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„Nadar und Simin“ gibt tiefe Einblicke in den iranischen Alltag

Kinofilm „Nadar und Simin“ gibt tiefe Einblicke in den iranischen Alltag

Wahrheit hinter Scheiben: Das Drama „Nader und Simin – eine Trennung“ von Regisseur Asghar Farhadi gibt tiefe Einblicke in den iranischen Alltag. Großes iranisches Kino über Beziehungen und andere Probleme.

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Simin (Leila Hatami) will weg aus dem Iran.

Quelle: Alamonde

Von iranischen Gegenwartsfilmen erwartet man geradezu reflexhaft kritische Töne und Untertöne, Zeichen des Protests und Widerstands. In dem Drama „Nader und Simin – eine Trennung“ aber wird explizite Kritik ausgespart, mit einer Ausnahme. Gleich zu Beginn sagt die Hauptfigur Simin einem Scheidungsrichter, sie wolle ausreisen aus dem Iran, damit ihre Tochter „nicht unter diesen Bedingungen“ aufwachsen müsse. Danach taucht man in einen überreichen Film ein. Im Februar wurde er mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet.

Die Regie sprach dem von Regisseur Asghar Farhadi gedrehten Beitrag ­außerdem die beiden Hauptdarsteller-Bären zu, gewidmet dem kompletten männlichen und weiblichen Ensemble. Die Ballung der Preise demonstriert, dass es um weit mehr als eine Solidaritätsbekundung für den Regisseur ging. Asghar Farhadis Film war einfach der beeindruckendste im gesamten Wettbewerb.

Am 14. Juli startet der Berlinale-Siegerfilm, das Drama „Nader und Simin“, in den deutschen Kinos.

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Dieses Kammerspiel, das hauptsächlich in Wohnungen, Amtsstuben und Autos angesiedelt ist, eröffnet Blicke auf den iranischen Alltag, so wie es auch schon Farhadis voriger Film „Elly“ getan hat – der von einer Wochenendgesellschaft am Strand und von einer Tragödie erzählte. Nun sind zwei Ehepaare aus verschiedenen Schichten die Hauptfiguren, ein mittelständisches, säkularisiertes, nämlich Nader und Simin, und ein religiöses, armes. Tradition und Moderne prallen aufeinander. Auf subtile Weise spürt Farhadi den gesellschaftlichen Zwängen nach, die oft auch mit ökonomischen verbunden sind.

Lehrerin will sich von ihrem Mann trennen

Die Lehrerin Simin (Leila Hatami) will sich von Nader (Peyman Moaadi), einem Bankangestellten, trennen, weil der nach langen, zähen Ausreisevorbereitungen plötzlich beschlossen hat, doch in Teheran zu bleiben. Er hat dafür einen guten Grund: Er muss seinen dementen Vater pflegen. Nader bleibt zusammen mit seinem alten Vater und der Tochter Termeh (gespielt von Sarina Farhadi, Tochter des Regisseurs) in der Wohnung, Simin zieht erst einmal zu ihrer Mutter.

Nader muss eine Hilfskraft engagieren. Razieh (Sareh Bayat) erscheint ohne Wissen ihres cholerischen Mannes Hodjat (Shahab Hosseini) – obwohl sie diesen um Erlaubnis hätte fragen müssen, wenn sie arbeiten will. Eines Mittags lässt ­Razieh den alten Mann allein, bindet ihn ans Bett. So findet Nader seinen Vater. Wütend schubst er die zurückgekehrte Razieh durch die Wohnungstür. Sie stolpert und stürzt. Und plötzlich steht Nader als Angeklagter vor einem Richter. Er muss sich dafür verantworten, dass Razieh ihr Kind verloren hat – sie war schwanger.

