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Kultur Nicht das beste Hochdeutsch in Hannover
Nachrichten Kultur Nicht das beste Hochdeutsch in Hannover
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00:15 10.08.2013
Von Kristian Teetz
Kommt zwar aus Hannover, spricht aber ein sehr gutes Hochdeutsch: Der frühere Tagesschausprecher Marc Bator. Quelle: NDR
Hannover

Herr Elmentaler, ein Teil des hannoverschen Selbstbewusstseins speist sich aus der Tatsache, dass hier das reinste Hochdeutsch gesprochen wird. Sie rücken dies nun ins Reich des Mythos. Seit wann hat denn Hannover überhaupt das positive Image, die Stadt mit der besten Aussprache zu sein?
Die Auffassung, dass man in Hannover eine besonders merkmalsarme Umgangssprache spricht, hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet. Zunächst einmal war das eher etwas, was man dem Obersächsischen zuschrieb, also dem Raum, den wir heute als Sachsen bezeichnen. Das Obersächsische galt im 18. Jahrhundert als vorbildlich in der Aussprache.

Womit hing das zusammen?
Die am weitesten verbreitete Schrift dieser Zeit war die Bibel in der Luther-Übersetzung. Die war in obersächsischer Sprache verfasst.

Wann hat das Obersächsische seine Vorbildfunktion verloren?
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauchen plötzlich in der Literatur Stimmen auf, die das Obersächsische kritisieren. Weil in diesem Dialekt etwa manche Konsonanten nicht auseinandergehalten werden. Zum Beispiel kann man den Unterschied zwischen „begleiten“ und „bekleiden“ schlecht heraushören, weil das „k“ ähnlich wie ein „g“ klingt und das „t“ wie ein „d“.

An die Stelle von Meißen tritt nun also Hannover als sprachliches Vorbild …
Gleichzeitig mit dem Niedergang des Obersächsischen wird das norddeutsche Hochdeutsch immer positiver bewertet. Das erstreckt sich zunächst einmal auf die ganze niedersächsische Region mit Braunschweig, Göttingen, Hildesheim und Hannover. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts konzentriert es sich dann auf Hannover.

Woran liegt das?
Es hängt sehr wahrscheinlich mit der politischen Bedeutung und der Größe der Stadt zusammen. Das hob Hannover von den anderen genannten Städten ab.

In welchen Quellen haben Sie positive Bewertungen des Hochdeutschen in Hannover gefunden?
Aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert ist uns ein Text überliefert, der ganz generell sagt, dass in Norddeutschland „das reinste Hochdeutsch“ gesprochen wird. Die Konzentration auf Hannover kommt, wie gesagt, deutlich später. 1792 schreibt der Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Karl Philipp Moritz, dass man „in Hannover und Braunschweig das Hochdeutsche weit reiner und besser ausspreche als in Berlin und Leipzig“. Dies ist eine der ganz frühen Quellen, die ganz ausdrücklich Hannover nennen.

Bislang spricht wenig dagegen, dass die Hauptstadt des Hochdeutschen auch weiterhin Hannover heißt …
In jener Zeit wird nicht nur die reine Aussprache der Hannoveraner betont, sondern gleichzeitig auch die sehr markante hannoversche Umgangssprache erwähnt. Das ist ein wichtiger Punkt, wenn ich sage, es handle sich um einen Mythos. Zumindest vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hatte Hannover eine Umgangssprache, die in bestimmter Hinsicht sehr stark vom Standarddeutschen abwich

Inwiefern?
Es gibt das schöne Beispiel von der hannoverschen Marktfrau, die gefragt wird: „Haben Sie Aale?“, und sie erwidert: „Näö, ich häöbe Zaat.“ Die Marktfrau sagt also „Ich habe Zeit“, weil sie verstanden hat: „Haben Sie Eile?“ Das liegt daran, dass das hochdeutsche „ei“ in der alten hannoverschen Stadtsprache wie ein langes „a“ ausgesprochen wurde. Gleichzeitig wurde das lange „a“ als „äö“ ausgesprochen. Da sind die Vokale also verschoben, und das verfremdet so eine Stadtsprache natürlich sehr stark.

Diese Beispiele entkräften für Sie also die These vom „reinsten Hochdeutsch“?
Ja, für diese Zeit gesprochen. Heute sind die Stadtsprachen natürlich stark zurückgegangen – auch in Hannover.

