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Dafür stehen die beiden neuen Intendantinnen

Staatstheater und Staatsoper Dafür stehen die beiden neuen Intendantinnen

Hannovers Theater wird weiblich. Laura Berman wird von der Spielzeit 2019/20 die Oper leiten, Sonja Anders wird vom selben Zeitpunkt Intendantin des Schauspiels. Das hat der Aufsichtsrat der Staatstheater beschlossen. Etwa ein halbes Jahr hat die Suche nach der neuen Theaterleitung gedauert.

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 Sonja Anders (links) leitet künftig das Schauspielhauses, Laura Berman wird neue Intendantin der Oper.

Quelle: Meyer-Arlt

Hannover. Ministerin Gabriele Heinen-Kljajic sagt, es sei ein „aufwendiger Findungsprozess“ gewesen. Mit dem Streben nach Geschlechtergerechtigkeit habe die Entscheidung für zwei Intendantinnen nichts zu tun. „Es war reine Bestenauslese“, sagt die Ministerin. Man habe „im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus“ nach neuen Intendanten für Oper und Schauspiel gesucht.

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Bei der Verlängerung der Verträge von Michael Klügl und Lars-Ole Walburg, dem derzeitigen Intendanten, wurde darauf geachtet, dass es einen gemeinsamen Schlusspunkt – und einen gemeinsamen Anfangspunkt für die beiden Neuen gibt. Die Idee, dass ein Generalintendant die Geschicke von Oper und Schauspiel gemeinsam leitet, wurde allerdings bald wieder verworfen. Nun soll der gemeinsame Starttermin der beiden neuen Intendantinnen immerhin Anlass sein, die Zusammenarbeit zwischen Oper und Schauspiel weiter auszubauen.

 Laura Berman (künftige Intendantin der Oper), Kultusministerin Gabriele Heinen-Kljajic und Sonja Anders (leitet künftig das Schauspielhaus).

Quelle: Meyer-Arlt

Die beiden neuen Intendantinnen sind international bestens vernetzt, Ministerin Heinen-Kljajic hofft, dass sich so auch die „überregionale Sichtbarkeit“ von Hannovers Oper und Schauspiel verstärken ließe.

Anders: „Ich bin ganz vernarrt in Horváth“

Wenn Sonja Anders in zwei Jahren als Schauspielintendantin in Hannover anfangen wird, dürften sich einige Besucher möglicherweise an ihren Vorvorvorgänger erinnert fühlen. Denn Sonja Anders kommt – wenn man das so sagen darf – aus der Ulrich-Khuon-Schule. Am Thalia Theater in Hamburg (Khuons Station nach seiner Intendanz am Schauspiel Hannover) war sie von 2000 bis 2009 als Dramaturgin tätig, seit der Spielzeit 2005/06 als Chefdramaturgin. Mit Khuon ging sie 2009 ans Deutsche Theater Berlin, dort wurde sie auch stellvertretende Intendantin.

Wer Chefdramaturgen, die sich auf eine Intendanz bewerben „Kandidaten aus der zweiten Reihe“ nennt, liegt im Fall Sonja Anders falsch. Denn sie befindet sich in der ersten Reihe. „Es ist wirklich an der Zeit, dass ich ein eigenes Haus übernehme“, sagte die 52-Jährige.

Und dann nannte sie ein Wort, das man im Schauspiel nicht oft hört: „Freude“. Emotionalität in Theaterstücken ist ihr wichtig, und ja, es sollte auch um Freude gehen im Theater. Das hätte auch von Ulrich Khuon kommen können. Auch mit Sätzen wie „Ich stehe nicht für Papiertheater, sondern für Menschentheater“ oder „Das Gesicht des Theaters ist der Schauspieler“ stellt sie sich in eine Traditionslinie mit Khuon, dessen Intendanz in Hannover von 1993 bis 2000 von vielen Besuchern als eine besonders glückliche Theaterzeit erlebt wurde.

Autoren sind der neuen Intendantin wichtig – auch das ist eine Gemeinsamkeit mit Khuon, der in Hannover die Autorentheatertage entwickelt hat. Anders erwähnt Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann und Ödön von Horváth. Dabei sagt sie einen Satz, der zeigt, mit welcher Leidenschaft sie Dramaturgin ist: „Ich bin ganz vernarrt in Horváth.“ Natürlich will sie auch zeitgenössische Autoren auf ihre Spielpläne bringen. Sie erwähnt Elfriede Jelinek, Lukas Bärfuss, Wolfram Lotz und Dea Loher.

