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Alle unter einem Dach

Thomas Vinterbergs „Kommune“ Alle unter einem Dach

Eine Kleinfamilie zieht in ein riesiges Haus mit wechselnden, aber immer skurrilen Mitbewohnern. Am Anfang geht es in Thomas Vinterbergs neuem Film „Kommune“ noch lustig zu. Als jedoch die Geliebte des Familienvaters einzieht, ist es mit dem glücklichen Zusammenleben ziemlich schnell vorbei.

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Wer dafür ist, hebe die Hand: Anna (Trine Dyrholm, am Tisch Mitte) und Erik (Ulrich Thomsen, am Tisch rechts) stimmen auf jeden Fall für den Neuzugang. Und Bier ist auch noch da.

Quelle: Prefilm

Diese Konstellation hat es in sich: eine Kleinfamilie plus Geliebte plus ein Häuflein reichlich skurrile Mitbewohner. Alle hausen sie unter einem Dach in Thomas Vinterbergs „Kommune“. Dass dieses Experiment mit Tränen und Schmerzen verbunden ist, dürfte kaum überraschen.

So richtig lustig ist es nur zu Beginn, wenn Architekt Erik (Ulrich Thomsen) ein riesiges Haus erbt und Frau Anna (Trine Dyrholm) ohne Absprache mit ihm oder Teenagertochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen) mal eben Bekannte zum Mitwohnen einlädt. Die erfolgreiche Fernsehmoderatorin wird von der Sehnsucht nach alternativen Lebensentwürfen getrieben.

Bei den bald schon unvermeidlichen Auswahlgesprächen kommt es zu inquisitorischen Fragen, ganz demokratisch wird per Handzeichen über Neuzugänge abgestimmt. Ärger mit der Bierliste und den Mietzahlungen sind auch so gut wie programmiert. Zunächst aber obsiegt die Lust aufs Miteinander, auf gemeinschaftliches Kochen und Nacktbaden im Öresund.

Mit sexuellen Ausschweifungen hat diese Kommune aber nichts im Sinn, auch wenn Vinterberg seine Geschichte in den Siebzigern angesiedelt hat. Das großzügige Lebens- und Wohnkonzept kommt an seine Grenzen, als Erik sich in eine Studentin verliebt. Es ist was Ernstes – und die Neue ist auch nur halb so alt wie seine Frau. Soll Emma doch mit einziehen, sagt die tapfere Anna noch, die ihren Mann auf keinen Fall verlieren will. Aber da hat die Zeit des Leidens für sie schon begonnen.

Bald sucht Anna im Alkohol Trost, dann bricht sie vor laufender Kamera zusammen. Ein bitterer Ton hält Einzug in den Film. Das Komödiantische, wie wir es aus vergleichbaren Filmen wie „Wir sind die Neuen“ oder „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ kennen, geht verloren.

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Ein wenig verwundert diese Entwicklung schon, hat der 1969 geborene Regisseur Vinterberg doch seine nach eigenen Worten vorwiegend glücklichen Kindheitserinnerungen verfilmt. Das hier ist keine Fortsetzung seines Dogma-Familienzerfleischungsdramas „Das Fest“ (1998). Vinterbergs Alter Ego ist offenkundig Freja, die das Treiben der Eltern distanziert beobachtet und sich ziemlich unbemerkt von ihren Eltern ans Erwachsenwerden macht.

Immer weniger kommt Vinterbergs Drehbuch mit den erschwerten WG-Bedingungen zurecht: Je heftiger die Kleinfamilie in die Krise schlittert, desto mehr geraten die übrigen Mitbewohner aus dem Fokus. Nur noch als Randfiguren kommen sie vor, die immerhin reichlich spleenige Eigenheiten an den Tag legen – ein Mitbewohner verbrennt alle Gegenstände im Kamin, die im Wohnzimmer liegen geblieben ist. So fragt man sich schon: Wozu der ganze Kommunenzauber, wenn Anna genauso in einer Drei-Zimmer-Wohnung vor die Hunde gehen könnte?

Sie wird zur zentralen Figur in diesem Drama, Trine Dyrholm hat für ihre Vorstellung den Silbernen Bären der Berlinale gewonnen. Zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Mann und der Erkenntnis, sich selbst schützen zu müssen, ist ihre Anna die mit Abstand eindringlichste und vielschichtigste Figur.

Am Ende weiß Vinterberg gar nicht so recht, wie er aus der Misere wieder herauskommen soll. Er findet einen genauso traurigen wie tröstlichen Weg. Aber so richtig gemütlich wird’s in dieser WG vermutlich nicht mehr.

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