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Neues Album: Bob Dylan kommt nach Hannover

Jeder Song soll leuchten Neues Album: Bob Dylan kommt nach Hannover

Diesmal sind es 30 Lieder geworden und diese Songs leuchten! Er singt so gefühlvoll wie nie, meistert all diese schwer zu singenden Melancholien und Herzensbrüche ohne je auf eine Reinheit des Tons, eine perfekte Produktion zu achten. Am 26. April kommt Bob Dylan nach Hannover. 

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Bob Dylan

Quelle: dpa

Hannover. Bob Dylan hat’s jetzt auch aufgenommen - das traurigschöne „Sentimental Journey“. Das Lied, das 1945 in Amerika der erste Nummer-Eins-Hit der damals 21jährigen Jazzsängerin und Schauspielerin Doris Day war. In Deutschland wurden damit 1959 die Wirtschaftwunderdeutschen von Gitta Lind und Christa Williams in den Urlaubsmodus versetzt: „Komm wir machen eine kleine Reise, in ein Land so wunderschön.“

Bei Day und Dylan geht es um etwas anderes. Um eine Fahrt zu den Quellen der Erinnerungen. Der Erzähler wird von einer unstillbaren Sehnsucht getrieben, sich seiner Anfänge zu versichern: „Ich muss auf eine sentimentale Reise gehen, eine Reise zurück nach Hause.“

Dylan macht also weiter mit dem sogenannten Great American Songbook, mit den swingenden, oft getragenen Unterhaltungsliedern, deren Hochphase in den Dreißiger- und Vierzigerjahren lag. Seine erste Reise zur Musik seiner Kindheit hatte er mit dem Album „Shadows in the Night“ (2015) unternommen, gefolgt von „Fallen Angels“ (2016).

Eigentlich hatte man gedacht, ja gehofft, Dylan würde jetzt endlich eine neue Kostprobe seines großen Songwritertalents abgeben. „Tempest“, das letzte selbst geschriebene Album, war 2012 eine Rückkehr zu alter Form gewesen, das aufregendste in dem erbaulichen Spätwerk, das 1997 mit „Time out of Mind“ begonnen hatte. Aber wenn bei Dylan seit den späten Sechzigerjahren bis heute auf irgendetwas Verlass ist, dann darauf, dass er sich allen Erwartungen entzieht.

Kleine Besinnungszeiten

Diesmal sind es 30 Lieder geworden, und von 29 gibt es auch Frank-Sinatra-Versionen, nur „Braggin‘“ stammt vom Frankieboy-Konkurrenten Tony Pastor. Evergreens wie „As Time Goes By“, „Stardust“ und „Stormy Weather“ stehen neben Songs wie „It’s Funny to Everyone but Me“ und „Where Is The One“, die knapp dem Vergessen entrissen wurden. Erschienen sind sie auf einem Dreieralbum - die drei Discs enthalten zusammen nur rund 95 Minuten Musik, hätten also auf zwei (anderthalb) CDs gepasst. Aber Dylan denkt offenbar „vinylisch“, er will die kleinen Besinnungszeiten haben, die das soeben Gehörte früher mit einer kurzen Stille absicherten, er will die Pausen, die es dauerte, bis man den Plattenspieler erreichte und die Scheibe umgedreht hatte.

Jeder Song hier soll leuchten, und Dylan weiß, dass der Hörer bei drallen, 77-minütigen Pop-CD-Umfängen irgendwann abdriftet von der Musik, die dann nur noch im Hintergrund simmert. Nicht nur die Kürze der drei Discs - alles an dieser Veröffentlichung ist eine „Sentimental Journey“, geschmackvoll, nostalgisch, voller Wärme, bis hin zum ochsenblutroten Etikett mit der cremeweißen Label-Aufschrift „Columbia“.

Und wie diese Songs leuchten! Die beiden Vorgänger erscheinen nachgerade als Aufwärmphase für das, was Dylan mit „Triplicate“ abliefert. Er singt so gefühlvoll wie nie, meistert all diese schwer zu singenden Melancholien und Herzensbrüche ohne je auf eine Reinheit des Tons, eine perfekte Produktion zu achten. Gerade deshalb erlangen diese Lieder Wahrheit und Tiefe, klingen erfahren und gelebt.

Man glaubt Dylan, wenn er in Sinatras Liedern die Liebe findet, verliert, betrauert. Der Rabe Bob hat diesmal Honig geschluckt, und heisert zärtlich zum Sound seiner Band, zu den perlenden Gitarren von Charlie Sexton und Dean Parks, zu den wunderbaren, kleinen, tönenden Regenbogen des Steelguitar-Magiers Donnie Herron. Erstmals gesellen sich (gelegentlich) Bläser dazu. Klingt zeitlos und nach alten Zeiten zugleich.

Die Popmusik wendet sich derzeit vor allem in Amerika dem lange Zeit eher nebensächlichen Protestsong zu. Worin Dylan ja der Meister war, damals in den frühen Sechzigerjahren mit „Blowing in the Wind“, „Masters of War“ und „With God on our Side“. Man wüsste gern, was der scharfzüngige Klartexter über die Trump-Welt zu sagen hat. Aber er bleibt still, hat wohl zu lange darunter gelitten, dass eine Generation einst auf ihn blickte wie auf einen Allwissenden und Heiler.

Die Welt hatte eine Idee von Dylan, der eine ganz andere Idee von sich hatte. Bob Dylan hat Bob Dylan verfolgt, der Bob Dylan suchte, bis diese Dreifachfigur wie eine Karikatur ihrer selbst auf der Bühne torkelte. Diese dunkle Phase seiner Karriere ist vorbei. Der Sänger hat seinen Frieden darin gefunden, der Mann zu sein, der mit Bob-Dylans Liedern durch die Welt reist.

Der Sänger vermeidet alles, um neuerlich auf den Weltverbesserersockel gehoben zu werden. Zwar nimmt er am Wochenende endlich seinen Literaturnobelpreis an. Aber nur, weil er eh gerade auf Tour in Stockholm vorbeikommt. Viel lieber singt er Sinatra.

Schon beim zweiten Lied von „Triplicate“ wird man wehmütig. Wenn Dylan vom „September of my Years“ singt, wird einem klar, dass er mit 75 Jahren sogar schon Anfang Oktober seiner Jahre sein könnte. In „Why I was Born“ erzählt er von der Einsamkeit und einem Ausweg daraus. Warum er geboren wurde? „Dich zu lieben“ heißt es da.

Konzert: Am 26. April tritt Bob Bylan in der Swiss Life Hall in Hannover auf. Karten gibt es unter Telefon (05 11) 12 12 33 33.

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