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Kultur Olaf Nicolai macht Kunst mit Zwillingen
Nachrichten Kultur Olaf Nicolai macht Kunst mit Zwillingen
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06:16 19.03.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Konzeptkünstler Olaf Nicolai beschäftigt sich mit der Frage der Identität von Zwillingen. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Für die Kunstfestspiele Herrenhausen erarbeiten Sie ein Projekt mit Zwillingen. Warum?

Ich beschäftige mich in meinen Arbeiten seit Langem schon mit Fragen der Identität. Mich interessiert, wann und wie man sich selbst als Ich begreift. Zwillinge sind immer auch eine Frage an das Ich. Ihre äußere Ähnlichkeit wirkt ja auf viele erst mal verstörend.

Dieses merkwürdige Erfahrung ist ja schon oft künstlerisch verarbeitet worden, meist literarisch oder filmisch. Sie aber beschäftigen sich mit dem Zwillingsthema als bildender Künstler.

Literarisch und filmisch wird ja meist die Begegnung mit Zwillingen geschildert. Und darum wird es auch in meiner Arbeit gehen. Ich biete den Besuchern an, mit Zwillingen durch die Herrenhäuser Gärten spazieren zu gehen. Dazu suche ich noch einige eineiige Zwillingspaare aus der Region. Die Zuschauer werden einen Spaziergang mit Zwillingen buchen können. Von dem, was dann passiert, ist nichts vorgegeben. Die Besucher können Fragen stellen oder sich über sonst etwas unterhalten oder auch nur schweigend durch den Garten gehen. Es geht um die Erfahrung, in den Herrenhäuser Gärten mit Zwillingen spazieren zu gehen.

Da passt es ja, dass Symmetrie bei der Anlage des Gartens auch eine Rolle gespielt hat.

Genau das interessiert mich: Bilder, die gleich aussehen, aber doch nicht gleich sind. Das Faszinierende bei Zwillingen ist ja, dass man immer glaubt, die Personen seien irgendwie identisch; sie hätten die gleiche Identität. Aber das ist nicht so. Es ist eine Differenz da, es sind zwei unterschiedliche Wesen. Dieses Spiel von Identität und Differenz interessiert mich.

Werden Sie da viel inszenieren?

Nein. Die Zwillinge sollen nicht spielen, sondern möglichst sie selbst sein.

Eineiige Zwillinge dürften Fragen nach der Identität und nach dem Gefühl, wie das ist, wenn da noch jemand ist, der so aussieht wie man selbst, schon kennen. Dürfen sie auch genervt reagieren?

Das ist vollkommen ihnen selbst überlassen. Sie können auch das Gespräch über das Zwillingsthema verweigern und sagen, dass sie über etwas anderes reden wollen. Der Besucher wird auf jeden Fall die merkwürdige oder angenehme Erfahrung machen, wie es ist, mit gleich aussehenden Zwillingen durch eine symmetrisch angelegte Parkanlage zu gehen.

Werden Zwillinge, die so einen Zwillingsspaziergang buchen, freien Eintritt bekommen?

Das ist eine gute Idee. Wir werden darüber nachdenken.

Sie haben schon einmal mit Zwillingen in einem Garten gearbeitet.

Ja, das war 2002 in Wismar. Dort haben wir Bürgergärten für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich habe damals zwei eineiige Zwillingspaare gebeten, für die Dauer der Ausstellung im Garten anwesend zu sein. Es war interessant zu beobachten, wie die Besucher auf die Zwillinge reagiert haben.

Warum verbinden Sie das Thema Garten so gern mit dem Thema Zwilling?

Weil Natur und Künstlichkeit sich im Garten ganz unmittelbar als Thema darstellt. Auch bei Zwillingen geht es immer darum, das anscheinend Naturgegebene infrage zu stellen. Das Interessante an Zwillingen ist, dass das Bild das Gleiche zu sein scheint, aber doch immer ganz Unterschiedliches meint. Das ist ein grundlegendes Problem in der Wahrnehmung von Bildern: Wenn Bilder gleich aussehen, meinen sie doch nicht das Gleiche.

Sie sind als kapitalismuskritischer Künstler bekannt - ist so ein Spaziergang mit Zwillingen nicht auch ein bisschen harmlos?

Die Frage nach der Identität ist doch immer auch eine ökonomische Frage. Mir ist heute am Bahnhof eine Werbebotschaft von TUI aufgefallen: "Gerade einen wichtigen Menschen wieder getroffen. Mich selbst." Hier ist die Auseinandersetzung mit dem Ich bereits zur Ware geworden. Zudem kommt es darauf an, was die Beteiligten beim Spaziergang im Kopf haben. Ein Gespräch kann eine große Sprengkraft haben - das ist zumindest meine Erfahrung. Ein Gespräch kann eine größere Sprengkraft haben als eine Bombe.

Die Fragen stellte Ronald Meyer-Arlt.

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