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15:51 24.10.2013
Von Jutta Rinas
Im Dienst der Avantgarde: Das Neue Ensemble mit Stephan Meier im Sprengel Museum Hannover. Quelle: Wallmüller
Hannover

Es klingt beim ersten Hören nicht wie ein Slogan von besonderer Tragweite. Es klingt - vordergründig jedenfalls - nicht einmal wie etwas, das man besonders hervorheben muss. „Musik für heute“ - so lautet der Leitgedanke schlicht, mit dem das Neue Ensemble, eines der profiliertesten Avantgarde-Ensembles Niedersachsens, jetzt seit 20 Jahren für sich wirbt. So heißt auch der Förderverein des Ensembles. Und auch der schön gestaltete Band über die Musikerformation, der jetzt zum 20-jährigen Jubiläum im Göttinger Wallstein-Verlag erscheint, trägt diesen Schriftzug („Musik für heute - 20 Jahre Das Neue Ensemble“, 64 Seiten, 35 Euro).

Musik für heute? Ja, für wann denn sonst? So könnte man denken. Wenn man aber berücksichtigt, dass die Musik in den Konzertsälen von heute in der Regel immer noch Musik von gestern ist - Bach, Mozart, Beethoven, vielleicht mal Alban Berg - dann kann man erahnen, was für Kämpfe sich hinter dem so bescheiden formulierten Halbsatz verbergen. Und man versteht den Stolz in der Stimme von Stephan Meier, dem künstlerischen Leiter des Neuen Ensembles, wenn er über die in dem Jubiläumsband enthaltene CD mit den wichtigsten Kompositionen aus den Programmen der Gruppe sagt, „bis auf Cage ist alles nicht früher als 1990 entstanden“.

So leidenschaftlich, als hätte er gestern begonnen, für die Avantgarde zu streiten, klingt Meier auch jetzt - 20 Jahre, nachdem er am 17. August 1993 sein Ensemble unter anderem mit dem Klarinettisten Udo Grimm und dem Cellisten Karsten Dehning gründete: „Die Klänge von heute, die Motoren, die Waschmaschinen, die Radios - das alles ist unsere akustische Welt“, sagt er. „Nur damit können wir ausdrücken, was unser Herz bestimmt.“ Wie so eine Musik klingt, kann man am kommenden Sonnabend, 17. August, um 20 Uhr beim Geburtstagskonzert im Saal der Region Hannover im Rahmen des Neue-Musik-Festivals „Ohr und Auge“ hören.

Aber wie kam es, dass moderne Musik und nicht die Klassik das Herz des hannoverschen Schlagzeugers bestimmte? Und zwar so sehr, dass er ein eigenes Avantgarde-Ensemble gründete? Er habe sich immer wieder gefragt, wo ein Bertolt Brecht oder ein Max Frisch in der Musik des 20. Jahrhunderts zu finden seien. In deren Werken habe er ganz konkret etwas über seine Gegenwart erfahren, in der klassischen Musik nicht. Wie stark sich Meier von den Rätseln der manchmal so kryptisch daherkommenden Neuen Musik angezogen fühlte, wird spürbar, wenn der heute 47-Jährige von einem Kurs als Student bei einem der Granden der Neuen Musik, bei Pierre Boulez, erzählt.

Boulez’ als fast unspielbar geltendes Stück „Le marteau sans maître“ sollte er dort lernen, irgendwann Ende der Sechziger. Statt neuer Erkenntnisse über das Stück erwartete den Studenten aber schlicht „bimsen, bimsen, bimsen“. Takt für Takt sprach er die rhythmisch komplexe Musik mit seinem Lehrer durch und erntete als Kommentar immer nur ein „zu früh“ oder „zu spät“. Erst bei dem Pianisten Pierre Laurent Aimard lernte er etwas wirklich Wichtiges über das Erarbeiten solcher Stücke. „Schlage nie eine Taste an, bevor du die Note nicht in der Vorstellung gehört hast“, ermahnte der französische Pianist einen virtuos, aber mechanisch spielenden Pianisten. Dass man sich auch die abstrakteste Musik vorstellen können muss, bevor man sie spielt, ist ein Glaubenssatz, der die Arbeit des Neuen Ensembles bis heute prägt. Man dürfe nicht einfach „krrk, bum, zschk, ssst“ machen, imitiert Meier an seinem Schreibtisch im Probenraum des Neuen Ensembles typische Neue-Musik-Geräusche. Man müsse mit einem klassischen Interpretationsansatz an Neue Musik herangehen und auch dort Wohlklang und Schönheit suchen.

