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Neueröffnung des Herzog-Anton-Ulrich-Museums

Sanierung beendet Neueröffnung des Herzog-Anton-Ulrich-Museums

„Verführung garantiert“: Das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig bietet 3000 Jahre Kunstgeschichte und 4000 Exponate jetzt auf 5100 Ausstellungsquadratmetern.

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Ist in den vergangenen Jahren umfassend saniert worden: Das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig. Ab Sonntag sind dort wieder die 4000 Exponate aus 3000 Jahren Kunstgeschichte zu sehen.

Quelle: Herzog-Anton-Ulrich-Museum

Braunschweig. Die Mutter schaut aufs jüngste Kind, die älteste Tochter zeigt der mittleren einen Blumenkorb, nur der Vater, einen halben Kopf höher im Hintergrund, richtet seinen Blick auf den Betrachter des Bildes - so stellt Rembrandt van Rijn um 1668 die Familie, die kleinste Einheit der Gesellschaft, dar. Sein „Familienbild“ ist das einzige des Alten Meisters, es ist damit einer der großen Schätze der Kunstgeschichte, und das Herzog-Anton-Ulrich-Museum präsentiert diesen Schatz jetzt erstmals nach sieben Jahren wieder in Braunschweig.

So lange hat es gedauert, bis das 1887 errichtete klassizistische Gebäude des Museums umfassend saniert war. So lange waren viele seiner Kunstschätze nur im Braunschweiger Burgmuseum zu sehen, im internationalen Leihverkehr unterwegs oder eben im Depot. Erst am Sonntag lädt man mit dem Versprechen „Verführung garantiert“ wieder in das große Haus zwischen Schloss und Oker, Museumspark und Museumsstraße ein.

Das Herzog-Anton-Ulrich-Museum wurde bereits 1754 gegründet, ist damit einer der traditionsreichsten Musentempel der Welt und präsentiert zur Wiedereröffnung aus seiner 3000 Jahre umspannenden Sammlung 4000 Exponate auf 5100 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Der Sonntag wird dabei besonders feierlich sein, etwa weil Darsteller in Kostümen, die den Exponaten der Sammlung nachempfunden sind - und von Studierenden der Fachhochschule Hannover stammen - die Gäste zur Wiedereröffnung empfangen. Und was heißt schon Wiedereröffnung? „Wir sprechen lieber von Neueröffnung“, sagt Museumsdirektor Jochen Luckhardt. „Denn dies ist in vieler Hinsicht ein neues Haus.“

Im Mittelpunkt stehen im Herzog-Anton-Ulrich-Museum, das im ersten Obergeschoss bildende Kunst und im Stockwerk darüber angewandte Kunst zeigt, zwar weiterhin die Werke der Sammlung. Doch wie die Innenarchitektur die Exponate zur Geltung bringt - das ist teils durchaus spektakulär. So kann man Rembrandts Familienbild im der bildenden Kunst vorbehaltenen ersten Obergeschoss schon vom Treppenaufgang aus entdecken. Dort eröffnet eine Enfilade durch drei Flügeltüren - nach einer Abfolge italienischer Bibel- und Antikengemälde sowie venezianischer Architektur-und Landschaftsmalerei - den Blick auf das Rembrandt-Gemälde. Und wer die drei Säle abschreitet, erlebt ein Farbwechselbad vom cremefarbenen Treppenhaus über kühles Blau für die Italiener bis zu Blassgrün rund um das Familienbild.

Direktor Luckhardt und sein Kuratorenteam flankieren Rembrandts Durchbruch zur Darstellung privater, fast intimer Bürgerlichkeit mit nur ein wenig älteren, dabei aber deutlich steiferen Familienbildern und führen damit den spektakulären Charakter des Rembrandt-Werkes vor Augen. Spektakulär sind aber auch die Blickachsen und die Farbdramaturgie der anderen Säle. In einem blassblauen Seitenkabinett ist Giorgiones Selbstbildnis von 1508 - eines der ersten Selbstbildnisse der Kunstgeschichte - zu sehen. Direkt gegenüber hängt ein Vermeer in einem Kabinett, dessen Flächen das Grau des Bildhintergrunds ebenso wie das Rot des Kleides, das Jan Vermeers berühmtes „Mädchen mit dem Weinglas“ (1659) trägt, aufnehmen.

