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Über das Ungeheuerliche schreiben

Roman "Engelherd" Über das Ungeheuerliche schreiben

Manche Dinge sind so grausam, dass es kaum möglich ist, diese Wirklichkeit abzubilden. Weil die Autorin Olga Martynova aber das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte anfassen wollte, ohne sie konkret abbilden zu müssen, bedient sie sich in ihrem neuen Roman „Der Engelherd“ (Fischer-Verlag. 368 Seiten, 23 Euro) der Fantastik: der Engel.

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Olga Martynova

Quelle: Villegas

Hannover. Doch hier geht es nicht um Glaubensfragen, und Martynovas Darstellung driftet niemals ins Kitschige: Ihre Engel sind körper-, zeit- und sprachlos und haben im Roman die Funktion des Trostes, sie tauchen überall dort auf, wo Leid passiert. „Die Wirklichkeit, wie sie sich hier darstellt, kann man auch nicht ohne Engel ertragen“, sagt Gabriela Jaskulla, die bei der Buchvorstellung im Literaturhaus mit Martynova über ihren neuen Roman spricht.

In „Der Engelherd“ – nach der Darstellung im Buch eine „Vorrichtung zum Fangen von Engeln“, angelehnt an den mittelalterlichen Vogelherd – erzählt Martynova vom Schriftsteller Caspar Waidegger, seiner behinderten Tochter Maria und seiner Beziehung zur jungen Studentin Laura. Es ist also ein Roman über die Liebe. Es ist aber auch ein Roman über das Erzählen – und über deutsche Geschichte und darüber, wie mit Schuld umgegangen wird: Mit einigen Bekannten beginnt Caspar an einer Geschichte zu arbeiten, die er bald allein fortsetzt. Er will ein Buch schreiben, das „kitschig wie das Leben selbst und nicht wie kitischige Kunst“ wird. Dieser Roman im Roman, ein klassischer Kunstgriff, erzählt wiede-rum die Geschichte einer Schauspielerin und ihrer behinderten Tochter. Es dauert, bis Caspar bemerkt, dass er dabei eigentlich die Geschichte seiner Mutter und seiner behinderten Schwester aufarbeitet, die im Dritten Reich Opfer der Euthanasie wurde. Erst durch das Erzählen dieser Geschichte kann er seiner eigenen Familiengeschichte näherkommen, und so ist Martynovas Roman zugleich der Entwicklungsroman eines alten Mannes.

Trotz dieser Konstruktion mehrerer Ebenen folgt der Roman einer klaren Struktur, der Roman im Roman ist typografisch abgesetzt, einzelne Wörter sind durchgestrichen, um das Manuskripthafte kenntlich zu machen. Martynova bedient sich mehrerer Kunstgriffe, die zur Chiffrierung des Romans beitragen: Immer wieder verweisen Aussagen auf den Roman selbst: „Es gibt keine Geschichte, es gibt nur die Art, sie zu erzählen. Wer besser erzählt, der bestimmt, was stimmt.“

Auch sind die beiden Hauptfiguren Laura und Caspar Martynovas Roman „Mörikes Schlüsselbein“ entlehnt. „Er kam dort nicht gut weg“, erklärt die Autorin im Literaturhaus über Caspar. Sie habe an der Figur eine Tiefe gesehen, der sie in einem anderen Roman, nun also in „Engelherd“, nachgehen wollte. Auch treten neben den Engeln Hölderlin und dessen Pendant, der russische Dichter Konstantin Batjuschkow auf. Durch all diese fantastischen Wesen und realen Menschen, die dort nebeneinander auftreten, habe man das Gefühl, es liege ein „explodiertes Opernlibretto“ vor, meint Jaskulla. Gleichwohl sei der Roman deshalb nicht schwieriger zu lesen. Man müsse nur bereit sein, sich auf die metaphysische Ebene dieser Erzählung einzulassen.

Mit diesem Roman hat sich die in Sankt Petersburg aufgewachsene Olga Martynova einer Ungeheuerlichkeit angenommen, deren Auseinandersetzung nur schwer zu bewältigen ist. Warum ausgerechnet dieses Thema? „Wenn ich in Deutschland lebe und in Deutschland schreibe, kann ich nicht sagen: Das geht mich nichts an“, sagt sie dazu. Seit fast dreißig Jahren wohnt sie in Deutschland, Prosa schreibt sie auf Deutsch, Lyrik hingegen noch immer auf Russisch. „Schreiben ist eine sehr schwierige Aufgabe, es ist fast egal, in welcher Sprache man schreibt, solange man: schreibt“, sagt sie. Ihr Debütroman „Sogar Papageien überleben uns“ schaffte es 2010 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises, sie ist außerdem Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises.

Von Katharina Derlin

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