Sie wünscht sich, dass sich das Schauspiel der Stadt gegenüber öffnet und zu einem Ort der Begegnung wird. „In einer Zeit, in der die urbane Mitte krankt, ist der Ort des Theaters besonders wichtig“, sagt sie.
Zum Stadttheater gehört das Ensemble. Und zu einem Intendantenwechsel gehören meist viele Wechsel im Ensemble. Sonja Anders will das sensibel angehen. Sie sagt: „Ich bin jemand, der keinen Kahlschlag veranstalten wird.“ Ihr neues Ensemble soll „divers aufgestellt“ sein. Damit sollte dann einiges möglich sein. Anders kündigt Experimente an: „Das Tollste ist, wenn man gemeinsam eine Überschreitung wagt.“

Berman: „Inszenieren können andere besser“

Ich hoffe, Sie können sich an meinen eigenwilligen Akzent gewöhnen“, ist der erste Satz, den Laura Berman an ihrem künftigen Arbeitsplatz sagt. Damit meint die 57-Jährige nicht die künstlerische Ausrichtung der Staatsoper, sondern ihr stark amerikanisch gefärbtes Deutsch. Aufgewachsen in der Nähe von New York, begann Berman ihre Ausbildung an der Juilliard School. Vor 30 Jahren führte ihr Opernregiestudium sie nach Hamburg. Das Inszenieren hat sie bald darauf an den Nagel gehängt – „das können andere besser“, sagt sie. Dem deutschen Sprachraum ist sie seither aber treu geblieben. Sie war als Dramaturgin an den Theatern in Münster, Darmstadt und Freiburg engagiert und arbeitete unter anderem für die Wiener Festwochen und die Bregenzer Festspiele. 2012 gründete sie eine Agentur, mit der sie auch Opern mit Popmusikern produzierte, die an Häusern wie dem Royal Opera House Covent Garden zu sehen waren. Seit 2015 ist sie Operndirektorin in Basel.

Was sie für Hannover plant, blieb unmittelbar nach ihrer Berufung gestern naturgemäß vage. Sie wolle neue Zuhörer mit dem Versprechen gewinnen, dass Oper für große Gefühle stehe, sagte sie. Wichtig findet Berman, dass man Oper auch „ohne Vorbildung“ genießen könne. Darum werde sie sich „weg vom Kanon“ der bekannten Werke bewegen. Gleichzeitig beteuerte sie eine „große Liebe“ zu Giuseppe Verdi, der für sie „im Zentrum“ der Opernwelt stehe. Außerdem schätzt sie Musik vom Beginn des 20. Jahrhunderts und zeitgenössische Komponisten mit schnell wiedererkennbarer Klangsprache sowie Marschner, Wagner und Barockopern.
Diese Breite des Repertoires lässt sich auch an Bermans Baseler Spielplan ablesen: Dort stehen eher exotische Werke neben Klassikern von Händel, Mozart, Verdi und Strauss.

Die stilistische Vielfalt lässt logisch erscheinen, dass Berman in Hannover nicht mehr ganz auf ein festes Sängerensemble setzt. Sie möchte sich auf ein „Kernensemble“ beschränken und dafür mehr Partien mit Gästen besetzen.

Eindrucksvoll ist die Liste der Regisseure, die in Basel arbeiten: Hans Neuenfels und Sebastian Baumgarten stehen neben Größen aus anderen Genres wie Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui oder Filmemacher Dani Levy. Aus Hannover bekannt sind Frank Hilbich, Alexander Charim und Calixto Bieito, der seine Karriere hier mit dem damaligen Intendanten Albrecht Puhlmann gestartet hat. So gesehen scheint sich ein Kreis zu schließen: Auch Puhlmann war zuvor Operndirektor in Basel.

Von Ronald Meyer-Arlt und Stefan Arndt

Kommentar von Ronald Meyer-Arlt

Die Löwenbändigerinnen

Eine Stadt, zwei Intendantinnen – wie schön! Ende der Neunzigerjahre, als Hans-Peter Lehmann die Oper und Ulrich Khuon das Schauspiel leitete, wäre so etwas noch undenkbar gewesen. Aber jetzt? Ist so eine Konstellation eigentlich nichts Besonderes mehr. Gut: Zurzeit gibt es keine einzige deutsche Stadt, in der zwei Intendantinnen agieren, aber im kommenden Jahr wird es in Marburg so weit sein. Und ein Jahr drauf dann in Hannover. Theaterintendant (früher ein Job wie Löwenbändiger: angesehen und gefürchtet) ist schon lange kein männlicher Beruf mehr.

Die Wahl soll nicht ganz einfach gewesen sein (ja, es soll auch Absagen gegeben haben), aber die Entscheidung für Berman und Anders klingt vielversprechend. Beide stehen für ein modernes Theater, das sich öffnet, das Experimente wagt, das Unterschiede zulässt, das Internationalität als Chance begreift und das mehr sein will als Abspielstätte für bekannte Stoffe.

Und beide wollen ihr Publikum erreichen. Im Schauspiel soll das unter anderem mit einer Rückbesinnung auf Ibsen und Co. versucht werden, in der Oper mit Verdi. Beide Intendantinnen singen das Loblied der Emotionalität. Sonja Anders fügt noch ein anderes Stichwort hinzu: Freude. Klar. Das ist es. Hannover kann sich auf die beiden freuen.

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