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08:29 12.02.2015
Von Uwe Janssen
Glückwunsch in Afghanistan: Ein deutscher Soldat am Morgen seines 34. Geburtstags in einer afghanischen Gebirgsregion. Quelle: Anja Niedringhaus
Hannover

Der Mann mit der Wollmütze und der deutschen Flagge auf dem Ärmel hockt auf einer Feldpritsche. Die Schultern hängen herab, der Blick verliert sich im Nichts. Im Hintergrund eine Hügellandschaft und Militärfahrzeuge. Das Besondere an der Szene sind die Kerzen, die neben dem Mann brennen und diesem kühlen Moment eine seltsame Wärme verleihen. Der Soldat feiert seinen Geburtstag. Den 34. Frühmorgens auf einer Langzeitpatrouille in einer nordafghanischen Gebirgsregion.

Die Aufnahme stammt von Anja Niedringhaus und ist jetzt in Hannover zu sehen. Anja Niedringhaus ist tot. Erschossen am 4. April 2014, von einem afghanischen Polizisten, aus Rache für den Tod seiner Familienangehörigen. Anja Niedringhaus hatte niemanden erschossen. Sie war Fotografin, unterwegs mit Wahlhelfern, die im pakistanischen Grenzgebiet Stimmzettel verteilen wollten. Niedringhaus wurde 48 Jahre alt.

Ein lebensgefährlicher Job

Ihre Bilder, die die Galerie für Fotografie (GAF) nun ausstellt, zeigen, dass die aus Höxter stammende Bildjournalistin einen lebensgefährlichen Job hatte. Sie hatte sich entschieden, in den Krieg zu ziehen, statt weiter, unter anderem beim „Göttinger Tageblatt“, Lokaljournalismus zu machen. Sie wollte den Krieg zeigen. Im Kosovo, Bosnien, Nahost. Jeder Kriegsfotograf will den Krieg zeigen. Aber auf Niedringhaus’ Bildern rückt er einem nahe. Ihre Bildsprache verzichtet auf Heldenposen, ihr Krieg kennt keine Sieger. Deren Ruhm verkümmert zur Behauptung, immer wieder konterkariert durch das Leid anderer. Es sind viele Kinder auf den Bildern. Eines in einem bunten Kleid reicht einem schwer bewaffneten pakistanischen Wachpolizisten die Hand. Eines bestaunt in einer Mischung aus Neugier und Unsicherheit, wie sein Vater von amerikanischen Soldaten durchsucht wird. Ein anderes Mädchen muss von seiner großen Schwester getröstet werden, während US-Soldaten den Vater filzen. Es sind verwundete Kinder zu sehen, die im Hubschrauber abtransportiert oder notdürftig verarztet werden, aber lachend auf einer Decke liegen. Was ist Krieg für die, die ihn noch nicht verstehen können? Solche Bilder machen das Hinschauen schwerer als manche drastischen Blutszenen.

Den Tod zeigen die Bilder von Anja Niedringhaus auch, er gehörte zu ihrem Job. Eine Aufnahme zeigt einen Selbstmordattentäter, dessen lebloser Körper mit blutverschmierten Banknoten drapiert ist.

Sie schaffte Vertrauen

Die Pulitzerpreis-Trägerin war immer nah dran. Weil sie nah kommen durfte. Freunde und Kollegen haben neben ihrem rustikalen Humor immer wieder Niedringhaus’ Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber den Menschen als prägende Eigenschaft hervorgehoben. Das schaffte Vertrauen auch in Situationen, in denen Gut und Böse in der unwirklichen Situation des Krieges keine Rolle mehr spielen. Die Arbeiten in der GAF führen eindrucksvoll den Beweis, dass es wichtig ist, den Krieg zu zeigen, um zu begreifen, was er mit Menschen macht. Und sie zeigen auch den Actionjunkies, dass jede Reportage vom Krieg, egal, mit wie viel Erfahrung im Gepäck, die letzte sein kann.

Die Ausstellung ist bis zum 12. April in der Seilerstraße 15a zu sehen.

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