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Niedersachsens Museen kämpfen um das Tafelsilber

Welfenpokale Niedersachsens Museen kämpfen um das Tafelsilber

Niedersachsen hat Pokale aus dem Nachlass Yves Saint Laurents gekauft. Sie gehörten einst den Welfen. Jetzt kämpfen Museen darum, wer sie bekommt.

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Gehörte einst den Welfen: Der Osteroder Pokalsoll jetzt wieder in Niedersachsen ausgestellt werden.

Quelle: dpa

Hannover. Die Auktion sprengte alle Rekorde: Der Modeschöpfer Yves Saint Laurent hatte seine Wohnungen mit Kunstwerken geradezu vollgestopft. Als diese nach seinem Tod vor zwei Jahren in Paris unter den Hammer kamen, erzielte das Auktionshaus Christie’s nicht weniger als 374 Millionen Euro. Unter anderem wechselten 14 Silberpokale den Besitzer, die einst Eigentum des letzten Celler Herzogs Georg Wilhelm gewesen waren. In einer konzertierten Aktion mehrerer Stiftungen – allen voran die Kulturstiftung der Länder in Berlin – gelang es, drei Glanzstücke für das Land Niedersachsen zu sichern. Jetzt aber ist um die Pokale ein Streit entbrannt, der ein Schlaglicht auf Proporzdenken und regionale Eifersüchteleien in Niedersachsens Kulturbetrieb wirft.

Bislang sind die Pokale im Residenzmuseum im Celler Schloss zu sehen, das sie auch gern auf Dauer behalten würde. Doch Braunschweig meldet seinerseits Ansprüche an: „Unser Museum ist eine Institution des Landes, und bei barocker Kunst haben wir eine zentrale Funktion für ganz Niedersachsen“, sagt Jochen Luckhardt, Direktor des Herzog-Anton-Ulrich-Museums. Außerdem habe die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz zur Kaufsumme – insgesamt über zwei Millionen Euro – mehr beigesteuert als die Stadt Celle. Da wäre es nur angemessen, wenn einer der drei Pokale nach Braunschweig ginge: „Wir sollten innerhalb Niedersachsens keine Kirchturmpolitik betreiben, sonst wird es künftig schwierig, Geldgeber für solche Ankäufe zu finden“, sagt Luckhardt.

Der Pokal, auf den die Braunschweiger erpicht sind, schlug bei der Auktion mit 853.000 Euro zu Buche. Das Prunkstück hat vier Becher, die durch Röhren miteinander verbunden sind. Ein Scherzgefäß: Zecher können alle vier Becher leeren, ohne abzusetzen, bekleckern sich dabei aber mit einiger Wahrscheinlichkeit. So führt die Konstruktion den Fluch der Maßlosigkeit vor. Der Celler Herzog Christian Ludwig bekam den Pokal anno 1649 von der Stadt Osterode geschenkt – als Teil einer sogenannten Huldigung, die zugleich Ritual und Rechtsakt war. Bei einer Huldigung hielten neue Fürsten feierlich in ihre Städte Einzug. Mit großem zeremoniellen Pomp gingen Landesherren und Vasallen ein ganzes Bündel wechselseitiger Verpflichtungen ein.

Im Zwist der Museen um das Silber lebt auch ein Stück niedersächsische Geschichte wieder auf: Lange hatte jene Welfenlinie, die später in Braunschweig herrschte, Osterode beansprucht – doch gerichtlich war der Ort schon 1617 den Celler Welfen zugesprochen worden. „Es wäre historisch völlig haltlos, den Pokal jetzt Braunschweig zuordnen zu wollen“, sagt daher Juliane Schmieglitz-Otten, Direktorin des Celler Residenzmuseums. „Alle drei Pokale sind eng mit der Geschichte Celles verbunden, für diesen Ort wurden sie überhaupt erst geschaffen.“

Tatsächlich ist allen Stücken gemein, dass sie einst zu jener prachtvollen Silberkammer gehörten, die Herzog Georg Wilhelm dort aufbaute. Als er 1705 starb, fiel sein Fürstentum mitsamt den Pokalen an Hannover. In der Zeit der Personalunion kamen sie nach Großbritannien. Später nahmen die Welfen sie mit nach Österreich, und nach dem Ersten Weltkrieg versilberten sie die Stücke irgendwann: „Aber immer gab es das Bewusstsein, dass die Pokale zusammengehören – bis zum Tod von Yves Saint Laurent“, sagt Schmieglitz-Otten. Sie träumt davon, auch die anderen elf Pokale, die 2009 in die Hand eines einzigen Käufers kamen, für eine Sonderausstellung von europäischem Rang nach Celle zu holen: „Wir dürfen die drei Stücke, die wir schon haben, nicht auseinanderreißen – nur als Ensemble vermitteln sie einen Eindruck von der Hofkultur ihrer Zeit.“

Tatsächlich präsentierten Fürsten ihre Huldigungspokale gerne als gestuftes Büfett: So, wie in Vereinsgaststätten Vitrinen voller Fußballpokale die großen und kleinen Erfolge der Klubgeschichte abbilden, spiegelte sich in diesen Pokallandschaften das Herrschaftsgebiet des Fürsten wider. Noch imposanter als das Stück aus Osterode ist der 113 Zentimeter hohe Riesenpokal, den die mächtige Stadt Lüneburg Herzog Georg Wilhelm auch als Ausdruck ihrer eigenen Bedeutung verehrte. Das dritte erworbene Silberstück ist ein eher originelles Präsent des kleineren Amtes Bodenteich – ein Tischbrunnen mit vier Nymphen, die aus ihren Brüsten Rosenwasser in Muschelschalen spritzen können. „Wirklich verstehen kann man diese Pokale nur im Zusammenhang“, sagt Schmieglitz-Otten.

Das Land, das am Ende das letzte Wort haben wird, gibt sich derweil abwartend: „Bis 2014 bleiben die Pokale erst einmal in Celle“, sagt Rüdiger Fischer vom Kulturministerium. Dann würden sie bei der großen Landesausstellung zur Personalunion in Hannover gezeigt. „Und was danach wo und für wie lange zu sehen sein soll, wird später beschlossen.“ Anders als früher darf man nicht darauf hoffen, dass so ein Zwist sich durch das Aussterben eines Familienzweiges von selbst löst.

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