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Österreicher bekommen frauengerechte Nationalhymne

Jetzt kommen die Töchter! Österreicher bekommen frauengerechte Nationalhymne

Jetzt kommen die Töchter! Die Österreicher bekommen eine frauengerechte Nationalhymne – auch außerhalb der Alpenrepublik ist das Hymnenumdichten ausgebrochen.

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Die Österreicher bekommen eine frauengerechte Nationalhymne.

Quelle: dpa

„Bundeshymnen-Coup“ oder „Gender-Klamauk“? Die österreichische Nationalhymne wird frauengerecht umgedichtet. Das konnten die Frauensprecherinnen von Volkspartei, SPÖ und Grünen jetzt in Wien stolz verkünden. Sogar die rechtspopulistische BZÖ des verstorbenen Jörg Haider scheint sich über den Hymnensieg der scheidenden österreichischen Frauenministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP) zu freuen. Zwar hatten ÖVP-Abgeordnete im Parlament zunächst erfolgreich mit Dauerreden verhindert, dass die Ministerin zu Wort kam. Es nützte ihnen aber nichts.

Künftig wird in Österreich zu feierlichen Anlässen also geschlechtsneutral gesungen. Schon zum 1. Januar 2012 könnte die neue Version verbindlich werden. Statt der inkriminierten Zeile „Heimat bist du großer Söhne“ soll es dann „Heimat großer Töchter, Söhne“ heißen. Das Feintuning ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Bei den Frauenpolitikern gehen täglich Vorschläge ein, auch werden Hymnen auf ihre Anrufbeantworter gesungen. Die Strophe singe sich mit Töchtern sogar besser, finden manche. Was mit den „Brüderchören“ (vielleicht „Geschwisterchöre“?) geschehen soll, und ob es künftig beispielsweise „Vater- und Mutterland“ heißen soll, ist noch offen.

Den hymnentypisch nationalmartialischen Ursprungstext hat dabei nicht einmal ein Mann ersonnen, sondern die Dichterin Paula von Preradovic. Was Kritiker aus der FPÖ „Gender-Klamauk“ nennen, ist für Grüne eine „Frage des Respekts“. Im Internet gibt es einen ganzen Wulst an Kommentaren wie „Das ist kein Sieg, sondern grenzenloser Blödsinn“, oder Seufzern: „Gott sei Dank, Österreich hat keine anderen Sorgen.“

Der Hymnendurchbruch hat unterdessen einen neuen Volkssport losgetreten. Alle möglichen Hymnen werden jetzt lustvoll durchgekämmt. In der Tiroler Landeshymne „blutet der Brüder Herz“, Salzburg ist gleich eingangs das „Land der Väter“, in der Europa-Hymne „An die Freude“ (Schiller/Beethoven) werden „alle Menschen Brüder“, immerhin aber gibt es eine „Tochter aus Elysium“. Die Marseillaise fängt mit „Allons enfants de la patrie“ gut an, doch die französischen Rotmützen verhauen den Eindruck mit der Parole „liberté, égalité, fraternité“.

Und natürlich kommt auf den Prüfstand: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!“ und drei Takte weiter: „brüderlich mit Herz und Hand!“, das sich auf „Vaterland“ reimt.

Mit Begriffen wie Gender-Mainstreaming, Gender-Theorie oder Queer-Theorie können viele Menschen nichts anfangen. Im akademischen Diskurs aber spielen solche postmodern-dekonstruktivistischen Ansätze eine wichtige Rolle. Das intellektuelle Rüstzeug lieferte unter anderem der französische Philosoph Jacques Derrida (1930–2004). Von ihm stammt der schöne Neologismus „Phallogozentrismus“. Auf den Spuren Sigmund Freuds spürte der Denker Zusammenhängen von (Ur-)Vaterland, (Ur-)Vatermord, Brüderlichkeit, Brudermord und Demokratie nach. Bergen unsere Hymnen vielleicht im Kern ein schreckliches Geheimnis? Und was passiert, wenn wir sie umdichten? Ändern sich dann auch Verhältnisse? Solche Hoffnungen hegen jedenfalls Gender-Theoretiker, wahrscheinlich nicht einmal zu Unrecht.

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