel-Charme. Er scheute sich nicht vor flachen Gags, so wenig wie davor, an Quizsendungen teilzunehmen, wo er als belesener, manchmal auch etwas trotteliger, aber dadurch umso liebenswerterer Rateonkel die Massen unterhielt. Sein letzter, öffentlicher Auftritt war die als Werbefigur. Vier Wochen ist der Spot alt. In einem Sessel fläzend rezensiert Karasek „das meistverbreitete Buch der Welt“, ein „möblierter Roman, in dem Menschen selten zu Wort kommen“: der Ikea-Katalog. In der Nacht zu Mittwoch ist Hellmuth Karasek in Hamburg gestorben. Er wurde 81.

Zu gerne hätte man erfahren, was er von der Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ hält. An diesem Freitag wird die Sendung mit Volker Weidermann vom „Spiegel“ im ZDF Premiere haben. Natürlich wird die Sendung nicht an sein legendäres Vorbild heranreichen, in dem Reich das Krokodil und Karasek das Kasperle gab - ganz egal, wer sonst noch an ihrer Seite sitzend nichts zu sagen hatte. 14 Jahre sind seit der letzten Sendung vergangen, doch hatte das „Literarische Quartett“ eine Wirkkraft, dass das ZDF hofft, noch einmal daran anknüpfen zu können.

Unvergessen der letzte Satz jeder Sendung, mit dem auch an dieser Stelle Reich-Ranicki das letzte Wort gegönnt sei. Angelehnt an Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ lautet er: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

von Ulrike Simon

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Zum Tod von Hellmuth Karasek

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