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Kultur Aggro Berlin – die Amazon-Serie „Beat“
Nachrichten Kultur Aggro Berlin – die Amazon-Serie „Beat“
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09:26 09.11.2018
Herr der Sounds: Club-Promoter Robert „Beat“ Schlag (Jannis Niewöhner) gerät aus der Fassung, als in seinem Laden zwei tote junge Frauen gefunden werden. Quelle: Foto: Amazon Prime
Berlin

Berlin ist am Ende. Schon wieder. Hässlich, nass und pleite, finanziell wie moralisch. Kaputte Typen, zerschossene Träume. Drogen helfen ein bisschen, aber Drogen sind auch nur Brenngläser des Elends, sobald die Sonne aufgeht. Es ist, als sei unter Serienmachern ein Wettbewerb der Verderbnis entbrannt: Wer zeichnet das härteste, böseste, dekadenteste und abgezockteste Bild der Hauptstadt?

Die wackelige Welt von Beat gerät aus der Balance

Ist es „4 Blocks“, wo die bärtigen Drogenjungs der Libanesenmafia in verrostenden Industriebranchen herumfoltern? Ist es „Dogs of Berlin“, wo sich Neonazis und türkische Familienclans demnächst bei Netflix ohne Spaß an die Gurgel gehen werden? Ist es „Babylon Berlin“, wo es in der historischen Monstermetropole voller Blut und Elend nur ums Überleben geht? Oder ist es „Beat“ - jene neue Serie, mit der Amazon ab heute seine Absicht untermauert, zur wachsenden Schar von originellen Erfolgsserien made in Germany aufzuschließen?

„Beat“ erzählt die Geschichte des Club-Promoters Robert Schlag (Jannis Niewöhner), den alle nur Beat nennen – wegen „Schlag“, weeßte? Knick-knack. Beat weiß Bescheid, Beat kennt sie alle, Beat ist ein „Wunscherfüller“. Er kann mit jedem, den hübschen Vögeln der Szene, den Guten, den Bösen, denen dazwischen. Seine ohnehin schon wackelige Welt gerät endgültig aus der Balance, als in seinem Club zwei tote Partymädchen von der Decke baumeln, mehr oder weniger waidmännisch ausgeweidet und engelsgleich in weiße Laken gehüllt.

Das geht nun selbst Beat zu weit. Der irrlichternde Rauschsucher gerät in ein Netz aus Geheimdienstlern und Gangstern, in dem er sich entscheiden muss: Erwachsen werden wie sein Club-Partner Paul? Oder weiter herumdöllmern? Zusehen, wie der Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in den Clubs den Bach runtergeht? Oder Haltung zeigen?

Die zugekokste Nachteule Beat ist kein glaubwürdiger Hilfsagent

Techno. Der Soundtrack der Neunziger. Explosive Aufbruchsstimmung in der schrundigen Inselstadt, bevor die sich mit vielen Investorenmilliarden auf links krempelte. Eine schillernde Szene für selbstverliebte Glühwürmchen, die dann vom Kommerz verschluckt und wieder ausgespuckt wurde. Neonlicht und Bassgewitter. Eine Welt, in der Schlaf Sehnsuchtszustand und Zeitverschwendung gleichzeitig ist.

Eigentlich ist das ein feiner Stoff für eine globale Qualitätsserie. Denn Berlin gilt im Reigen der Weltmetropolen ja als der bekiffte Bruder von Paris, als die rotzcoole, kaputte, improvisierte, notdürftig zusammengeflickte Version von New York oder London. Wenn bloß diese Story nicht so hanebüchen wäre.

Denn ausgerechnet die zugekokste Nachteule Beat soll nun einer ominösen europäischen Geheimdienstbehörde helfen, den Oberlogistiker einer sehr bösen Organhandelmafia dingfest zu machen (Alexander Fehling). Das klingt nicht nur schwer nach „Tatort“, das ist streckenweise mit geradezu öffentlich-rechtlicher Betulichkeit erzählt.

Die Serie „Beat“ tut alles, um hart, schnell und anders zu wirken

Karoline Herfurth und Christian Berkel sind als spießige Bullen die Antipoden zu den sexhungrigen Nachtvögeln. Sie staksen durch eine gänzlich unglaubwürdige Räuberpistole, in der es viel um Natronlauge, menschliche Organe in Marmeladengläsern und einen durchgeknallten Schlagerfan und früheren Heimzögling namens Jasper (Kostja Ullmann) geht, in dessen Seele genau wie in der von Beat allerhand Kindheitstraumata herumrumpeln.

Jaspers Mission: Die Techno-Schwärmer von der Sinnlosigkeit ihres Tuns zu überzeugen. Als ob die nicht selber wüssten, dass Techno nicht die Welt, aber vielleicht mal eine Nacht rettet.

Ein Schlagerfuzzi mit Dachschaden, der nebenbei beim Menschenhändler von nebenan jobbt, auf Anti-Techno-Mission? Ernsthaft? Na klar: Die Serie von Regisseur Marco Kreuzpaintner tut alles, um hart, schnell und anders zu wirken.

Bei der Weltpremiere im Heizkraftwerk blieb der Applaus höflich

Aber dieser Trip kommt nie auf Trab. Versuche, die Technoblüte in der Hauptstadt kulturell zu verewigen, gab es bereits zuhauf. In Helene Hegemanns seltsamer Collage „Axolotl Roadkill“, im Spielfilm „Berlin Calling“ mit Paul Kalkbrenner von 2009. Aber „Beat“ kommt nicht ohne die ollen Klischees vom Rave als koksbefeuerter Horrorclown-Version eines Kindergeburtstags aus.

Und die Figur des Beat ist zwar vielschichtig, zerrissen und sympathisch – aber im Reigen der harten, schnellen Berlin-Serien voller Bösewichte mit Ballermännern bleibt „Beat“ eine Behauptung, vor allem der lückenhaften, plakativen Story wegen. Schon „You Are Wanted“ mit Matthias Schweighöfer litt an der Überdrehtheit des Drehbuchs. In beiden Fällen wirkt es, als hätten die Macher zu viel auf einmal gewollt. Amazon auf Droge. Ein Koksmärchen ohne Linie.

Die Weltpremiere von „Beat“ ging stilecht im toten Betonskelett des alten Berliner Heizkraftwerks über die Bühne. Aber der Applaus blieb höflich. Am Ende ist es doch so: Jeder Seriengucker ist der Türsteher seiner eigenen Präferenzen. Manche Serie kommt rein, und manche bleibt eben draußen.

Von Imre Grimm / RND

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