Man muss das so ausführlich erzählen. Die Handlung ist verzwickt. Es ist im Verlauf des Films nahezu unmöglich zu sagen, wer hier im Recht und wer im Unrecht ist. In immer neuen Anläufen umkreist der Regisseur seine beiden so ungleichen Paare und vergrößert ständig den Erkenntnisgewinn des Zuschauers. Ist womöglich noch etwas ganz anderes passiert, von dem er nichts weiß?

Immer wieder tauchen Figuren hinter Glasscheiben auf

Der Film entwickelt geradezu Thrillerqualitäten. Für die schwer durchschaubare Wahrheit hat der Regisseur Bilder mit hoher Symbolkraft gefunden: Immer wieder erspähen wir Figuren hinter Glasscheiben. Die Handelnden werden in eine spiegelnde Unschärfe getaucht – und ihre Geschichten bleiben genauso wenig erkennbar. Aber Nader wird nicht darum herumkommen, sich der Wahrheit zu stellen, schon wegen seiner Tochter: Für Termeh stellt sich die Frage, wem sie vertrauen kann. Hat der Vater, ihr großes Vorbild, die Wahrheit gesagt?

Immer mehr erfährt der Zuschauer von den Nöten der Menschen: Razieh beispielsweise hadert mit der Frage, ob sie als gläubige Muslimin einen alten Mann, der sich nicht mehr selbst waschen kann, nackt sehen darf. Sie ruft bei einer religiösen Hotline an, um die Genehmigung zu erlangen. Und welche Strafe droht Nader, sollte ihm nachgewiesen werden, dass er von Raziehs Schwangerschaft wusste und sie trotzdem schubste? Muss er ins Gefängnis, oder kann er sich mit Blutgeld freikaufen?

Wir begegnen freundlichen Polizisten und Richtern, die tatsächlich an der Wahrheit interessiert zu sein scheinen. Bei der Berlinale sorgte das dafür, dass manche Kritiker dem Regisseur Hörigkeit gegenüber dem Regime vorwarfen. Das Festival stand im Februar ganz im Zeichen von Farhadis Regiekollegen Jafar Panahi, der kurz zuvor zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden war – für einen Film, den er noch gar nicht gedreht hatte.

Der Regisseur kennt die Schwierigkeiten im Iran

Aber diese Kritik greift zu kurz. Es sei denn, man erwartet von jedem Regisseur, dass er bereit ist, für seinen Film ins Gefängnis zu gehen – so wie Panahi, der momentan unter Hausarrest steht und einen Film gedreht hat, den er „Dies ist kein Film“ genannt hat. Auf einem USB-Stick, versteckt in einem Kuchen, schmuggelte er ihn im Mai zum Filmfestival in Cannes.

Farhadi weiß selbst am besten um die Schwierigkeiten im Iran. Bei der Berlinale wurde er gefragt, warum er sich nicht deutlicher für Meinungsfreiheit ausspreche. Er antwortete: „Es gibt zwei Möglichkeiten. Ich kann das sagen, was Sie wollen – mit dem Ergebnis, dass ich keinen Film mehr machen kann. Oder es gibt die Möglichkeit, dass ich so viel rede, wie ich kann, und dafür weitere Filme machen kann.“

Trotzdem hat Farhadi inzwischen entschieden, den Iran zu verlassen, jedenfalls vorübergehend: Seit Kurzem lebt er mit seiner Familie in Berlin. Er ist ­Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und will seinen nächsten Film in Deutschland drehen. Der offen regimekritische Satz über „diese Bedingungen im Iran“, der Simin anfangs vor dem Richter entschlüpft, ist Farhadis Worten zufolge zufällig durch die Zensur gerutscht. Die Zensoren hätten damals unter enormem Zeitdruck gestanden: Sein Film sollte rechtzeitig vor der Berlinale fertig werden. Inzwischen war „Nader und Simin“ auch im Iran zu sehen. Der Film sei, so der Regisseur, auf enormen Publikumszuspruch gestoßen. Kein Wunder, erkennen sich gewiss doch viele Zuschauer auf der Leinwand wieder.

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