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Abschied mit britischer Nacht

Niedersächsisches Staatsorchester Abschied mit britischer Nacht

Bevor das Niedersächsische Staatsorchester Sommerpause macht, zelebrierte es im Opernhaus noch eine Nacht ganz im Zeichen der Personalunion. Eine „Last Night (of the Proms)" mit viel Kult, Klamauk und Parodie.

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Alles im Griff: Generalmusikdirektorin Karen Kamensek am Pult bei der „Last night“ in der britisch beflaggten Staatsoper.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Draußen wehten die Alkoholfähnchen, drinnen hingen britische Flaggen. Auf dem Opernvorplatz gab es Wein aus deutschen Landen, im Opernhaus servierte man in der Pause zwar kein Pimm’s No. 1, den obligaten Cocktail für jede Old-Style-Garden-Party, aber immerhin Cider Pork, Roastbeef Salad und Ice Cream Crumble. Die Stimmung kochte hier und dort hoch, den Out-Door-Gästen brachte allerdings ein Gewitter Abkühlung, auf der Bühne des Opernhauses blitzte dafür das Blech und donnerten die Pauken.

Mit einem Konzertfest geht das Niedersächsische Staatsorchester nun schon seit einigen Jahren in die Sommerpause - und weil dieser Sommer in Hannover ganz im Zeichen der königlichen Personalunion zwischen Hannover und London steht, lag es nahe, als letzte Nacht eine „Last Night (of the Proms)“ zu zelebrieren. Diese Mischung aus Kult und Klamauk, aus viel Patriotismus und zunehmend mehr Parodie desselben, ist allerdings mehr als nur ein multinationales Spektakel mit Wimpeltausch. Am Anfang steht meist der Ernst.

Es hat sich schon mancher Besucher der traditionsreichen „Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall gewundert, dass er dort mit Avantgarde oder ausgewachsenen Bruckner-Sinfonien konfrontiert wurde (keine einfache Sache, wenn man als „Promenader“ einen Stehplatz ergattert hat). Zur „Last Night 2014“ wird es am 13. September erst einmal Richard Strauss und eine Uraufführung geben, ehe sich das Fernsehen zur Flaggenparade zuschaltet.

Große Musik, laute Musik

Auch in Hannover tönte erst einmal große Musik. Laute Musik! Gustav Holsts wirkungsvolle Suite „Die Planeten“. Als Kosmologin hatte Generalmusikdirektorin Karen Kamensek alles im Griff. Das Staatsorchester präsentierte klangmächtig die Stimmungsbilder, die seit ziemlich genau einem Jahrhundert die Filmmusikkomponisten inspirieren. Dass Holst (der auch ein kreativer Chorkomponist war) für sein abschließendes Porträt des Planeten Neptun gerade einmal knapp fünf Minuten lang einen Frauenchor bemüht, freut alle Rundfunk- und Opernchöre, die hier einen überschaubaren Dienst absolvieren. Im Lavesbau kamen die schwebenden, raunenden Klänge von den oberen Rängen und sorgten so für sphärische Stimmung.

Dann ging es in die lange Pause, in der im ganzen Haus musikalische Schmankerl serviert wurden - natürlich alles „very british“. Im Marschnersaal präsentierten Martin G. Berger als Zirkusdirektor und Rebecca Davis und Michael Chacewicz Ausschnitte aus dem Musical „Stop the World - I Want to Get Off“, das vor über fünfzig Jahren einen noch immer gültigen Überlebensslogan und den Welthit „What Kind of Fool“ (nicht nur für Barbra Streisand und Barry Gibb) lieferte. Ob der auch hier zu hören war, verpasste, wer ins Lavesfoyer eilte, wo Mareike Morr mit einer anrührenden Interpretation von G. F. Händels Opernarienhit „Lascia Ch’io Pianga“ einen Moment der Wahrhaftigkeit gegen das Pausengemurmel stellte. Beide Programme wurden zwar wiederholt, aber in den beiden Garderobenräumen im Erdgeschoss wartete ja noch englische Kammermusik in farbenreichen Varianten.

Danach wurde es endlich so bunt, wie die „Proms“-Fans es erhofften. Martin G. Berger, der sich am Hause erfolgreich vom Regieassistenten und Abendspielleiter zum Regisseur hocharbeitet, gab den Zeremonienmeister. Oder besser den Animateur. Wenn er in der kommenden Spielzeit hier als Regisseur der „Fledermaus“ ebenso trockenen Humor präsentiert wie als Conferencier, dann dürfen wir uns freuen.

Double der Queen

Bei William Waltons „Krönungsmarsch“ ging es noch eher verhalten zu. Die Best-of-Sullivan-Suite aus „Pine-apple Poll“ ging schon deutlicher in die Beine. Und bei Henry Woods „Fantasia on British Sea Songs“ gab es kein Halten mehr. Auch wer im Orchester kein britisches Emblem trug, zeigte doch imperialen Geist und folgte Karen Kamensek zielsicher. Das Publikum klatschte rhythmisch erstaunlich präzise und lieferte dem Orchester den Wettstreit, wer am schnellsten kann (unentschieden!). Die Hannoveraner summten und stimmten Hymnen an, als hätten sie immer noch gerne einen englischen König - sie bekamen am Ende aber nur ein Double der Queen.

Als unvermeidlich das „Land of Hope and Glory“ beschworen und die vielen kleinen Papier-Union-Jacks geschwenkt wurden, konnte man schon mal überlegen, wie diese Flagge wohl aussehen würde, wenn Schottland beim geplanten Referendum tatsächlich für die Unabhängigkeit und den Ausstieg aus dem United Kingdom stimmen würde. Der Union Jack, der die Flaggen der Vereinigten Königreiche übereinanderblendet, sähe anders aus. Was das kosten würde! Das sollte den sparsamen bis geizigen Schotten zu denken geben. Aber es geht ja um das „Land of Hope“.

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