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Der geniale Pragmatiker

Nachruf auf Sir Neville Marriner Der geniale Pragmatiker

Klassikstar und Cricketfan: Der britische Dirigent Sir Neville Marriner ist tot. Ein Nachruf von Stefan Arndt.

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War 2014 noch einmal in Hannover: Der Dirigent Sir Neville Marriner

Quelle: dpa

Hannover. Alt ist dieser Mann scheinbar nie gewesen. Als der Dirigent Neville Marriner 2014 im hannoverschen Kuppelsaal aufgetreten ist, musste man einmal mehr beeindruckt sein, wie agil und quicklebendig der Musiker und sein Musizieren wirken. Dabei lag seine eigentliche Abschiedstournee damals schon Jahre zurück - doch zu seinem 90. Geburtstag wollte Sir Neville es sich eben nicht nehmen lassen, noch einmal in der Stadt aufzutreten, die so viel für seine Karriere bedeutet hat. Fast ein halbes Jahrhundert lang hat die hannoversche Konzertagentur Schmid die Auftritte des Musikers in aller Welt organisiert. Am vergangenen Donnerstag hat er in Padua sein letztes Konzert gegeben: Wie die Academy of St. Martin in the Fields jetzt in London mitteilte, ist der Dirigent am Sonntagmorgen gestorben.  92 Jahre lang war er jung.

Dass Marriner sehr lange ein sehr erfolgreicher Musiker war, konnte man schon an seiner ersten wichtigen Auszeichnung sehen: Eine Fotografie, die in seinem Wohnzimmer auf dem Kamin stand, zeigt, wie er als bester Absolvent seines Jahrgangs eine Ehrung des Londoner Royal College of Music erhält – überreicht von Prinzessin Elizabeth. Später sollte er noch viele weitere Auszeichnungen aus ihren Händen erhalten – da war sie dann aber doch schon Königin von England.

Ab und an sei er noch bei der Queen zum Essen geladen, erzählte der 1985 geadelte Dirigent vor zwei Jahren nach seinen Erfahrungen mit der Monarchin befragt. Unterhaltsam sei es dort aber nur selten gewesen. „Sie interessiert sich tatsächlich nur für Pferde“, sagte der Musiker, der selbst „höchstens einmal im Jahr“ ein Pferderennen besucht – für einen Briten ein verschwindend geringer Wert.

Tatsächlich war der Dirigent so etwas wie der Vorzeige-Brite der Musikwelt: ein Gentleman mit vollendeten Manieren, der unprätentiös und witzig war und selbstverständlich auch Vorsitzender des örtlichen Cricketklubs. Die typische englische Art prägte auch seinen Musizierstil. Eng verbunden damit war sein Orchester, die Academy of St Martin in the Fields, die Marriner 1958 begründete. Ziel war es zunächst, ein leistungsstarkes Ensemble aus den besten Musikern Londons zu formen, um sich für eine neue Sicht auf die Barockmusik starkzumachen.

Wichtige Anregungen dazu erhielt Marriner während des Zweiten Weltkrieges, als er 1944 schwer verwundet im Lazarett zufällig neben dem Musikwissenschaftler Robert Thurston Dart lag. Dart wurde die wichtigste Figur der britischen Alte-Musik-Szene und hatte erheblichen Einfluss auf Marriner. Mit der Academy, die er zunächst vom Pult des ersten Geigers aus leitete, übernahm er einige Tugenden der historischen Aufführungspraxis. Auf die Spitze trieb er das allerdings nie. Er wollt immer den bestmöglichen Klang haben, sagte er, „nicht den, der vermeintlich authentisch ist.“ Also keine historischen Instrumente, keine Darmsaiten, keine tiefe Stimmung: die verbraucherfreundliche Variante der historischen Aufführungspraxis.

Damit trafen er und die Academy einen Nerv der Zeit. Vor allem überzeugten sie die Plattenfirmen, die mit dem Aufkommen der LP eilig ihre Kataloge neu füllen mussten. Dirigent und Orchester waren stets mit Tempo und Qualität zur Stelle – egal, was auf dem Programm stand: Marriner war früh ein genialer Pragmatiker. Gemeinsam mit der Academy hat er so mehr als 500 Aufnahmen eingespielt. Keine andere musikalische Partnerschaft wurde jemals besser auf Tonträgern dokumentiert. Und mit jeder neuen Platte wuchs der Ruhm: Ab Ende der Sechzigerjahre war Marriner einer der Superstars der Klassik.

Begonnen hat diese große Karriere im Kleinen – in der Wohnung in South Kensington, in der Marriner bis zu seinem Tod lebte, wenn er nicht gerade auf seinem Landsitz in Devon weilte. In das nicht sehr große Wohnzimmer mit der hohen Decke, der gestreiften Tapete, den dezent geblümten Polstermöbeln und Ölgemälden über den Bücherregalen haben sich für die ersten Academy-Proben bis zu 20 Musiker gequetscht. Tagelang wurde gespielt und über Musik diskutiert. Und auch wenn die viele Musik damals seine Katze verrückt gemacht habe – die Nachbarn hätten es gelassen genommen. „Das war hier schon immer eine musikalische Gegend“, sagte Marriner. Vielleicht blieb London deshalb seine wichtigste berufliche Basis selbst dann, als er nach ersten Leitungspositionen in Los Angeles und Minnesota von 1983 bis 1989 Chefdirigent beim Radio-Sinfonie-Orchester in Stuttgart war. Während dieser Zeit nahm er auch sein erfolgreichstes Album auf: die Filmmusik zu Milos Formans „Amadeus“ – natürlich mit den Musikern aus London.

Zuletzt fand es Marriner allerdings manchmal zu laut und hektisch in der britischen Hauptstadt. „Die Musikszene ist ein echtes Haifischbecken“, sagte er. Er hat sich darin länger behauptet als jeder andere Musiker. Zwar wolle er eines Tages mit seiner Frau aufs Land ziehen, hat noch der 90-Jährige auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen geantwortet. Ans Aufhören hat er aber wohl nie ernsthaft gedacht: Sein letztes Konzert hat er in Italien dirigiert. Drei Tage vor seinem Tod.

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