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Kultur Niki de Saint Phalle ganz groß
Nachrichten Kultur Niki de Saint Phalle ganz groß
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00:16 28.04.2016
Von Daniel Alexander Schacht
Nahaufnahme einer Skulptur von Niki de Saint Phalle in der Einblickshalle des Sprengel Museums. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Ins Leere verdreht sind die Augen der Babypuppe in den Krallen des meterbreiten Monsters, und leer wirkt auch der Blick dieses Wesens – ein Aggressor, der ebenso deformiert ist wie das von ihm gequälte Opfer.
„Kinderfresser“ hat Niki de Saint Phalle (1930–2002) diese Skulptur genannt, die praktisch alle Elemente ihrer künstlerischen Arbeit aufweist: die knallbunten Muster, die man auch von ihren Nanas kennt, auf dem einen Flügel und auf dem anderen mit Drähten fixierte zähnebleckende Spielzeugsaurier. Also die Zurichtung von harmlosen Alltagsgegenständen, von Farbe, Glasfaser und Metall, zu Visionen von Macht und Ohnmacht, Missbrauchs- und Todesängsten, Gewalttätigkeit und Verletztheit.

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Das Sprengel Museum zeigt bis Januar 2017 in der Einblickshalle ausgewählte Werke der Künstlerin Niki de Saint Phalle. 

Der „Kinderfresser“ hängt jetzt in der Einblickshalle des Sprengel-Museums – als eines von gut anderthalb Dutzend auch ansonsten recht spektakulären Exponaten der am Dienstag startenden Niki-de-Saint-Phalle-Schau „The Big Shots“. Sie ist nach dem Ende der Pierre-Huyghes-Ausstellung für sechs Wochen die einzige Kunstschau des Sprengel-Museums – ein Umstand, mit dem der Chef des Hauses durchaus offensiv umgeht. „Wir nähern uns in großen Schritten der großen Sammlungsschau“, sagt Reinhard Spieler unter Hinweis auf Umbauarbeiten für die Anfang Juni startende und erstmals das ganze erweiterte Museum bespielende Ausstellung „130 % Sprengel“. „Darin besetzt Niki de Saint Phalle zweifellos die publikumsträchtigste künstlerische Position, obwohl es bei 
,130 % Sprengel’ keineswegs an Highlights mangeln wird.“

Der Nana-Skandal

Schon von außen sind durch die Glasfront der Einblickshalle der große, mit Spiegelscherben besetzte „Obelisque de miroirs“ (1993) und kleinere Arbeiten in Vitrinen ebenso zu erblicken wie die große „Gwendolyn“ (1966/1990), die zur Werkgruppe der Nanas gehört. Die Installation dreier Nanas am Leineufer hat 1977 noch einen Skandal ausgelöst. Inzwischen sind die übergroßen Schwellformkörper geradezu ein Wahrzeichen der Stadt, so dekorativ und unumstritten, dass Hannover sogar seine zentrale Konsummeile nach Niki de Saint Phalle benannt hat.

Nana, die künstlerische Banalität von der Leine? „Niki hatte keine Scheu vor Kitsch, Dekor und Pop“, sagt Carina Plath, Vizechefin des Museums und Kuratorin von „The Big Shots“. Die Wahrnehmung der französisch-amerikanischen Künstlerin sei in den vergangenen Jahren leider stark von „Dekoramsch“ – etwa den knallbunten, nicht lizenzierten Nana-Nachempfindungen – beeinträchtigt worden, räumt Museumschef Spieler ein. „Das hat vielleicht den Blick darauf verstellt, dass sich ihre Arbeit keineswegs aufs Dekorative reduzieren lässt.“