Wie ist denn die hannoversche Stadtsprache verloren gegangen?
In Aufnahmen aus dem Jahr 1961 habe ich noch deutliche Belege für den Gebrauch der hannoverschen Stadtsprache gefunden. Heute beobachten wir in vielen Teilen Deutschlands eine entregionalisierte Sprache. Es scheint mir für die jüngere Generation typisch zu sein, dass die kleinen regionalen Merkmale stark zurückgegangen sind. Übrig bleiben Merkmale, die ganz allgemein Informalität, also ein lockeres Sprechen kennzeichnen – so etwas wie „nich“ und „is“ oder Kontraktionen wie „haste“ statt „hast du“. In meinem Aufsatz habe ich zwei Stichproben mit Zitaten von Lena Meyer-Landrut analysiert, die das gut zeigen.

Das heißt also, in einem immer größeren geografischen Gebiet wird immer ähnlicher gesprochen?
Ja, so kann man das sagen. Die informellen Merkmale breiten sich immer weiter aus. Selbst bei Politikern und in vielen anderen Kontexten, in denen früher eine formelle Sprache gefordert gewesen wäre, beobachten wir mittlerweile ein lockeres Sprechen.

Während auch da die regionale Vielfalt verloren geht.
Ja. Ich sehe da einen großen Wandel von den sechziger Jahren bis heute. Ein Mann wie Konrad Adenauer hat ja noch kräftig rheinisch gefärbt gesprochen. Das beobachten wir heute viel seltener.

Wie definiert man eigentlich Hochdeutsch?
Kurz gesagt: In Aussprachewörterbüchern wird festgelegt, wie ein deutsches Wort nach den Regeln auszusprechen ist. Diese Norm wird nirgendwo in Deutschland vollständig umgesetzt. Hochdeutsch müssen wir also als abstrakte Norm sehen. Man kann daher sagen: Jede Form von gesprochenem Deutsch ist landschaftlich geprägt. Selbst in der Vorleseaussprache – also wenn Menschen aufgefordert werden, Einzelwörter von einer Liste in ihrem besten Hochdeutsch abzulesen – finden sich jede Menge Regionalismen.

Aber auch wenn kein perfektes Hochdeutsch existiert, können Wissenschaftler doch bestimmt sagen, wer dem Ideal am nächsten kommt?
Ja, es gibt unterschiedliche Grade der Annäherung. Der höchste Grad der Annäherung ist der des Nachrichtensprechers in der Tagesschau. Man hat mal berechnet, dass diesen ausgebildeten Sprechern nur in etwa jedem 40. Wort eine Abweichung von der Norm unterläuft. Diesen Wert erreicht in der Sprachwirklichkeit sonst niemand.

Auch nicht in Norddeutschland?
In Norddeutschland sind die regionalen Sprachvarietäten der hochdeutschen Norm sicherlich näher als in Süddeutschland. Das liegt aber vor allem daran, dass bei der Festlegung dieser Normen damals besonders auf die norddeutsche Aussprache Bezug genommen wurde. Wenn man sich damals entschieden hätte, sich zum Beispiel bei der „st“-Aussprache am Süden zu orientieren, würden wir nach der Norm heute vielleicht „Fescht“ statt „Fest“ sagen.

So ganz müssen wir uns in Hannover nicht von unserem Image als Stadt mit dem besten Hochdeutsch verabschieden, oder?
Doch. In Hannover wird zweifellos ein Deutsch gesprochen, das sehr nah an der nationalen Aussprachenorm liegt. Aber das gilt auch für andere norddeutsche Städte wie Kiel, Münster oder Rostock. Hannover hat da keine Sonderstellung.

Michael Elmentaler

... lehrt als Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Elmentaler ist Mitherausgeber der Reihe „Kieler Forschungen zur Sprachwissenschaft“. In dieser Reihe ist das Buch „Sprachmythen – Fiktion oder Wirklichkeit“ (herausgegeben von Lieselotte Anderwald, Peter Lang, 236 Seiten, 44,80 Euro) erschienen. Die Aufsätze behandeln Themen wie: Ist Platt cool? und: Ist Latein wirklich so logisch? Der hannoversche Linguist Peter Schlobinski hat in dem Band einen Text über den „Mythos von der Cybersprache – und seine sprachpuristischen Folgen“ veröffentlicht.

Interview: Kristian Teetz

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