Die prominenten Namen lassen es ahnen: Das Herzog-Anton-Ulrich-Museum verfügt über hochkarätige Kunstwerke von Dürer bis Picasso, doch auch über nationale Kulturdenkmäler. Darunter sind aus dem frühen 13. Jahrhundert beispielsweise der Kaisermantel von Otto IV., dem einzigen Welfen auf dem Kaiserthron, und aus dem 12. Jahrhundert das Bronzeoriginal des Braunschweiger Löwen.

Mehr davon ist in den Seitenkabinetten des zweiten Obergeschosses zu sehen, wo der Schwerpunkt bei angewandter Kunst liegt. Dort eröffnet sich links der Treppe eine Saalabfolge nach Themengebieten. Da geht es etwa um Attribute feudaler Repräsentation, adlige Bildungswege oder auch um höfische Tischkultur - wofür eine zehn Meter lange Glasvitrine eine fürstliche Tafel simuliert. Und rechts der Treppe demonstrieren Säle, dass das Haus weitaus mehr zu bieten hat, als sich in ein Themenkorsett zwängen lässt. Großenteils sind es Dokumente der Sammelleidenschaft und des Kunstverstands von Herzog Anton Ulrich (1633-1714), dessen Kunstbesitz den Grundstock des Museums bildete. „Er wollte eben“, sagt Museumschef Luckhardt, „die ganze Welt präsent haben.“ Eine Sammlung asiatischer Kunst ist da vor chinaroter Wandbemalung zu sehen, in Glasvitrinen wird Keramik aus oberitalienischen Werkstätten gezeigt, antike Büsten stehen vor dem warmen Grau, das auch im Erdgeschoss dominiert.

Dort dürfte vor allem für Kenner des Hauses hervortreten, dass das größte und jüngste Kunstwerk, das sich jetzt an der Museumsstraße bewundern lässt, das Gebäude selbst ist. Dabei wurde in mancher Hinsicht nur ein älterer Zustand wiederhergestellt. Neben dem Foyer, in dem alte Bögen freigelegt wurden, ist ein großzügiger Sonderausstellungsbereich entstanden, weil später eingezogene Zwischengeschosse wieder entfernt wurden. Die Bodenfliesen im Foyer wurden überarbeitet und neu verlegt, der Terrazzo am Besuchereingang ist ebenso neu wie das Parkett in den Obergeschossen sowie Fenster, Elektrik und Klimatisierung. Und für die zwar historisch anmutenden, jedoch gleichfalls neuen Oberlichter wurden eigens zusätzliche Stahlträger von Wand zu Wand gespannt. „All das war längst überfällig“, sagt Luckhardt, Museumchef seit 1990. „Seit Kriegsende war kaum etwas restauriert worden.“

Beginnen konnten die Arbeiten erst, als hinter dem Gebäude die Stahl- und Glaskonstruktion eines Erweiterungsbaus stand, in dem seit 2009 Verwaltung, Bibliothek und Depot, Kupferstichkabinett, Museumspädagogik und Bistro untergebracht sind. Das hat dem Museumsdirektor freilich auch Zeit verschafft, bei Stiftungen und Mäzenen um zusätzliches Geld zu werben. „Von den 36,6 Millionen Euro, die das Ganze gekostet hat, habe ich gut 2 Millionen selbst eingeworben“, sagt Luckhardt. „Der größte Teil der Finanzierung stammt vom Land Niedersachsen.“

Die Vorzüge des Bistros wird man in Braunschweig übrigens wohl vollends erst im nächsten Sommer genießen können. Denn dazu gehören auch die Außensitzplätze einer großen Loggia, die dem pausierenden Museumsbesucher wiederum Blickachsen eröffnet - aufs Grün des Bürgerpark auf der einen und auf die sorgsam sanierte Rückfassade des würdigen alten Museumsbaus auf der anderen Seite.

„Verführung garantiert“, Eröffnung am Sonntag, 23. Oktober, um 11 Uhr. An diesem Tag sowie vom 25. bis zum 30. Oktober freier Eintritt ins Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum, Museumsstraße 1.

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