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Kultur Navid  Kermani präsentiert sein neues Buch
Nachrichten Kultur Navid  Kermani präsentiert sein neues Buch
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00:15 28.02.2018
Navid Kermani Quelle: Baummann
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Hannover

 Welche Turbulenzen nationale Zuweisungen auslösen können, das hat Navid Kermani in Georgien erlebt, als ihn im Hotellift ein Israeli nach seiner Herkunft fragt und der 1967 in Deutschland geborene Sohn iranischer Eltern nicht „Deutschland“, sondern „Iran“ sagt. „Iran?“, habe der Mann mehrfach angstvoll zurückgefragt und sei fahrig aus dem Fahrstuhl gestolpert. 

Der Reiz der Grenze

Die Begegnung hat der vielfach preisgekrönte Publizist jetzt im Schauspielhaus erzählt – und dort mit der Erwägung, ob die andere Antwort den Israeli wohl weniger irritiert hätte, kopfschüttelndes Gelächter ausgelöst. Die Anekdote findet sich auch in Kermanis neuem Buch, das er im Gespräch mit NDR-Kulturredakteur Ulrich Kühn vor ausverkauftem Haus präsentiert hat.

„Entlang den Gräben“ (Beck-Verlag, 444 Seiten, 24,95 Euro) heißt der Reportageband. Kermani hat dafür historische Kluften und kriegerische Schützengräben aufgesucht und viele Grenzen überschritten. „Wir sind es gewohnt, Grenzen für etwas Störendes zu halten“, sagt er. „Aber eine Grenze bedeutet ja auch, dass es auf der anderen Seite nicht so ist wie hier. Und das ist doch etwas ganz Schönes.“

Gegen den Trend

Reportagen, zu denen er im Auftrag der Zeitschrift „Spiegel“ aufbricht – das kennt man von Kermani schon. 2015 ist er auf der Flüchtlingsroute über die Türkei, Lesbos und den Balkan nach Westen gezogen; „Einbruch der Wirklichkeit“ heißt sein Buch darüber. Diesmal führen die Fahrten nach Südosten – bis in den Iran. Der unter Intellektuellen vorherrschenden Westorientierung setzt er so eine osteuropäische und orientalische Spurensuche entgegen. Es ist eine Reise gegen den Trend, gegen die Zeit, gegen das Vergessen. 

Im Schauspiel liest er Passagen über das einst jüdisch geprägte Kaunas in Litauen („Wenn es dort Stolpersteine für jeden ermordeten Juden gäbe, wäre die halbe Stadt golden“). Über die Gedenkstätte für die von SS-Schergen ermordeten Einwohner des weißrussischen Dorfes Chatyn, über das armenisch besetzte Berg-Karabach und den Konflikt mit Aserbaidschan und über Isfahan, die Heimatstadt seiner Eltern. Dazwischen gibt es musikalische Intermezzi der aus der Ukraine stammenden Sängerin Mariana Sadovska, die zu den Klängen des indischen Harmoniums mit klarer, leicht tremolierender und bisweilen schön schräg ins Atonale kippender Kopfstimme singt. 

Stark im Detail

Was Kermani zu berichten hat, ist stark im Detail, doch leider fragwürdig in mancher Verallgemeinerung. Es gebe bessere Formen des Gedenkens in der Sowjetunion, sagt er, als das Berliner Holocaust-Mahnmal. Nun, wer das meist monströs nationalistische Gedenken an die Opfer des „Vaterländischen Krieges“ kennt, weiß: Es gibt auch schlechtere. Und wie ist das mit der Schönheit von Grenzen? Viele Osteuropäer, sagt Kermani, sähen in der EU eine ähnliche Form der Fremdbestimmung ihrer nationalen Identitäten wie einst durch die Sowjetische Zentralmacht. Liegt die Alternative in Zeiten global agierender Supermächte und weltweiter Daten- und Finanzströme wirklich in nationalistischer Kleinstaaterei? Da hätte der Weltbürger Kermani eigentlich zu widersprechen. 

Viel Material, wenig Zeit

In seinem Buch schnurrt die Abfolge mehrerer Recherchereisen letztlich zu nur 54 Tagen zusammen. Nicht sehr viel Zeit, um Osteuropa und den Orient wirklich zu erfahren. Auch wenn ihm der „Spiegel“ spannende Gesprächspartner organisiert hat – zu hören bekommt man von Kermani neben Überraschendem recht viel Erwartbares.

Kein Wunder, dass im Laufe des gut zweistündigen Abends einzelne im Publikum wegnicken - das am Ende dennoch wohlwollenden Applaus spendet. 

Navid Kermani: Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan. C. H. Beck, 444 Seiten, 24,95 Euro.

Von Daniel Alexander Schacht

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