„Le marteau sans maître“ wurde auch ein Meilenstein in der Karriere des Neuen Ensembles. Eine 2000 erschienene CD mit dem Stück fand international Anerkennung, brachte dem Ensemble viele Einladungen ins Ausland ein. Aufführungen von Boulez’ Werken verschafften den Musikern soviel Renommee, dass der Komponist selbst in einem Brief 2012 schrieb, er habe „vom Ausmaß der positiven Resonanzen auf die Aufführungen des Neuen Ensembles mit seiner Musik erfreut Kenntnis genommen“. Werke von John Cage, Karlheinz Stockhausen, Wolfgang Rihm, Carola Bauckholt oder Johannes Schöllhorn prägten daneben die vergangenen 20 Jahre. Das Neue Ensemble zeigte sich experimentierfreudig mit Reihen, wie den „Gelben Klängen“, bei denen im Sprengel Museum Musik und bildende Kunst zusammengeführt wurden. Die Musiker begaben sich mit ihrem DaDaBus auf die Spuren von Kurt Schwitters, eröffneten bei der Weltausstellung in Hannover das Kulturprogramm des Deutschen Pavillons, waren in München, Paris, Amsterdam, Krakau oder Riga zu hören. Viele Jahre lang mussten sie jedes Projekt neu mithilfe der Stadt, des Landes, Stiftungen wie der Stiftung Niedersachsen oder EU-Geldern finanzieren. Erst seit 2012 gibt das Land als „Basisförderung“ 25 000 Euro pro Jahr dazu.

Eine Innovation sind auch die „Hauskonzerte“ des Neuen Ensembles, einer Konzertreihe für Avantgarde-Musik, die in den Wohnzimmern hannoverscher Musikfreunde aufgeführt wird.

Dass es solche Konzerte auch einmal in den städtischen Problemvierteln wie dem Sahlkamp oder in Vahrenwald gibt, ist ein Traum, den Meier für die Zukunft hegt. Mitte November ist sein Ensemble mit fünf anderen Avantgarde-Gruppen bei einem Festival im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel zu hören. 2014 will Meier zwei große alte Neue-Musik-Komponisten, Helmut Lachenmann und Harrison Birtwistle, einladen. Viel Gelegenheit also noch, musikalische Welten zu erforschen, die „unsere heutige akustische Realität bestimmen“.

Das Festival

„Auge und Ohr“ heißt in diesem Jahr das Musikfestival des niedersächsischen Netzwerkes für Neue Musik: „Musik 21“. Es setzt  einen Schwerpunkt bei Stücken, die akustisch und optisch etwas bieten. Neben internationalen Ensembles wie L’ instant donné aus Paris oder dem Ensemble Schwerpunkt aus Hannover/München/Vaasa werden niedersächische Formationen zu hören sein. Eröffnet wird das Festival am Freitag, 16. August, um 20 Uhr im Sparkassen-Forum am Schiffgraben mit Werken von Peter Eötvös, Caspar Johannes Walter oder Carola Bauckholt. Weitere Höhepunkte sind das Geburtstagskonzert des Neuen Ensembles am Sonnabend, 17. August, um 20 Uhr im Saal der Region Hannover, Hildesheimer Straße 18, und ein Konzert mit Werken von Sofia Gubaidulina ebendort um 21.30 Uhr. Karten: (05 11) 76 35 29 71 oder (05 11)16 84 12 22.

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