„Eine Ikone des künstlerischen Feminismus“

Den neuen Blick auf die alte Freundin der Stadt, die dem Sprengel Museum im Expo-Jahr 2000, als hier auch die Niki-Grotte entstand, rund 400 Werke geschenkt hat, soll nun diese Kunstschau bieten. Ihr Titel erinnert daran, dass Niki de Saint Phalle zunächst mit Schüssen auf Farbbeutel vor Leinwänden oder mit Assemblagen den Nerv der frühen Sechzigerjahre getroffen hat. Etwa mit „My Lover“ (1961), bei dem der Kopf des „Geliebten“ aus einer Schießscheibe besteht. Mit „La mort du patriarche“ (1962), bei dem ein Spielzeugjet wie ein Phallus auf einem farbbespritzten Rumpf zwischen Farbdosen, Panzer und Pistole prangt. Oder mit „Ahriman et Lucifer attacquent“ (1962). Darauf rücken die beiden Verkörperungen des Bösen von zwei Seiten vor, und zur Gegenwehr scheint nur eine Puppe mit einer Pistole in dieser Szene gerüstet, der die katholisch aufgewachsene Künstlerin noch die Form des Triptychons mit Altarretabel im Zentrum. Solche Arbeiten zeugen davon, dass Niki de Saint Phalle mehr als nur den frühen Missbrauch durch den eigenen Vater verarbeitet hat. Sie gilt heute, wie Spieler sagt, als „Ikone des künstlerischen Feminismus“.

Bemerkenswerte Kontraste

Auf diese Weise ist im Sprengel Museum jetzt Blasphemie pur, Kirchen-, Gesellschafts- und Patriarchatskritik neben Vitrinen mit hübschen, doch vergleichsweise harmlosen Modellen für jenen Skulpturengarten zu sehen, den Niki de Saint Phalle in den Neunzigerjahren noch im toskanischen Capalbio fertiggestellt hat. Ein bemerkenswerter Kontrast. Der neue, umfassendere Blick auf die Künstlerin hat sich nach Spielers Einschätzung indes so recht erst mit der großen Niki-de-Saint-Phalle-Schau durchgesetzt, die 2014 im Pariser Grand Palais und 2015 im Guggenheim-Museum Bilbao zu sehen war.

Weil Hannover mit seinem reichen Sammlungsbestand für beide Orte ein Hauptleihgeber war, dürfte es hier übrigens auch einen neuen Blick auf die meisten ausgestellten Werke geben. „Die Arbeiten von Niki de Saint Phalle sind besonders empfindlich und müssen permanent restauriert werden“, sagt Spieler. Für den Leihverkehr werden Exponate aber stets auf Kosten des Leihnehmers restauriert – und fast alle Exponate der neuen Ausstellung waren auch in Paris und Bilbao, dürften also trotz teils hohen Alters wieder in Bestzustand sein.

Ausstellungstipp

„The Big Shots“. Bis 29. Januar 2017 im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Eröffnung am Dienstag um 18.30 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier. 

Pierre-Huyghe-Ausstellung ist vorbei

Es hat sich ausgebrummt: Die Fliegen aus der Installation „Orphan Patterns“ von Pierre Huyghe im neuen Anbau des Sprengel-Museums stellen ihren Ausstellungsbetrieb ein.

Etwa 35.000 Fliegen sind insgesamt für das Kunstprojekt des Kurt-Schwitters-Preisträgers Pierre Huyghe im Sprengel-Museum zum Einsatz gekommen. Mit 10.000 Tieren begann die Show, alle zwei Wochen wurden 5000 Maden nachgeliefert. Tiere als künstlerisches Material zu nehmen, das fanden einige sehr, andere aber auch gar nicht gut. Der Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ war begeistert. Er schrieb: „Die beste Antwort auf die Frage, was heute ein Bild ist, liefert der französische Starkünstler Pierre Huyghe.“ Katja Marnetté von der Tierschutzabteilung des Tierheims Hannover sagte, dass ihr in der Ausstellung „der Respekt vor unseren Mitgeschöpfen“ gefehlt habe.

10 .126 Besucher sind in den knapp zehn Wochen Laufzeit in die Ausstellung von Pierre Huyghe gekommen. Die anderen Räume des Museums waren zu der Zeit wegen Renovierung geschlossen. Der Abbau erfolgt langsam. Der Raum mit den Fliegen, der im Zentrum der Ausstellung stand, wird erst ganz zum Schluss demontiert. Anders als Bilder, die am Ende einer Ausstellung im Depot landen, werden die tierischen Akteure (oder das, was von ihnen am Ende übrig bleibt) nicht aufbewahrt. Im Fliegenraum ist jetzt längst nicht mehr so viel los wie zu Beginn der Ausstellung, denn die letzte Nachlieferung von Maden ist schon längere Zeit her. Die verbleibenden tierischen Akteure der Ausstellung werden jetzt einfach in Ruhe gelassen, bis sie gestorben sind. rom     

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